„Ins Darknet kommst du am bequemsten mit dem Tor Browser. Der basiert auf Firefox und klinkt sich ins Tor-Netzwerk ein, einem riesigen Anonymisierungs-Netzwerk. Der Tor Browser erlaubt den anonymen Zugriff auf normale Webseiten und eben auch auf sogenannten Onion-Sites. Letztere sind ohne Tor nicht erreichbar,“ hatte sie ihr bei einem Gläschen Sekt erklärt.
Damals fand Evelyn das zwar spannend, hatte aber keine Verwendung dafür. Jetzt aber wollte sie diese Zwiebel-Seiten nutzen, denn da soll alles möglich sein, teilte ihr ihre Freundin mit, vom Drogenkauf bis zum Auftragsmord.
Beides wollte Evelyn nicht. Sie wollte lediglich ihrem Herbert den Spaß verderben und was war da effektiver, als bei dem ersten Liebesurlaub ein gebrochenes Nasenbein und ein paar fehlende Schneidezähne zu haben.
Die relevante Seite war schnell gefunden, der Mann, der die Dienstleistung „Verprügeln innerhalb der nächsten Stunden“ anbot, war nach kurzer Verhandlung bereit. Zum Glück verfügte Evelyn über ein Bitcoin-Konto. So konnte sie den geforderten Betrag noch in derselben Sekunde überweisen. Zwei kurze Mails wurden hin und her geschickt. Alles war klar. Evelyns Lächeln hatte etwas diabolisches an sich. Sie hatte zwar den gesamten Vormittag mit ihrer Recherche verbracht, war allerdings erfolgreich und gerade deswegen sehr glücklich. Nun mussten die Betten gemacht und Gestaubsaugt werden. Pfeifend machte sich sich ans Werk.
Es klingelte an der Wohnungstür.
Wer konnte das sein?, überlegte Evelyn.
Ihre Freundinnen waren alle in ihrem Job beschäftigt.
Die Post? Sie hatte nichts bestellt.
Der Schornsteinfeger oder irgendwer von Strom und Gas schieden ebenfalls aus, diese Mitarbeiter hätten sich frühzeitig angemeldet.
Evelyn grübelte, als sich sich auf den Weg zur Eingangstür machte. Da kam ihr eine Idee. Bestimmt war es der blutende Herbert. Er wollte beichtend und kleinlaut zurück zu ihr kriechen.
Das würde sie allerdings nicht zulassen. Sie bewaffnete sich mit einem Nudelholz. Ein guter Gedanke. Evelyn grinste breit, als sie die Wohnungstür öffnete. Sie erblickte einen riesigen Blumenstrauß. Dahinter versteckte sich ein junger Mann in einem hellblauen Anzug. „Fleurop“, frohlockte er, als hätte er gerade einen starken Espresso getrunken: „Ich liefere diesen Strauch und soll ihnen diesen Umschlag überreichen.“
Evelyn war so überrascht, dass sie widerstandslos den Umschlag und den Strauß entgegennahm. Der Lieferant drehte sich blitzschnell um und eilte zurück zu seinem Fahrzeug. Benommen taumelte Evelyn in die Küche, legte den Blumenstrauß auf den Küchentisch und öffnete den Umschlag. Kurz darauf hielt sie zwei Flugtickets in Händen und einen Brief mit der Handschrift ihres Mannes. Darauf stand: „Liebe Evelyn, heute ist unser Hochzeitstag. In der letzten Zeit habe ich dich ein wenig vernachlässigt. Im Büro war soviel zu tun. Lass uns die verlorenes Zeit in einem Urlaub auf Kreta nachholen.
In Liebe Herbert“