„Ihr Buchladen ist ideologische eher links einzuordnen, oder?“
Der Mann Mitte Zwanzig stand in der Tür, zerschlissene Hose und Jacke, eine Schieber Mütze in blaugrau bedeckte die langen braunen Haare lediglich ansatzweise. Ein verschmitztes Lächeln hing um seine Augen und ließ ihn sogleich sympathisch wirken. Ich hatte keine Chance, seinem Charme zu widerstehen, dennoch stieg ein eigenartiges Gefühl ihn mir auf. Ich hätte darauf achten sollen. Ich tat es nicht und fragte neugierig: „Wie meinst du das?“
„Naja, der Laden passt zu mir. Alle politisch linken Weltansichten sind mir recht und alles, was politisch rechts ist, lasse ich links liegen. Außerdem interessiere ich mich sehr für das Oben und das Unten, nicht nur in der Gesellschaft, denn ich habe gehört, dass hier in diesem Buchladen auch schon mal Streitschriften gegen die Obrigkeit unter dem Ladentisch abgegeben werden und das finde ich nicht nur sinnhaft, sondern mutig und notwendig. Dazu kommt der Name des Buchladens: Georg Büchner.“ Der junge Mann schwieg einen kurzen Moment, um kurz später mit gewaltigem Pathos in der Stimme weiterzureden: „Georg Büchner ist für mich ein ganz Großer, obwohl er mit 6 Schuh, 9 Zoll neuen Hessischen Maßes(siehe Steckbrief von 13. Juni 1835) eher größenmäßig im Mittelmaß zu verorten ist. Er hat für die Ewigkeit geschrieben, obwohl er sehr früh gestorben ist. Das beeindruckt!“ Breit lächelnd sprach er weiter: „Darüber hinaus kam mir zu Ohren, es würden Praktikanten gesucht werden, die in das Buchgeschäft rein riechen wollten. Und wenn ich eines von mir behaupten kann, dann ist es: Ich verfüge über ein ganz feines Näschen.“
Er schaute mich mit seinen strahlend grünen Augen an und stellte die finale Frage: „Würden Sie mich als Praktikant aufnehmen?“
Was sollte ich ihm entgegnen? Konnte ich seiner Bitte widersprechen? Zur Sicherheit unterhielt ich mich mit ihm noch eine Weile und erfuhr, dass er als Einzelkind mit einem Vater aufgewachsen war, der nach wie vor an die Herrenrasse glaubte und ähnlich wie ein ehemaliger Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz mit Sicherheit wusste, es gebe einen eliminatorischen Rassismus gegen die weiße Bevölkerung.
Mein Gegenüber erzählte mir, er hätte mit 17 Jahren sein Elternhaus verlassen und seit dieser Zeit viele Texte gelesen, die ihn weltoffen werden ließen. Er sagte, es wäre ihm Eines klar geworden: Alle Menschen seien ohne festgelegte Verhaltensmuster geboren und müssten sich Verhaltenssicherheit in der Welt immer erst erwerben. Für diese Gewissheit würde er kämpfen und dazu benötige er mehr Wissen. Was wäre also ein bessere Ort für ihn, als hier in diesem Buchladen?
Ich hörte aufmerksam zu und fand nun definitiv keine Argumente, ihm den Praktikumsplatz zu verweigern. Wir verabredeten uns für den kommenden Montag um 10 Uhr.
Er fügte sich gut in unser Team ein, redete zwar viel und oft, erzählte davon, was er alles gelesen hatte und überzeugte uns mit seiner Intelligenz und schnellen Auffassungsgabe. Schon nach einer Woche ließen wir ihn auf die Kundschaft los und waren nicht nur überrascht, sondern auch entsetzt über sein Verhalten. Er verschenkte Bücher, die er zuvor empfohlen hatte, weil er Geld als Ursprung allen Übels ansah und argumentierte, jeder Mensch habe das Recht auf Bildung und müsse dafür nichts zahlen. Ich widersprach vehement und argumentierte, Geld sei ein sinnvolles Tauschmittel und ich würde Bücher verkaufen, um mit dem erwirtschaften Geld, mich und meine Familie versorgen zu können. Auch ich wolle überleben. Ich sagte ihm, Geld sein de facto nichts Schlechtes, lediglich die Gier danach sei es und ich endete damit, dass er wohl glauben könne, ich sei nicht gierig. Er schwieg und grinste mich an. Ich wurde wütend und schrie: „Das ist doch Scheiße, was du da tust“, worauf er sofort reagierte: „Wenn Sie schon das Wort Scheiße in den Mund nehmen, möchte ich mit den Worten Hans Magnus Enzensberger antworten“:
„Immerzu höre ich von ihr reden als wäre sie an allem schuld.
