Die geschichtliche Entwicklung des Osthangs

Weltkulturerbe Mathildenhöhe

von Nikolaus Heus

Seit der Umwandlung der Mathildenhöhe ab dem Jahr 1800 von einem Weinberg in einen englischen Garten durch Prinz Christian war der Osthang Teil des Landschaftsgartens. Die ersten Gedanken zu dessen Nutzung sind in einem Plan von Joseph Maria Olbrich dokumentiert, in dem er dort ein Terrain für Volksbelustigung vorsah. Seitdem gab es immer wieder Ideen, wie Wohnbebauungen, ein Atelierhaus, Künstlerhäuser, ein Stadtmuseum oder ein siebengeschossiges Hotel, aber auch im Jahre 1908 die Realisierung einer Gartenanlage mit temporären Gebäuden.

2014 wurde das Gelände im Rahmen des Architektursommers mit dem „Osthang Project“ als Sommerschule für experimentelles Bauen genutzt, wobei die „Main Hall“ als zentrales Bauwerk vieler kultureller Veranstaltungen diente. Das für ein Jahr geplante Projekt verstetigte sich bis 2025 und wurde seit 2022 durch den Osthang e.V. mit der Ermöglichung niederschwelliger Kultur bespielt. Ab 2026 entsteht hier ein Informationszentrum für das  Weltkulturerbe Mathildenhöhe.

1908 – Blick Richtung Osten (Rosenhöhe), rechts Olbrichweg mit Architekturgebäude. Links Gartenanlage von Albin Müller gestaltet mit
Brunnen, Pergolen und Pflanzbeeten.

1874 Heberer-Plan

Ab dem Jahr 1800 lässt Prinz Christian den ehemaligen Weinberg in einen Park im Stil eines englischen Landschaftsgartens umgestalten. Der Platanenhain wird unter Großherzogin Mathilde um 1833 angelegt. Die Wasserversorgung Darmstadts erhält 1880 einen Hochspeicher, der bis 1994 betrieben wird und seit 1908 das Fundament des Ausstellungsgebäudes bildet. Der Osthang ist Teil des Parkgeländes.

Russische Kapelle, 1897

1897 ersten Bebauungsplan durch Karl Hofmann

Der Architekt Karl Hofmann entwirft den ersten Bebauungsplan für die Mathildenhöhe. Auf den großzügig bemessenen Parzellen sieht er eine Bebauung in Form von Doppelvillen vor, die im westlichen Bereich teilweise auch zur Ausführung kommen. Der Osthang bleibt unbeplant. 1899 Einweihung der Russischen Kapelle.

1900 – Plan der ersten Ausstellung

In Joseph Maria Olbrichs Plan für die erste Ausstellung der Künstlerkolonie schreibt er in das Gebiet des Osthangs „Terrain für Volksbelustigung“ und sieht einen Aussichtsturm nordöstlich des Wasserreservoirs vor.

1902 – Studie

In einer „Studie zur Erschließung der Rosenhöhe“ plant Olbrich fünf Dreiergruppen von Einfamilienhäusern am Osthang.

Plan von Olbrich, 1900 mit Aussichtsturm im Norden


Dreiergruppe Einfamileinhäuser, 1902

1905

August Buxbaum legt einen Plan vor mit Ausstellungsgebäude und einem städtischen Museum am Osthang.

1908 große hessische Landesmuseum

Im Zuge der großen Hessischen Landesausstellung entstehen am Osthang ein temporäres Gebäude für angewandte Kunst und eine Gartenanlage mit Wasserbassin und Pergolen nach Plänen von Albin Müller, der ab diesem Jahr der leitende Architekt der Künstlerkolonie war.

Lageplan, 1908

1914 – Dritte Ausstellung

Zur dritten und letzten Ausstellung der Künstlerkolonie werden am Osthang mehrgeschossige Wohnhäuser mit Musterwohungen nach Plänen von Albin Müller errichtet.

