Annegret Soltau
Im Rahmen der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 – Design for Democracy: Atmospheres for a better life
Annegret Soltau gehört zu den bedeutendsten feministischen Künstlerinnen der Gegenwart. Sie beschäftigt sich seit den 1970er Jahren mit Fragen der persönlichen und sozialen Identität und reflektiert dabei ihre Position als Frau im Konstrukt ihrer eigenen Familie.
Anlässlich ihres 80. Geburtstages präsentiert die Ausstellung »Annegret Soltau Vatersuche« im Kunstforum der TU Darmstadt zwei zentrale Werkserien von Annegret Soltau in einer besonderen Konstellation: Die Arbeit »Vatersuche« (1988 – heute) wird in vollständiger Form gezeigt und dokumentiert die Suche Soltaus nach ihrem Vater, den sie nie kennengelernt hat. Gegenüberstellend ist erstmals die Serie »Tagesdiagramme« zu sehen – 58 Einzelblätter, die die Künstlerin 1977 während ihrer ersten Schwangerschaft wie ein visuelles Tagebuch mit Filzstiften, Aquarelltechnik und einer Schreibmaschine auf einfachen DIN A4 Bögen geführt hat. Die Künstlerin skizziert darin ihre eigenen Gefühlslagen und Zustände, aber auch die Beziehungen zu anderen Personen, sehr offen. Beide Serien laden dazu ein, von den Besuchern Blatt für Blatt erschlossen zu werden.

Annegret Soltau, Portraitfoto, © Guido Schiek
Zur Serie »Vatersuche« (1988 – heute)
Wie eine scheinbar endlos ausgezogene Schublade eines Aktenschanks erstrecken sich die 69 Blätter der Arbeit »Vatersuche« in den Raum. Die Serie resümiert die Geschichte von Annegret Soltaus Suche nach ihrem Vater, den sie nie kennengelernt hat. Obwohl in der Familie nie darüber gesprochen wurde, beschäftigt sie die Frage nach der Identität ihres Vaters seit jeher. Schon früh beginnt sie deshalb, Informationen über ihn zu sammeln. Von ihrer Mutter erfährt sie lediglich einen Namen und erhielt ein einziges Foto, das ihn zeigt. 1988 wendet sich Soltau erstmals an eine offizielle Suchstelle. Seither unternimmt sie immer wieder unterschiedlichste Versuche, mehr über ihren Vater zu erfahren.
»Als Ausgangsmaterial für meine künstlerische Arbeit verwende ich die Dokumente meiner jahrelangen, erfolglosen Suche nach meinem verschollenen Vater. Die Arbeit besteht bisher aus 69 Selbstportraits. In mein Gesicht habe ich die Original-Briefe der Behörden z.B. Rotes Kreuz, Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. oder Deutsche Dienststelle für Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen Deutschen Wehrmacht eingenäht. Somit wird meinen Selbstportraits die ungelöste Schicksalsgeschichte infolge des Zweiten Weltkrieges förmlich ins Gesicht geschrieben, aber diese förmlichen Antwortschreiben bleiben wie eine leere Stelle in meinem Gesicht, wie ein weißer Fleck.« (Annegret Soltau)
Angesichts der unzähligen ernüchternden Antwortschreiben, entscheidet sie sich 2003, das gesammelte Material zu einer künstlerischen Arbeit zu transformieren, die bis heute fortgeführt wird. Hierfür verwendet Soltau verschiedene Selbstporträts, aus denen sie ihre Gesichtspartie herausreißt und die gesammelten Dokumente mit Nadel und Faden an die herausgetrennte Stelle näht.