Seht nur, wie sanft und bescheiden sie unter uns Platz nimmt!
Warum besudeln wir denn ihren guten Namen
und leihen ihn dem Präsidenten der USA,
den Bullen, dem Krieg und dem Kapitalismus? …
Hat sie uns nicht erleichtert?
Von weicher Beschaffenheit
und eigentümlich gewaltlos
ist sie von allen Werken des Menschen
vermutlich das friedlichste.
Was hat sie uns nur getan?“
(Enzensberger „Scheiße“ aus: Gedichte 1955-1970“, Suhrkamp)
Ich hatten keine Möglichkeit, ihn zu unterbrechen, so schnell und überaus gut rezitierte er Enzensberger. Ich war sprachlos und hatte lediglich die eine und folgenschwere Idee. Ich verbannte ihn in den hinteren Verkaufsraum, gab ihm die Aufgabe, Bücher in handschriftlichen Listen zu inventarisieren und vergaß, dass in der Ecke des kleinen Schreibtisches ein Telefon stand.
Verärgert ging ich zurück in den Hauptverkaufsraum und hoffte auf Kundschaft. Mittlerweile dämmerte es draußen. Der Spätherbst zeigte seine Früchte. Kaum eine halbe Stunde später blinkte es im Buchladen blau, immer heller, dazu kam ein anschwellender Ton, sofort als Martinshorn zu erkennen. Ich schaute aus dem Fenster. Nacheinander rasten drei Polizeifahrzeuge auf den Laden zu, bremsten mit quietschenden Reifen, stellten sich auf dem Bürgersteig quer. Nahezu gleichzeitig wurden die Türen aufgerissen und sechs Uniformierte sprangen aus den Fahrzeugen und stürmten mit vorgehaltenen Waffen den Laden. Ich kannte dies, allerdings nicht mit dieser Heftigkeit.
„Wo ist er?“, schrie der erste Polizeibeamte, als er vor mir stand und wild herumfuchtelte.
„Sie meinen wohl, wo ist es?“, plapperte ich zurück, da ich dachte, es ginge wieder einmal um verbotene Literatur in diesem unseren freien Land. Ein verwirrt dreinblickender Beamte war die Antwort und der Schrei: „Wo ist er?“
Die übrigen Polizeibeamte okkupierten jeden Quadratmeter des Verkaufsraum und der erste Polizeibeamte schrie erneut: „Gibt es noch andere Räume?“
Ich stellte mich vor den Polizisten, versuchte ein offenes und freundliches Lächeln aufzuziehen und sagte beschwichtigend: „Bitte sagen Sie mir, wen Sie suchen.“
„Wir suchen den Mörder! Wo ist der Mann?“, waren die sofortigen nächsten Schreie des ersten Polizeibeamten.
„Welchen Mörder?“, fragte ich verständnislos und kleinlaut, da mich Geschrei und aggressives Auftreten innerlich zusammenfallen lässt. Der Polizeibeamte schien es zu bemerken und obendrein, dass ich keine Gefahr darstellte, also erklärte er, noch immer viel zu hektisch, um ein vernünftiges Gespräch führen zu können: „Vor ein paar Minuten wurden wir kontaktiert. Der anonyme Anrufer hat angekündigt, er würde in einer viertel Stunde hier an dieser Adresse einen Georg Büchner ermorden.“
Ich brauchte einen Augenblick, um zu verstehen, dann wollte der rationale Teil in mir antworten: Georg Büchner ist seit weit mehr als 150 Jahren tot, man kann ich nicht …, kam aber nicht dazu, weil nun der zweite Beamte zornig ausstieß: „Also sagen Sie uns, ob es noch weitere Räume gibt. Wir müssen den Mann finden, bevor er seine angekündigte Tat vollzieht.“
Unterwürfig deutete ich auf den schmalen Aufstieg, der zum hinteren Verkaufsraum führte. Die Polizeibeamten stießen mich nacheinander zur Seite und rasten die Treppe empor. Vorsichtig folgte ich.