Mietshäuser, 1914

1944 – Zerstörung im 2. Weltkrieg

Zerstörung Darmstadts im Zweiten Weltkrieg. Die einzigen unversehrten Häuser der Künstlerkolonie sind die beiden Häuser Glückert und das Ateliergebäude von Albin Müller.

Ateliersgebäude, 1944

1950

Planung für ein Atelierhaus am Osthang von Peter Grund.

1952

Darmstädter Künstler helfen mit, den Darmstädter Osthang vom Schutt zu befreien. Peter Grund plant elf Künstlerhäuser und ein Ausstellungsgebäude am Osthang.

Darmstädter Künstler helfen bei Aufräumarbeiten, 1952


Luftaufnahme aus 1952

1964 – Werkkunstschule

Baubeginn des Neubaus der Werkkunstschule, die 1971 als Fachbereich Gestaltung der Hochschule eingeweiht wird.

Werkkunstschule, 1964

1974 – Bebauungsplans O 13

Mit dem Inkrafttreten des Bebauungsplans O 13 werden baurechtlich für den Osthang das Thema Wohnen und ein siebengeschossiges Hotel festgelegt und damit zunächst alle weiteren Nutzungsüberlegungen gestoppt.

1983 – Abkehr vom Bebauungsplan

In Abkehr von den Inhalten des Bebauungsplans lobt die Stadt Darmstadt in einem städtebaulichen Architektenwettbewerb Entwürfe zum Thema Wohnen und Grüngestaltung auf dem Osthang aus. Weil keiner der Teilnehmer nach Auffassung des Preisgerichts eine befriedigende Lösung vorschlägt, vergibt man statt eines ersten Preises drei zweite Preise. Das Thema Wohnen wird in Frage gestellt.

1986/87

Nach der Kritik des Preisgerichts zum Thema Wohnen empfiehlt eine Expertenrunde ein Stadtmuseum am Osthang. Dieser Vorschlag wird inhaltlich vom Kulturreferenten Klaus Wolbert (seit 1989) definiert. OB Günther Metzger stellt einen Bebauungsvorschlag für den Osthang von Fritz Novotny vor, der sich dann als nicht prämierter Entwurf des Wettbewerbs von 1983 herausstellt und in die Kritik gerät.

Osthang, 1985

1990

Nach der städtischen Entscheidung für ein Stadtmuseum am Osthang stellen OB Günther Metzger, Kulturreferent Klaus Wolbert und Fritz Novotny ein städtebauliches Gutachten vor, wonach in villenähnlichen Gebäuden am Olbrichweg Stadtgeschichte zu zeigen wäre und ein Eingangsbau gegenüber den Ausstellungshallen einen neuen Platz schaffen solle. Für das Projekt soll ein Gutachterverfahren durchgeführt oder ein Wettbewerb ausgelobt werden. Dazu kommt es nicht.

2006

Beim Forum Entwicklung Mathildenhöhe wird auf die Bedeutung der Ostseite als Bindeglied zwischen dem großen Landschaftsraum mit Rosenhöhe/Oberfeld und der Mathildenhöhe hingewiesen, deren Bespielung größter Sorgfalt bedarf.

2009

Die Stadtverordnetenversammlung beschließt die Teilnahme Darmstadts an der Internationalen Bauausstellung (IBA) Metropolregion Rhein-Main unter anderem mit der „Kulturmeile“ und der Neugestaltung der Ostseite der Mathildenhöhe mit der Verbindung zur Rosenhöhe. Im Juli 2009 streicht die Hessische Landesregierung die IBA aus ihrem Programm.

Neugestaltung „Kulturmeile, 2009

In der Rahmenkonzeption Mathildenhöhe steht die Formulierung von Entwicklungszielen für das Baufeld Osthang an erster Stelle. Danach erst soll ein Wettbewerb architektonische Lösungen bieten. Hier bietet sich Darmstadt die Chance, an die Ideenwelt der Künstlerkolonie anzuknüpfen.

Rahmenkonzept Mathildenhöhe, 2009