In der Tat, er konnte gar nichts tun. Er musste sich seinem Schicksal ergeben und auf das Urteil der Stimme warten.
Und sie sprach: „Vielleicht sollte ich dich als psychopathischen Massenmörder auf die leibliche Welt los lassen, damit du eine Verschmelzung von Geist und echtem Handeln finden könntest.“
Die Stimme verflog, als würde nachgedacht werden.
„Das würde aber meinen eigenen Werten widersprechen.“ brach sie erneut auf. „Ich könnte dich als Rosamunde Pilcher zurück schicken und dich dazu zwingen, nur noch lebensbejahende Liebesgeschichten ohne Tiefgang, aber auch ohne Mord und Totschlag zu schreiben. … Das würde aber meinem Geschmack widersprechen.
Also, was bleibt?
Guter Rat ist teuer.“
Plötzlich war da nur noch Schweigen, doch irgendwann: „Ich werde dich als Eduard Maier zurück auf die Erde schicken und dir eine Aufgabe geben. Du sollst deinen vermeintlichen Mörder stellen und die Gründe seiner Tat herausfinden. Ich werde den Sünder befragen, wenn er vor mir schwebt und erfahren, ob er reumütig sein kann.“
Die Stimme verklang und Eduard wartete andächtig. Es schien eine Ewigkeit zu dauern.
„So sei es“, hörte Eduard und fühlte etwas Warmes an seiner rechten Wange. Ein Geruch stach ihn in die Nase, nein es war mehr ein Gestank und er ließ ihn aufschrecken. Ruckartig drehte er den Kopf. Ein langgezogenes Stöhnen drang aus seinem Mund. Im nächsten Moment schlug ein armlanges Stück Holz direkt neben ihm in der Jauche auf und bespritzte ihn mit einer Menge ekeligen schwarzen Tröpfchen. Ein Schrei drang an sein Ohr. „Du hast es so gewollt, du Arschloch.“
Nur langsam setzten sich die Worte in seinem neugeborenem Hirn zu einer sinnhaften Einheit zusammen und nahezu gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass das Stück Holz der Baseballschläger war, der ihm den Schlag vor dem Fall versetzt hatte.
Langsam richtete er sich auf und betaste vorsichtig seinen Hinterkopf. Kein Blut, kein Schmerz.
„Endlich sitzt du mal in der Scheiße“, hörte er weitere Worte und verband sie mit der Stimme des Sohnes der alten Bäckersfrau, die in derselben Straße wie er wohnte. Sie hatte vor kurzem ihren Ehemann auf eine ganz und gar perfide Art und Weise umgebracht. Es hätte das perfekte Verbrechen sein können, hätte dem nicht der Kommissar Zufall im Weg gestanden.
Nun stand ihr Sohn hoch über Eduard auf dem Betonsockel, von dem er in die Gülle gestürzt war und lachte böswillig. „Hätte ich doch nur fester zugeschlagen, dann wärst du jetzt wohl hin?! … Aber, du wirst schon sehen, irgendwann mache ich einen zweiten Anlauf und dann mache ich dich fertig!“
„Warte Fred“, rief Eduard und versuchte, auf den Knien abgestützt im Vierfüsslerstand zu dem Betonsockel zu kriechen.
Ein letztes Mal schaute Fred den Krimiautor hasserfüllt und verächtlich an, drehte sich um und ging davon.
„Warte Fred! Wir müssen reden“, versuchte es Eduard erneut.
„Reden?“, kläffte Fred, blieb stehen und verband das Wort mit einem schallendem Lachen.
„Ja, ich will mit dir reden und glaub mir, das Gespräch wird dir guttun.“
„Mir guttun?“, war die etwas unsicher klingende Frage und Eduard wusste, er hatte Fred`s Neugierde geweckt, zumal er sich umdrehte und erneut zu ihm hinunter schaute.
„Lass uns in einer Stunde am Grab deines Vaters treffen. Ich will dir was erzählen“, forderte Eduard.
Fred nickte ansatzweise. Tränen füllten seine Augen und er wusste, er würde nicht nur pünktlich kommen, sondern auch mit einem langen und sehr scharfen Küchenmesser bewaffnet sein.