Die Staatsgewalt umringte den Praktikanten mit vorgehaltenen Waffen. Dieser saß hinter dem kleinen Schreibtisch, blickt lediglich kurz auf, erhob sich langsam mit ausgestreckten Armen und begann, zuerst leise, dann immer lauter mit einem Vortrag: „Ich berichte aus dem Hessischen Landboten, Darmstadt vom November 1834: Im Jahr 1834 sieht es aus, als würde die Bibel Lügen gestraft. Es sieht aus, als hätte Gott die Bauern und Handwerker am 5ten Tage, die Fürsten und Großen am 6ten gemacht, und als hätte der Herr zu diesen gesagt: Herrsche über alles Getier, das auf Erden kriecht. Und hätte die Bauern und Bürger zum Gewürm gezählt. …“
„Was erzählen Sie für ein wirres Zeug? Hören Sie auf! Wo ist das Opfer?“ Der erste Polizeibeamte schaute sich hektisch um.
„Lass ihn reden“, sagte der zweite Polizeibeamte. „So lange der redet, macht er keinen Unsinn. Vielleicht verrät er uns sein Motiv.“
Der Mittzwanziger hatte mittlerweile rote Bäckchen bekommen, hatte sich, ähnlich wie dies im Speakers Corner innerhalb des Londoner Hype Park Usus ist, eine dreistufige Leiter geholt, die an dem hohen Bücherregal hinter ihm lehnte, war darauf gestiegen und rezitierte eifrig weiter: „ … Das Leben der Fürsten ist ein langer Sonntag; das Volk liegt vor ihnen wie Dünger auf dem Acker. Der Bauer geht hinter dem Pflug, der Beamte des Fürsten geht aber hinter dem Bauer und treibt ihn mit dem Ochsen am Pflug; der Fürst nimmt das Korn und lässt dem Volk die Stoppeln.“
Eilig stieg er die drei Stufen der Leiter hinab, ging hinüber zu dem Schreibtisch, schnappte das bereitliegende Messer und stach es wild und mit unbändiger Kraft in die wunderschöne in leuchtend blau gehaltene und zweibändige Gesamtausgabe Georg Büchner von 2002 und schaffte es die Messerklinke bis zum Schaft vollständig in das Papier eindringen zu lassen. Dabei schrie er: „Büchner ist tot. Keiner beschreibt mehr die gesellschaftlichen Wahrheiten, wie er. Alle verschließen ihre Augen vor der Wirklichkeit. Die Menschheit befindet sich im Hamsterrad des Neoliberalismus mit ihrem einzigen Gott, der Der Markt genannt wird und alles richten soll. Dumm nur, dass dadurch die Kluft zwischen Arm und Reich immer tiefer wird und die Unterdrückung der Massen immer mehr zunimmt. Büchner ist tot und wir sind blind geworden, verhalten uns wie eine Schafherde, die froh ist, ab und zu auf eine Weide geführt zu werden, ohne sich darum zu kümmern, wie vergiftet das Gras ist. Nur einige wenige verhalten sich anders. Sie denken, sie würden dem Aufruf Krieg den Palästen, Frieden den Hütten folgen, schreien dann aber destruktiv herum: Macht kaputt, was Euch kaputt macht.“
Der Praktikant ging langsam auf die Leiter zu und bestieg sie erneut, schwieg einen kurzen Moment, nicht zuletzt, um seine Gedanken zu sortieren, bemerkte, dass der erste Polizist einen Schritt auf ihn zu tat und hielt ihm mit einer schnellen Bewegung den ausgestreckten rechten Arm mit aufgestellter Hand entgegen. Anschließend sprach er mit pathetischer Inbrunst. Ein Weghören war nicht möglich. „Es helfen keine gesellschaftskritischen Bücher. Sie sind dazu verkommen, einigen wenigen, ein gutes Gewissen zu geben. Die Lesenden beschäftigen sich nur noch mit der Illusion des Guten, des Gerechten. Sie flüchten in eine Traumwelt und verkennen die wahre Natur der Menschheit, denn das Hauptproblem der Menschheit besteht darin, dass Leben keinen Wert hat. Weder das von Pflanzen, von Tieren und noch nicht einmal das Leben ihrer eigenen Spezies.
