„Licht, Luft und Sonne“

von Nikolaus Heiss

Das humanistische Ludwig-Georgs-Gymnasium, ist einer der fünf in Darmstadt verwirklichten Meisterbauten, die 1951 aus dem „Darmstädter Gespräch“ zum Thema „Mensch und Raum“ hervorgegangen sind. Max Taut (1884-1967) ist der Architekt des zweiten Schulkomplexes in der Reihe der Meisterbauten.

Die Realisierung des Ludwig-Georgs-Gymnasiums erfolgte von 1951-55 an der Nieder-Ramstädter Straße. Der Bau mit drei unterschiedlich hohen U-förmig angeordneten Baukörpern umschließt einen Schulhof, der sich nach Norden öffnet und auf diese Weise den begrünten Kapellplatz optisch in die Anlage einbezieht. Nach Westen angehängt ist die Sporthalle, die auch als Aula genutzt werden kann. Ihr vorgelagert befindet sich ein Sportplatz.

Vorbild der Planungskonzeption war der vor 1933 programmatisch vertretene Typus der Freiluftschule, der normalerweise in eingeschossiger Pavillonbauweise optimal verwirklicht werden konnte. Wegen des kleinen Grundstücks brachte Taut die Freiluftschulen im zweigeschossigen Stockwerksbau des westlichen Flügels unter. Aufgrund des Lärms der Straße und des Sportplatzes mussten die Freiklassen jedoch 1962/63 geschlossen werden und wurden zu normalen Klassenräumen umgebaut.

Der den Komplex gegen die Straße abschließende eingeschossige Südflügel besteht aus einer offenen Pausenhalle mit dahinter liegenden Sanitär- und Wirtschaftsräumen. Eine Besonderheit ist das flach geneigte Dach bestehend aus Glasbausteinen, eingebettet in eine von schlanken Stützen getragene gitterförmige schmale Betonstruktur, wodurch die Pausenhalle zu einem lichtdurchfluteten Raum wird.

Der östliche, dominierende fünfgeschossige Flügel enthält die Verwaltung im Erdgeschoss, darüber die Klassenräume der Oberstufe und die Fachklassen. Außergewöhnlich ist der zweiseitig belichtete Zeichensaal im obersten Geschoss. Im Souterrain ist ein Musiksaal eingerichtet. Die sichtbare Stahlbeton-Rahmenkonstruktion gliedert den Bau allseitig. Geschlossene mit gelben Keramikplatten verkleidete Brüstungsfelder wechseln sich mit der großzügigen Befensterung ab, die dem Gebäude eine starke Offenheit und Transparenz verleihen. Taut verwirklicht damit in seinem Schulbau das Prinzip von „Licht, Luft und Sonne“, einem Grundsatz der Reformarchitektur vom Beginn des 20. Jahrhunderts.

Taut hat nicht nur einen gesamtkünstlerischen Entwurf im Sinne des modernen demokratischen Bauens verwirklicht, sondern konnte auch über Mittel aus dem Programm „Kunst am Bau“ einige Kunstwerke in das Schulgebäude integrieren und damit jungen Menschen die zeitgenössische Kunst näherbringen. Insgesamt sind sechs künstlerische Objekte in die Anlage eingebunden: „Figuren in Beziehung“ von Bernhard Heiliger, eine Brunnenplastik von Karl Hartung, „Großer Sitzender“ von Helmut Brinkmann, Wandbild „Ilias“ von Hans Leistikow, zwei Mosaikwände von Helmut Lander und ein Wandbild von Heinz-Otto Müller-Erbach.