Dies war natürlich totaler Schwachsinn und wissenschaftlich gesehen eine nicht haltbare Befürchtung, wusste Smith. Er hatte ein Gutachten gelesen, das von dem Rat in Auftrag gegeben worden war.
Der Kommissar machte einen Bogen um die Demonstranten, obwohl er denen gern gezeigt hätte, was ein echter Staatsdiener leisten konnte. Seine Ziele waren der Marktplatz wie auch der angrenzende Friedensplatz. Seit letzten Donnerstag wurde dort zum hundertsten Mal das innerstädtische Heiner-Fest ausgerichtet. Smiths Aufgabe bestand darin, die Besucher zu scannen und im Zusammenspiel mit seinen Kollegen für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Dazu war er ausgebildet und diese Aufgabe wollte er gut erfüllen. Er hatte noch einiges vor auf der Karriereleiter, deren erste Stufe er gerade erst erklommen hatte.
Voller Selbstbewusstsein schritt er an der akkurat gefassten Einbettung des offen gelegten Darmbachs entlang. Als er die Landgraf-Georg-Straße überqueren wollte, piepste es erneut in seinen Ohren. Gleichzeitig zeigte die Smartbrille im unteren rechten Bereich ein dreidimensionales und rotblinkendes D, ein unverkennbares Zeichen für ein Delikt, welches sofort geahndet werden musste. Es handelte sich anscheinend um einen Hund. Mit schnellen Schritten eilte Smith auf den Hundehalter zu.
„KK Smith“, stellte er sich mit streng klingender Stimme vor, „der implantierte Beutel ihres Hundes ist leer. Was haben sie dazu zu sagen?“
Der joggingbehoste Turnschuhträger rückte lässig seine Schirmmütze zurecht und schaute dem Kommissar direkt in die Augen. „Mach mal halblang, Alter. Ich komme grad von dem Grünstreifen an der Stadtmauer. Da hat Hasso sein Geschäft gemacht, ein Mörderhaufen, sag ich dir. Dabei ging die gesamte Scheiß-Zersetzersoße drauf. Hasso ist jetzt ausgekackt, ich brauch den Zersetzer nicht mehr. Zuhause füll ich den Beutel wieder auf. Also, wo ist das Problem?“
Smith wusste, wie mit Respektlosigkeit umzugehen war. Er zog einen Block aus der Jackentasche und dazu einen Stift.
„Hiermit verwarne ich sie. Das Bußgeld beträgt 0,3564 WC“, sagte er schroff, sich auf die neuerdings eingeführte Währung Westworldcoins beziehend,riss den Zettel vom Block und reichte ihm seinem Gegenüber.
Der Hundehalter grinste frech, nahm das Papier, zerriss es, spuckte dem Uniformierten vor die Füße, drehte sich um und flüchtete mitsamt seinem Bullterrier. Smith schob die Brille nach oben und dachte angestrengt `Stopp, Polizei! Ergreift den Flüchtenden!´ Erst passierte nichts, dann jedoch leuchtete die Uniform auf Rücken und Brust auf und Buchstaben erschienen. `Pop Stolizei! Reif den Düftenden!´ war zu lesen und die Passanten, die gezwungen waren, das Schauspiel zu beobachten, weil ihre Smartbrillen nichts anderes als den Schriftzug und den Hundehalter zeigten, griffen nicht ein, sondern lachten lauthals und klopften sich auf die Schenkel. Kommissar Smith lief rot an und verfolgte allein den dreisten Jogginghosenträger. Dabei flackerten immer neue Buchstabenformationen über seine Uniform. `Top Holzerei. Seift den Brüstenden´, `Brei. Verwüsten´ oder zum Schluss nur noch `Popelei´.
Smith schwor sich, den Gedankenübersetzer hinter seinem Ohr neu zu justieren oder einfach nur auszutauschen. Er war die Staatsgewalt und durfte sich nicht zum Gespött der Menschheit machen. Mit dieser Gewissheit und der geballten Wut, der er freien Lauf ließ, packte er den Flüchtenden an dessen schmuddeligem Hemdkragen und schrie ihn an. Der Bullterrier war ein treuer Gefährte. Er fletschte die Zähne, schnellte nach vorne und verbiss sich in Smiths Hose. ‚Hochspannung‘, dachte der Kommissar kurz und die Uniform reagierte sofort. Wie von einer riesigen unsichtbaren Faust getroffen, flog der Hund jaulend und in hohem Bogen davon, knallte auf das Kopfsteinpflaster vor der altehrwürdigen Krone und blieb winselnd liegen. Der Hundehalter hob beide Hände, gab klein bei und ließ sich von zwei herbeigerufenen Kollegen Handschellen anlegen und abführen. Die Passanten, die eben noch schenkelklopfend herumgetanzt waren, verdünnisierten sich in allen möglichen Himmelsrichtungen, so, als wäre nichts gewesen. Willi Smith klopfte seine Uniform aus. Er dankte kurz den beiden Kollegen und machte sich auf den Weg in Richtung Markplatz. Er hatte schließlich einen Auftrag.