Zur Serie »Tagesdiagramme« (1977)
Während ihrer ersten Schwangerschaft 1977 begann Annegret Soltau, ein Jahr lang täglich auf DIN-A4-Blättern zu notieren und zu zeichnen, was sie beschäftigte. Aus dieser kontinuierlichen Auseinandersetzung entstanden die 58 Blätter der Serie »Tagesdiagramme«, ausgeführt mit Filzstift, Aquarell und Schreibmaschine. Gerade weil die »Tagesdiagramme« keinerlei direkte Körperlichkeit zeigen, handelt es sich um eine der intimsten Arbeiten der Künstlerin. Im Gegensatz zu den Werken, die Soltau für die Öffentlichkeit bestimmt hat, erlauben sie einen Blick hinter die Fassade des komplexen Systems Annegret Soltau. Die Künstlerin skizziert darin ihre eigenen Gefühlslagen und Zustände, aber auch die Beziehungen zu anderen Personen, sehr offen.
Mit den Tagesdiagrammen unternimmt Soltau den Versuch einer täglichen phänomenologischen Selbstanalyse, ausgehend von sich selbst und der eigenen Wahrnehmung. Der konkreten Bildlichkeit der Schreibmaschinenschrift, setzt Soltau eine farbbetonte, oft abstrakte Bildebene gegenüber. Die kleinen Zeichnungen, farbigen Linien und aquarellierten Oberflächen kontrastieren mit den getippten Worten und erfassen den Menschen in seiner ganzen leiblich-sinnlichen Dimension.
Die Tagesdiagramme entstanden zeitgleich mit dem Werkkomplex »Schwanger« und thematisieren erst den empfundenen Kinderwunsch und begleiten später die Schwangerschaft. Annegret Soltau gehört zu den ersten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, die ihre Schwangerschaft zentral in ihrem Werk thematisieren – auch mit der politischen Absicht, zu beweisen, dass eine Frau gleichermaßen Künstlerin und Mutter sein kann. Heute wird sie für ihre Arbeit als Pionierin der feministischen Avantgarde gefeiert.
Vita
Annegret Soltau (*1946 in Lüneburg) zählt zu den zentralen Vertreterinnen feministischer Kunst in Deutschland. Bekannt wird sie mit Fotoübernähungen und Fotovernähungen, in denen sie den weiblichen Körper, Identität und biografische Erfahrungen radikal untersucht. Nach einem Studium an den Kunsthochschulen in Hamburg – wo sie unter anderem bei David Hockney lernte – und Wien, arbeitet sie ab den 1970er Jahren in Darmstadt, wo wegweisende Performances wie Permanente Demonstration (1976) und ihre experimentellen Bildserien entstehen.
Ihre Schwangerschaften und die Auseinandersetzung mit Mutterschaft, Körperlichkeit und familiären Strukturen prägen zentrale Werkgruppen wie »generativ« und »transgenerativ«, die mehrfach kontrovers diskutiert und teilweise zensiert werden. Mit der über viele Jahre entstandenen Serie »Vatersuche« verbindet sie künstlerische Reflexion mit persönlicher Recherche und unterstreicht ihren kontinuierlichen Beitrag zu einem selbstbestimmten weiblichen Bild in der Kunst. Internationale Aufmerksamkeit erhält sie u.a. durch Ausstellungsbeteiligungen in der Albertina Wien (AT), im Centre Pompidou in Paris (FR), im MOCA – Museum of Contemporary Art in Los Angeles (US) und MoMA PS 1 in News York (US). 2025 wurden ihre Arbeiten u. a. in der Ausstellung »Unzensiert. Annegret Soltau – Eine Retrospektive« im Städel Museum, Frankfurt am Main (DE) gewürdigt. 2026 werden ihre Arbeiten im Francisco Carolinum in Linz (AT) und im Kunstforum der TU Darmstadt präsentiert.
Annegret Soltau wurde mit zahlreichen Preisen und Stipendien geehrt, darunter dem Maria-Sibylla-Merian-Preis (1998), dem Wilhelm-Loth-Preis der Wissenschaftsstadt Darmstadt (2000) und der Johann-Heinrich-Merck-Ehrung (2016). Ihre Werke befinden sich weltweit in renommierten Sammlungen wie jenen des Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæk (DK), dem Metropolitan Museum of Art in New York (US), dem Museum of Modern Art in New York (US) oder dem Victoria and Albert Museum in London (UK).

