Winterabend
Dichter weißer Hauch drang aus Gonzos Mund und Nase. Gonzo war natürlich nicht sein richtiger Name, Freunde hatten ihm diesen Kosenamen vor mehreren Jahren verpasst, wegen des riesigen Zinkens, der sein Gesicht zierte. Das machte ihm nicht viel aus, er genoss vielmehr, dass man ihn mit einem Spitznamen versah. Gerne dachte er an die Zeit zurück, als er durch die Kneipen zog und genug Geld hatte, um seine Freunde auszuhalten. Damals war er gut angesehen und niemals alleine. Aber die Zeiten hatten sich geändert. Heute war er auf sich allein gestellt. Er kauerte im dichten Buschwerk. Geduldiges Warten war im Augenblick die Aufgabe, die er erfüllen musste. Es dämmerte bereits. Nicht weit von ihm ragte der rechteckige Steinpfeiler in den gräulichen Himmel hinein. Seit über neunzig Jahren stand er hier zu Ehren der Großherzogin.
Ein Phallussymbol, von Darmstädter Jungfrauen gestiftet, dachte Gonzo kopfschüttelnd und musste lächeln. Er rieb sich die Hände. Es war verdammt kalt. Der Boden war tiefgefroren. Um nicht wegzurutschen, hatte er Einmachgummis um seine Schuhe gespannt.
Schritte.
Es kam jemand.
Gonzo konzentrierte sich. Das Zweieurostück lag in der Mitte des Weges. Kurz leuchtete er mit seiner Taschenlampe das Geldstück an. So kurz, dass der Spaziergänger das Aufleuchten lediglich unbewusst wahrnahm, seine Aufmerksamkeit aber auf das Geldstück gerichtet wurde. Der Spaziergänger bückte sich, hob die Münze, warf sie in die Luft, fing sie wieder auf, steckte sie in die Manteltasche und lief weiter.
Mist, dachte Gonzo. Kurz darauf warf er das nächste Geldstück auf den Weg und zog sich in das Buschwerk zurück. Die Minuten vergingen langsamer als auf einem Zahnarztstuhl.