Und schon saß sie mir gegenüber und redete mit mir, so, als würden wir uns schon ewig kennen. Langsam wurde ich mutiger. Ich stotterte weniger und meine Stimme klang nicht mehr so hoch und fistelig, sondern mehr nach meiner eigenen.
Plötzlich sagte jemand anders „Hallo“ und mir biss ein intensiv billiges Rasierwasser in die Nasenflügel. Meine Gesprächspartnerin ließ mich fallen und wendete sich diesem grobschlächtigen Einmeterneunzig-Typen zu, der garantiert Frauen schlug und allabendlich bis zum Erbrechen Bier soff. Zum Glück war das Gequatsche nur von kurzer Dauer und die Frau gehörte wieder voll und ganz mir. Meine Frage, woher sie denn den Kerl kenne, beantwortete sie mir bereitwillig mit ach, nur ein Nachbar und der arbeitet beim Sondereinsatzkommando der Polizei. Irgendwie beruhigte mich das nicht, aber der Typ hatte sich an einen Tisch am anderen Ende des Platzes verzogen und meine Gesprächspartnerin bot mir ihren Vornamen an, redete mit mir und legte irgendwann ihre Hand in die meine. Pure Energie durchfloss mich und ich hatte nur noch etwas mehr als eine Stunde Zeit, bis der Airliner mich fortreißen sollte.
Linda musste auf die Toilette, kam aber bald wieder und setzte sich neben mich. Diesmal hielt sie meine Hand unter dem Tisch. Wir plauderten.
Ich wurde immer mutiger und fragte, wo sie wohne, als sie plötzlich meine Hand losließ und ihre betrachtete. Linda setzte sich kerzengerade auf ihren Stuhl und blickte mir tief in die Augen, anders als eben noch, irgendwie eiskalt.
„Okay“, sagte sie, „gib ihn mir bitte wieder zurück!“
„Wen?“, wollte ich wissen.
„Den Ring, den du mir vom Finger gezogen hast. Ich will ihn haben!“
„Ja, aber …“, stotterte ich.
Dies dauerte ihr wohl zu lange. Sie nickte kurz und im nächsten Moment stand der bärige Typ neben mir und ließ sich bereitwillig Lindas Geschichte erzählen. Mir wurde übel von dem stechenden Rasierwasserdunst, der mich wie ein Tsunami traf.
Ich saß, nein, in meiner Vorstellung kniete ich vor ihm und er stand auf dem Tisch. Seine Augen glühten, als er mir plötzlich die Worte: „Steh auf!“ entgegenschoss. Ich gehorchte, einfach so, ohne nachzudenken. Widerstand hatte in diesem Moment keinen Platz, so wenig wie ein Heizofen in einer Eingeborenenhütte in Zentralafrika oder ein Kühlschrank in einem Iglu.
Ich ließ seine Gorillatatzen in meinen Taschen herumgrabbeln und war völlig von jeglichen Gefühlsregungen abgeschnitten, als er mir kurz darauf einen Ring unter die Nase hielt.
„Na also“, knurrte er und seine schraubstockartigen Hände packten meinen Kragen.
„Soll ich ihn gleich mit zur Wache nehmen?“
Die Frau winkte ab. „Lass ihn“, sagte sie, ohne auch nur einen Blick an mich zu vergeuden, und stand auf. Der Typ folgte ihr und befummelte beim Weggehen ihre Taille.
Mir war übel und ich kehrte erst langsam in meinen Körper zurück.
Als ich zahlen wollte, verstand ich. Meinen Urlaub konnte ich vergessen. Mein gesamtes Geld und auch die Flugtickets waren aus meiner Hosentasche verschwunden.