Bäume werden für irgendwelchen Quatsch abgeholzt, ganze Wälder werden für einen kurzfristigen Profit niedergebrannt, Tiere werden unter unwürdigen Umständen gehalten, in Massen kurz nach dem Schlüpfen ermordet, wenn sie nur das falsche Geschlecht haben, oder sie werden für unsinnige Versuche gequält und getötet. Und, auch mit dem einzelnen Mensch verfährt die Menschheit ähnlich. Immer lockt der Profit und schwachsinnige Gründe stehen gegen das Leben. Für das Ego einiger Weniger werden Hunderttausende von Soldaten in Kriege gehetzt und zwischen den Fronten zerrieben, oder die Zivilbevölkerung kommt im Bombenregen und im Feuersturm um. Menschen werden aus Profitgier mit ungesunden oder giftigen Nahrungsmitteln versorgt oder erhalten nicht ausreichend Essen und Trinken, nur, weil überschüssige Lebensmittel ins Meer geworfen werden. Klar, das ist billiger, als das Essen zu den Hungernden zu transportieren. Aber das ist nicht alles, es gibt noch mehr zu berichten. Der Zynismus kennt keine Grenzen. Es ist so perfide, wenn die Menschheit verlautbaren lässt, sie werde ihre Mitglieder schützen und heilen und gleichzeitig das Gesundheitssystem zu Tote spart. Laut klagend verzweifelt die Menschengemeinschaft dann, wenn es zu einer Pandemie kommt.
Überall das Gleiche und alles nur, weil es ein paar Wenige noch mächtiger und reicher macht!
Die, die es können, nehmen alles, auch das Leben und die, die es nicht können, verlieren alles, auch ihr Leben.
So war es immer schon, so ist es und so wird es bleiben! Das zeichnet die Menschheit aus. Das ist Menschsein.“ Zornesrot stach der junge Mann mit dem erigierten Zeigefinger von oben herab auf mich ein: „Und da nutzt es in keiner Weise, politische Bücher zu lesen, die Ideologien für eine bessere Welt vorgaukeln. Noch infamer ist es, diese Schriften zu verkaufen, um sich unnütz daran zu bereichern.“
Die letzten Worte hingen noch lange im Raum. Der Praktikant schwieg, sein Sprechdurchfall schien beendet zu sein.
„Nehmen Sie ihn bitte mit!“, waren meine flehenden Worte.
Die beiden Polizeibeamte, die zuvor die Wortführer waren, sprachen erneut nacheinander. Die übrigen vier hielten sich schweigend im Hintergrund und verkamen zu uniformierten Schaufensterpuppen. Der erste Polizeibeamte begann. Er sprach nachdenklich zaudernd, so als würden ihn mannigfaltige Gedanken lähmen: „Wegen Mordes können wir ihn nicht mitnehmen. Es gibt kein Opfer. Nirgends konnte ich diesen Georg Büchner sehen, der hier umgebracht werden sollte.“ Ratsuchend schaute er den zweiten Polizeibeamten an, der das Wort übernahm: „Lediglich eine Sachbeschädigung liegt vor. Da könnten wir nur tätig werden, wenn Sie eine Anzeige machen würden.“
„Wollen Sie dies?“, ergänzte der erste Polizeibeamte.
„Ja bitte!“, erklärte ich bereitwillig, erkannte die Chance und fügte leise hinzu: „Wenn Sie ihn dann mitnehmen.“
„Moment“, erklang es von oben herab.
Der Mann auf der Leiter hatte gesprochen. Alle Augen wanderten erneut hoch zu ihm. Alle Ohren waren gespitzt. „Eine Tatsache zur Sachlage ist äußerst wichtig“, sagte er mit hämischem Unterton. „Es liegt maximal eine Sachbeschädigung vor, bei der ich mich selbst anzeigen könnte, was ich allerdings nicht tun werde. … Sie müssen wissen, die Georg Büchner Gesamtausgabe befindet sich in meinem Besitz. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, ich bin darüber hinaus ihr Eigentümer, obwohl ich kein Verfechter von Eigentum bin. Ich habe sie rechtmäßig gegen Abgabe mehrere Geldscheine erworben, obwohl ich dies gegen meine Überzeugung getan habe.“
Die beiden Polizeibeamten drehten die Köpfe zueinander und mir den Rücken zu. Die Uniformierten verließen allesamt den Buchladen und damit mich mit dem Praktikanten und dem wiederkehrenden Traum allein.
„Glaub mir, ich will Dir nichts antun“, sagt er, als er mich mit einem Ledergürtel an dem hölzernen Stuhl fest zurrte, auf den er mich zuvor mit einem Wortschwall gezwungen hatte. „Ich will Dir nichts antun“, wiederholte er mit ruhiger Stimme und ergänzte anschließend: „Aber ich muss es. Du willst es so!“
„Warum?“, stammle ich, „warum musste es soweit kommen?
„Weil du es dir insgeheim gewünscht hast und, weil es das beste für dich ist, glaube mir!“