Ledigenwohnheim in der Pützerstraße
von Nikolaus Heiss
Das Ledigenwohnheim (im Darmstädter Volksmund auch „Bullenburg“ genannt), ist einer der fünf in Darmstadt verwirklichten Meisterbauten, die 1951 aus dem „Darmstädter Gespräch“ zum Thema „Mensch und Raum“ hervorgegangen sind. Ernst Neufert (1900-1986) war der Architekt des einzigen Wohnhauses in der Reihe der Meisterbauten.

Die Realisierung des Ledigenwohnheims erfolgte von 1952 bis 1955 durch den Bauverein für Arbeiterwohnungen. Mit 131 Ein-Zimmer-, acht Zwei-Zimmer- und 15 Drei-Zimmer-Wohnungen war das Gebäude hauptsächlich für Alleinstehende und junge Ehepaare geplant. Beim Entwurf der Wohnungen konnte Neufert seine Erfahrungen mit Optimierung von Grundrissen umsetzen: Auf knappstem Raum verwirklichte er hohe Funktionalität und Wohnkomfort. Die im Haus befindliche Wäscherei, der Laden, ein Bierausschank auf dem Dach und ein Restaurant machten die Anlage zu einem Multifunktionsgebäude.

Im Gegensatz zu den beim Wiederaufbau üblichen einfachen Wohnblocks gestaltete Neufert eine raffinierte architektonische Komposition, die von vier ausgewogenen, in der Höhenentwicklung bewegungsreichen kubischen Körpern lebt. Sie gliedern den Gesamtkomplex vielfältig und bilden differenzierte Außen- und Innenräume; hier kommen Prinzipien der am Bauhaus entwickelten klassischen Moderne zum Ausdruck. Während der drei- bis viergeschossige U-förmige Gebäuderiegel im Norden, Osten und Süden zu der Nachbarbebauung vermittelt, entwickelt der siebengeschossige Querflügel eine starke städtebauliche Dominanz, wobei jedoch durch das Zurücksetzen des Baukörpers die nötige Distanz zum Straßenraum gewahrt bleibt.


Ernst Neufert
ist weltweit bekannt geworden durch seine Bauentwurfslehre, dem „Neufert“, einem Architekturbuch für Normung und Bauplanung, das 1936 zum ersten Mal erschien und bis heute immer wieder aktualisiert wird. Inzwischen ist es in 18 Sprachen übersetzt weltweit für Architekten und Studierende verfügbar. Er war ein „Bauhäusler“ und arbeitete und lehrte am Bauhaus zwischen 1919 und 1933 unter Walter Gropius und Otto Bartning. Aufgrund seiner Fähigkeiten wurde er 1939 von Albert Speer mit der Rationalisierung und Normierung des Bauwesens beauftragt. Seine damalige Nähe zum NS-Regime spielte nach dem Zweiten Weltkrieg keine Rolle: Die Technische Hochschule Darmstadt berief ihn 1946 als Professor für Baukunst, 1953 eröffnete Neufert sein eigenes Architekturbüro.
Darmstädter Gespräche – Meisterbauprojekt
Unter dem Eindruck der umfassenden Zerstörung Darmstadts im Zweiten Weltkrieg, dem Ende des NS-Regimes und dem Verlust der Hauptstadtfunktion, haben sich Darmstädter Politiker, Künstler und Philosophen überlegt, mit einer Reihe von meist dreitägigen Symposien die drängenden Probleme der Zeit öffentlich zu erörtern. Die international beachteten ersten zehn Darmstädter Gespräche von 1950 bis 1968 begannen 1950, initiiert von der „Neuen Darmstädter Sezession“, mit dem Thema „Das Menschenbild in unserer Zeit“. Die zweite Veranstaltung 1951 mit dem Thema „Mensch und Raum“ wurde anlässlich des 50. Jahrestags der Ausstellung der Künstlerkolonie von 1901 „Ein Dokument Deutscher Kunst“ mit dem Versuch, an deren Ideale anzuknüpfen und der Architektur der Nachkriegszeit neue Impulse zu geben. Es wurden elf Entwürfe vor allem kommunaler Bauten wie Schulen von bedeutenden Architekten (Meistern) vorgestellt, von denen im Laufe der nächsten Jahre fünf verwirklicht werden konnten: das Ledigenwohnheim von Ernst Neufert, die Frauenklinik von Otto Bartning und Otto Dörzbach, das Ludwig-Georgs-Gymnasium von Max Taut, die Georg-Büchner-Schule von Hans Schwippert (siehe VORHANG AUF Magazin September 2025) und die Kinderwelt von Franz Schuster.


Mit der Verwendung hart gebrannter dunkelroter Klinkersteine gelingt es Neufert, am Fuße der Mathildenhöhe eine gestalterische Beziehung zum Hochzeitsturm herzustellen. Diese wertige Gebäudehülle ergibt im Kontrast mit dem hellen Sichtbeton der Balkone eine spannungsreiche Gliederung, die der Monotonie der sich vielfach wiederholenden Elemente entgegenwirkt. Der Neufert-Bau ziert das Titelbild der Denkmaltopographie Darmstadts von 1994, womit die in der Denkmalpflege damals neue Auseinandersetzung mit der Nachkriegsmoderne zum Ausdruck kommt.
Im Laufe von vier Jahrzehnten änderten sich die Anforderungen an die Nutzung des Gebäudes: Kleine Apartments waren kaum noch gefragt, weshalb der Eigentümer 1996 die Architekten Ramona Buxbaum und Peter Karle mit der Sanierung und dem Umbau beauftragte. Nach sechs Jahren waren die Arbeiten abgeschlossen, die Zahl der jetzt größeren Wohnungen auf etwa die Hälfte reduziert und anstelle des Bierausschanks auf dem Dach sind Penthäuser entstanden. Die in Abstimmung mit der Denkmalpflege abgestimmte Erneuerung des Hauses ist dank des sensiblen Umgangs mit der originalen Bausubstanz und der gestalterischen Qualität des Hinzugefügten rundum gelungen.


