Ingo Schulze, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, hat mit „Das Wasser im August“ einen Roman über das Erinnern vorgelegt: Unaufgeregt und mit leisem Humor.

Ein Sommer kann ein ganzes Leben verändern. Zumindest in der Erinnerung. Ingo Schulze nimmt uns in seinem neuen Roman „Das Wasser im August“ mit ins Mecklenburg des Jahres 1979: Ein 16-Jähriger entdeckt Bücher, Kunst und die erste Liebe – und damit eine Welt, die größer ist als die DDR, in der er lebt.

Doch Schulze erzählt nicht einfach von einem vergangenen Sommer. Er erzählt davon, wie Erinnerung funktioniert. Denn der Roman springt zwischen 1979 und der Gegenwart hin und her: Ein inzwischen über 60-jähriger Schriftsteller reist 2025 nach Mecklenburg und trifft dort auf eine Figur aus seiner Vergangenheit. Was damals geschah, wird plötzlich fragwürdig. War es so? Oder hat die Erinnerung längst ihre eigene Geschichte daraus gemacht?

Das ist der eigentliche Reiz dieses Romans. Schulze schreibt über die DDR, ohne sie zum nostalgischen Museum zu machen. Da ist die politische Enge, aber eben auch das Lebensgefühl junger Menschen, ihre Neugier, ihre Sehnsüchte und ihre Lust, die Welt zu entdecken. Die Vergangenheit erscheint nicht in Schwarz-Weiß, sondern in vielen Zwischentönen.

Und Schulze kann erzählen. Von Landschaften und Büchern, von Freundschaften und Verliebtheit, von Gesprächen, die scheinbar nebensächlich sind und später plötzlich Bedeutung bekommen. Dabei bleibt sein Ton so, wie man den Autor kennt: Angenehm unaufgeregt. Kein großes Pathos, keine Ostalgie – dafür leiser Humor, genaue Beobachtungen und eine gehörige Portion Melancholie.

„Das Wasser im August“ ist deshalb mehr als ein Roman über einen Sommer 1979. Es ist ein Buch über das Erinnern selbst – und über die Frage, wie viel Wahrheit in unseren persönlichen Geschichten steckt. Vielleicht ist manches genau so gewesen. Vielleicht anders. Vielleicht ist gerade das die Wahrheit.
Ein kluger, warmherziger und angenehm unaufdringlicher Roman – für alle, die sich gerne daran erinnern, wie es sich angefühlt hat, zum ersten Mal die Welt für sich zu entdecken.

Frank Horneff

Ingo Schulze

„Das Wasser im August“

S. Fischer Verlag

320 Seiten

26 Euro

Termine:

Lesung am Dienstag, 21. Oktober, 19 Uhr, Literaturhaus, Kasinostraße 3, Darmstadt.

Am Samstag, 24. Oktober, 16 Uhr wird Ingo Schulze als Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung im Staatstheater Darmstadt die Schriftstellerin Christine Wunnicke mit dem Georg-Büchner-Preis auszeichnen – dem renommiertesten Literaturpreis im deutschsprachigen Raum