Die Stunde verging schnell. Eduard hatte damit zu tun, sich zu säubern und seine Gedanken zu sortieren. Fred überlegte, ob er seinen Widersacher tatsächlich zur Strecke bringen sollte und, ob das Grab seines Vaters der richtige Ort dafür wäre.
Eduard war schon frühzeitig auf dem Friedhofsgelände angekommen, frisch herausgeputzt und darüber grübelnd, wie er das Gespräch beginnen sollte. Schon mehrere einleitende Sätze hatte er verworfen.
Er bemerkte nicht, wie sich Fred von hinten näherte und wie dessen Hände zitterten. Er erschrak, als Fred in sein Gesichtsfeld einbog. „Setz dich“, brachte er stockend heraus und zeigte auf einen Schemel, den er mitgebracht hatte. Er selbst hatte sich auf einer ähnlichen Sitzgelegenheit niedergelassen. Eduard spürte die Spannung, die zwischen Fred und ihm lag wie eine pulsierende und kurz vor dem Zerbersten stehenden Wand. Ohne weiter nachzudenken sagte er so ruhig und emotionslos, wie er es nur konnte. „Ich glaube, du machst mich dafür verantwortlich, dass deine Mutter ihren Mann ermordet hat.“
Fred setzte sich. Er war sprachlos. Sein Mund stand offen. Damit hatte er nicht gerechnet, mit so einer Unverfrorenheit, mit so einer Ignoranz dem Offensichtlichen gegenüber. „Du, du hast doch“, begann er stotternd. „Du hast doch diese Geschichte geschrieben … Die Geschichte von der Frau, die ihren Mann hasste und die ihm die Gewissheit gab, sie habe ihn mit dem sonntäglichen Kuchen vergiftet. Als ihr Mann fluchtartig das Haus verlassen wollte, stolperte er im Treppenhaus über das zuvor von ihr gespannte Drahtseil, stürzte und brach sich das Genick.“
„Ja … ja“, stotterte nun Eduard, der erkannte, worauf Fred hinaus wollte.
„Meine Mutter hat deine Fantasie in die Tat umgesetzt und wegen deiner verdammten Geschichte habe ich nicht nur meinen Vater verloren, sondern auch meine Mutter, weil der Rechtsmediziner, der meinen Vater obduziert hat, ein Fan deiner Krimis ist, die Geschichte kannte und den kleinen Kratzer am Schienbein meines Vaters mit ihr in Verbindung brachte. Er verständigte die Kriminalpolizei. Die Spurensicherung fand im Treppenhaus die Rückstände der eingeschlagenen Nägel an der das Stahlseil gespannt worden war. Meine Mutter wurde festgenommen und wird nun wohl mehrere Jahre lang im Knast sitzen.“
Eduard erkannte nun voll und ganz die Tragweite seiner Schreibe und die Verantwortung, die er damit hatte. Er fühlte sich so schuldig, wie er dies in seinem ganzen Leben zuvor nicht gefühlt hatte. „Bitte verzeih mir“, stammelte er, „das wollte ich wirklich nicht. Wie kann ich es nur wieder gutmachen?“
„Ehrlich“, dröhnte die bekannte Stimme in Eduard und ließ ihn aufhorchen.
„Du warst endlich mal ehrlich reumütig“, bestärkte sie und ergänzte: „Ich lass dich nun dein Leben leben.“
Eduard fiel in diesem Moment das wahre Sprichwort ein, über welches es vor kurzem nachgedacht hatte.
Ehrlich währt am längsten, hieß es.
Fred war mittlerweile aufgesprungen. Seine Gesichtszüge hatte sich zu einer Fratze verwandelt. Er schrie: „Du kannst es nicht mehr gutmachen. Du hast mein Leben zerstört, nun werde ich dir deines nehmen.“ Er befreite das riesige Küchenmesser aus seiner Jackeninnentasche und stürzte sich auf den Krimiautor. Dieser war zu langsam und obendrein viel zu reumütig, um sich zu wehren.
Die beiden städtischen Bediensteten, die zufällig vorbeikamen, verhinderten das Schlimmste, überwältigten Fred und riefen die Polizei.