Annegret Soltau, Portraitfoto, © Theo Jansen
World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026
Mit der Ausstellung »Annegret Soltau VATERSUCHE« ist das Kunstforum Kooperationspartner der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 und steht in engem Zusammenhang mit dem Leitthema der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 »Design for Democracy: Atmospheres for a better life«. Soltaus künstlerische Arbeit eröffnet einen vielschichtigen Dialog darüber, wie Gestaltung – verstanden als Formung von Erinnerung, Identität und gesellschaftlichem Bewusstsein – demokratische Räume stärken und neue Formen des Miteinanders ermöglichen kann.
Die Serie »Vatersuche« ist ein radikal persönliches Projekt und zugleich ein gesellschaftliches Statement. Annegret Soltau macht ihre jahrzehntelange Suche nach dem verschollenen Vater, einem Soldaten der Wehrmacht, zum Ausgangspunkt einer künstlerischen Auseinandersetzung mit den Nachwirkungen von Krieg, Schuld und Schweigen. Sie schafft Sichtbarkeit für Lebensgeschichten, die in der Nachkriegsgesellschaft lange verdrängt oder tabuisiert waren. Damit wird »Vatersuche« zu einem Akt demokratischer Selbstermächtigung: Die Künstlerin verleiht jenen Stimmen Ausdruck, die über Jahrzehnte ungehört blieben, und verwandelt das nüchterne Vokabular amtlicher Schreiben in eine künstlerische Sprache des Erinnerns.
Auch formal verweigert sich Soltaus Arbeit den Normen von Schönheit und Geschlossenheit. Durch Nähen, Reißen, Collagieren und Verweben verbindet sie Dokument und Körper, Vergangenheit und Gegenwart, Intimität und Öffentlichkeit. So entsteht ein Raum, in dem das Private politisch wird – ein Ort der Empathie, der Reflexion und des Erzählens, an dem individuelle Erfahrung zu kollektiver Erinnerung wird.
In der Gegenüberstellung mit der Serie »Tagesdiagramme«, die innere Zustände, Beziehungen und Lebensprozesse in eine zeichnerische und sprachliche Struktur überführt, zeigt sich Soltaus konsequente Erforschung von Identität als etwas Prozesshaftes und Gestaltbares. Beide Werkgruppen machen deutlich, dass Gestaltung im Sinne von »Design for Democracy« weit über Form und Funktion hinausgeht. Sie entwerfen emotionale und symbolische Räume, in denen Fragen von Herkunft, Zugehörigkeit und Selbstbestimmung verhandelt werden können.
Annegret Soltaus Arbeiten schaffen Atmosphären, in denen Komplexität und Ambivalenz nicht als Störung, sondern als Teil des Lebens verstanden werden. In der Auseinandersetzung mit Verletzlichkeit, Erinnerung und Wandlung wird erfahrbar, was »Atmospheres for a better life« bedeuten kann: Räume, in denen Sichtbarkeit, Resonanz und Mitgefühl zu Grundlagen einer lebendigen Demokratie werden.
Rahmenprogramm
Ausstellungseröffnung | Sa. 17.1.26 | 18 Uhr
Begrüßung durch Hanno Benz (Oberbürgermeister der Wissenschaftsstadt Darmstadt), Prof. Dr. Heribert Warzecha (Vizepräsident für Studium und Lehre sowie Diversität der TU Darmstadt) und Dr. Susanne Völker (Geschäftsführerin des Kulturfonds Frankfurt RheinMain).
Einführung durch Julia Reichelt, M.A. (Leiterin des Kunstforums der TU Darmstadt und Kuratorin der Ausstellung).
Die Künstlerin Annegret Soltau ist anwesend.