Auf der Fassade des Schlosses konnte Smith eine Dokumentation über das Leben des Großherzogs Ludewig I. von Hessen und bei Rhein sehen, er musste nur seine Smartbrille antippen, dann hörte er über die integrierten Kopfhörer den Ton dazu. Der Kommissar war beeindruckt, dass der Bürgerschaft dieses kostenfreie Bildungsangebot im Rahmen des einhundertjährigen Jubiläums des Heiner-Festes präsentiert wurde, er wunderte sich allerdings auch, dass kaum jemand vor dem Schloss stand und den Film anschaute.
Kannten alle die Darmstädter Geschichte oder interessierte es niemanden mehr?
Smith dachte noch darüber nach, als sein Blick über den Markplatz glitt. Hunderte Personen standen dort herum und schauten in verschiedene Richtungen. Manche drehten sich im Kreis, andere hüpften herum oder vollführten komische Bewegungen mit Armen und Beinen. Kommissar Smith war klar, warum sie dies taten. Er löste die Virtual-Reality-Brille von seinem Gürtel, zog sie über seine Smartbrille und befand sich mitten auf einem Jahrmarkt in seiner schönsten Form. Überall Fahrgeschäfte, Geisterbahnen, Fressstände und das obligatorische Riesenrad vor dem alten Rathaus. Die gesamte Szenerie wirkte solange eigenartig und unwirklich, bis der Kommissar die Ton-, Gerüche- und Berührungssignale per Fingerschnipser zuließ, die ihm der virtuelle Wirklichkeits-Transformator anbot. Jetzt stand er inmitten eines gigantischen Treibens. Er konnte sich kaum beherrschen, zur nächstbesten Attraktion zu gehen, digital zu zahlen und sich einfach treiben zu lassen, bis er die Verbindung der Brille mit seinem Lustzentrum unterbrach. Anscheinend hatte sich diese automatisch aktiviert. Smith atmete tief durch und genoss die Wirkung des Dopamins, das sich schon gebildet hatte. Zehn Sekunden später war die Wirkung verpufft und der Kommissar konzentrierte sich wieder auf seine Aufgabe. Die Datenmenge, die auf seiner Smartbrille erschien und sein Hirn flutete, überforderte ihn kurzzeitig. Die Emotionsdaten jedes einzelnen Heiner-Fest-Besuchers wurden gezeigt und liefen dann rechts aus dem Blickfeld. „Mist“, entfuhr es dem Kommissar. Er musste die Datenanzeige verändern, dazu musste er erst die VR-Brille abziehen. Als er das geschafft und die notwendigen Veränderungen vorgenommen hatte, sah er klarer. Die Daten bildeten Blöcke und die Emotionszustände der Menschenmasse wurde in Prozenten angezeigt:
Besucher verfolgt eigene Bedürfnisbefriedigung (63,56 %),
Besucher glücklich (18,76 %),
emotional geladen, aber friedlich (21,98 %),
aufgeputscht, indifferent (8,62 %),
latent aggressiv (3,45 %),
offenkundig aggressiv (1,38 %).
Der Kommissar war zufrieden. Das Aggressionspotential lag unter 5 %, ein guter Wert. Derzeit gab es keinen Anlass zum Eingreifen. Er konnte sich auf den Weg zum Friedensplatz begeben, um dort weitere Messungen vorzunehmen. Mit jedem Schritt versank er mehr in Gedanken. Er spürte Nervosität. Irgendetwas stimmte nicht. Er fühlte es, wusste aber nicht, was es war. Er musste von dem Bauchgefühl zu seinen Kopfgedanken zurückkehren, er musste vernünftig sein, nachdenken, logisch an die Sache herangehen. Er musste …
Smith blieb abrupt stehen. Wie ein Blitz traf ihn die Erkenntnis. Die Summe der verschiedenen gemessenen Gefühlszustände lag bei mehr als 100 %, sie lag genau genommen bei 117,75 %. In Smiths Hirn arbeitete es, als stecke darin eine Waschmaschine im Schleudergang. Er verwandelte jede Ziffer in einen Buchstaben und vor seinem geistigen Auge erschien AAGGE, die Abkürzung für die Aktivistengruppierung Anonyme Anarchisten gemeinsam gegen Emotionskontrollen.
Seine Smartbrille war gehackt worden, das war das Offensichtliche. Sofort forderte er Verstärkung an. Kein Kollege hörte ihn oder meldete sich. Keine Verbindung zur Zentrale. Die Ohrstöpsel transportierten nichts als ein leises Rauschen.
Mittlerweile hatte sich die Menschenmasse formiert und kam auf ihn zu, umringte ihn und verhielt sich so, wie es Smith nur aus Zombiefilmen kannte. Ein letzter gellender Schrei und der Kommissar wurde zu Boden gerissen.
Kriminalhauptkommissar Lothar Ludwig Dobermann, der wegen seiner Körpergröße von seinen Kollegen gern der Lange Lui genannt wurde, saß schwer atmend und aufrecht in seinem Bett. Noch immer war er in dem Albtraum verfangen. Er schüttelte sich und sein Blick fiel auf die Neuübersetzung von Georg Orwells „1984“. Er schwor sich, in Zukunft vor dem Einschlafen nicht mehr darin zu lesen.