Vorträge
Mi 21.1.26 | 11.40 bis 13.20 Uhr
Lunchtalk mit Prof. Dr. Anja Zimmermann (Institut für Kunstgeschichte, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg)
»Politik des Busens. Bilder, Auftritte, (Miss-)Erfolge«
Altes Hauptgebäude der TU Darmstadt, Hochschulstraße 1, Wilhelm-Köhler-Saal
Mi 28.1.26 | 11.40 bis 13.20 Uhr
Lunchtalk mit Dr. habil Sabine Kampmann (Institut für Kunst und Kunstwissenschaft, Universität Duisburg-Essen)
»Ein Kunstwerk gebären? Kreativität und Mutterschaft in der Kunst«
Altes Hauptgebäude der TU Darmstadt, Hochschulstraße 1, Wilhelm-Köhler-Saal
Do. 2.2.26 | 18 Uhr
Performance von Annegret Soltau
Ausstellungsgebäude, Mathildenhöhe Darmstadt, Sabaisplatz 1, Darmstadt
Mi. 22.4.26 | 18 Uhr
Science & Art Talk
»Tagesdiagramme im Licht der Quantenphysik« mit Prof. Dr. Enno Giese (Institut für Angewandte Physik der TU Darmstadt) und Julia
Reichelt, M.A. (Leiterin des TU Kunstforums)
Altes Hauptgebäude der TU Darmstadt, Hochschulstraße 1, Wilhelm-Köhler-Saal
Do. 7.5.26 | 18 Uhr
Ausstellungsrundgang mit Annegret Soltau, Nina Mößle (Galerie Anita Beckers) und Julia Reichelt, M.A.
Workshops
Fr. 13.3.26 | 9.30 bis 17.30 Uhr
Biografisches Schreiben mit Dr. Vanessa Geuen (Leiterin des SchreibCenters der TU Darmstadt)
Mi. 25.3.26 | 16 bis 20 Uhr
Collage & Writing mit Julia Reichelt, M.A.
Fr. 17.4.26 | 16 bis 20 Uhr
Pflanzentinten selbermachen mit Dipl.-Des. Kathrin Stößer (Blaumacherei / Kunstforum der TU Darmstadt)
Fr. 29.5. bis So. 31.5.26
Journal Visuel | Blockworkshop mit Prof. Sabine Zimmermann und Studierenden des Fachbereichs Gestaltung, in Kooperation mit der h_da
Sa. 6.6.26 | 18 bis 19 Uhr
Von Hand gebunden – Über die Kunst des Buchbindens | Workshop mit Salomé Alfano (Kunstforum der TU Darmstadt)
Führungen
Mi. 21.1.26 | 13.30 Uhr | Kurzführung in der Mittagspause mit Julia Reichelt, M.A.
Do. 22.1.26 | 18 Uhr | Spezialführung mit Francesco Colli, M.A. (Kunsthistoriker)
Mi. 28.1.26 | 13.30 Uhr | Kurzführung in der Mittagspause mit Julia Reichelt, M.A.
Di. 17.2.26 | 12 Uhr | Kurzführung in der Mittagspause mit Nicole Lechler, M.A.
Mi. 11.3.26 | 18 Uhr | Öffentliche Führung mit Torsten Bruns, M.A.
Mi. 27.5.26 | 18 Uhr | Öffentliche Führung mit Nicole Lechler, M.A.
Finissage
So. 7.6.26 | 16 bis 20 Uhr | Über das Suchen
Impulsvortrag von Prof. Dr. Petra Gehring (Zentrum verantwortungsbewusste Digitalisierung und Institut für Philosophie der TU Darmstadt) und Lesung von Baldur Greiner (Bildhauer) »Ich war total suchend«, seine Biografie über seine Frau Annegret Soltau
Informationen und Anmeldung zu den Veranstaltungen unter: www.tu-darmstadt.de/kunstforum/
Das Kunstforum ist während der Osterfeiertage vom 3. bis 6. April 2026 und während des Schloßgrabenfestes vom 21. bis 24. Mai 2026 geschlossen.









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