„Wie geht es Ihnen ansonsten?“, fragte der Pastor in die Stille hinein.
„Muss halt.“
„Sie wissen, heute ist der Jahrestag ihrer Ehefrau?“
„Klar, aus diesem Grund habe ich heute eine Messe für Elfriede lesen lassen und auch dafür bezahlt.“
„Ich habe Sie in der Kirche erwartet. Elfriede war eine fleißige Kirchgängerin.“
„Das scheint so. Ihr war allerdings der Kirchgang manchmal unangenehm, aber genau das wollte sie nicht sagen. Dazu war sie zu gut erzogen.“
Erwin lächelte schelmisch. Der Pfarrer tat so, als hätte er die letzten Worte nicht gehört, und wartete.
„Ja, ich wollte in die Kirche kommen, aber habe verschlafen.“
„Schade.“
„Ist halt so.“
„Tja, aus diesem Grunde dachte ich, ich komme mal vorbei.“
„Wäre nicht nötig gewesen.“ Erwin überlegte. Er musste unverdächtig erscheinen und einlenken. So sagte er: „Dennoch danke, dass Sie gekommen sind.“
Der Pastor, der so aufrecht auf dem Holzstuhl saß, als habe er ein Brett unter seiner Soutane, sinnierte vor sich hin: „Jetzt ist Ihre Ehefrau schon seit einem Jahr für tot erklärt. Sie war einfach verschwunden. Ich kann nicht verstehen, was geschehen ist.“
Ach deswegen ist die pastorale Krähe vorbeigekommen, dachte Erwin belustigt, vermied aber ein Lächeln. „Ich schon“, sagte er und rieb sich die Augen. Dies hatte er vielfach geübt und es gelang ihm dadurch immer wieder, die eine oder andere Träne herauszudrücken. „Hier“, fuhr er fort und erhob sich, ging in die Küche und kam mit einem abgegriffenen Stück Papier zurück. „Hier ist Elfriedes Abschiedsbrief.“
Der Pastor kannte den Brief, nahm ihn aber dennoch entgegen.
„Ich sehe den Brief als Testament. Hier zum Beispiel schreibt sie …“ Erwin stand plötzlich hinter dem Geistlichen und pochte mit seinem rechten Zeigefinger auf den Zettel. „Ich will nicht in den letzten Wochen meines Lebens vollgestopft mit Medikamenten dahinsiechen. Ich will mein Leben selbst in die Hand nehmen und es beenden, solange ich noch die Gelegenheit dazu habe.
Und hier weiter unten schreibt sie: Mein Lieber, du kennst die Brücke ein paar Hundert Meter von unserem Haus entfernt, die über die Isar führt. Du weißt, wie rasend der Fluss um diese Jahreszeit ist. Ich werde ihm meinen Körper übergeben und er wird ihn mitnehmen, hin zu einem besseren Ort, da bin ich mir ganz und gar sicher.“
Der Pfarrer kannte die Stelle in Elfriedes Abschiedsbrief. Schon oft hatte er die Worte gelesen oder gehört. Er nickte. „Ich weiß“, sagte er zögerlich, „der Leichnam konnte allerdings bis heute nicht gefunden werden. Erwin nahm behutsam den Brief, setzte sich und vertiefte sich versonnen in das Geschriebene.
Der Geistliche akzeptierte und beobachtete sein Gegenüber, dem Tränen über die Wangen liefen. Kurze Zeit später erhob er sich und sagte: „Schön, dass Sie zu Elfriedes Andenken eine Messe lesen ließen. Das Gotteshaus war gut gefüllt. Wenn Sie mögen, werde ich Sie wieder besuchen.“
„Tun Sie das“, erwiderte Erwin, „ich freue mich immer, wenn Sie kommen, aber hoffen Sie nicht darauf, dass ich in die Kirche kommen werde.“
„Machen Sie sich darüber keine Sorge. Sie sind ein getauftes Gemeindeglied und werden Gottes Segen auch in Ihren eigenen vier Wänden erfahren.“
Der Geistliche dachte kurz nach und war zufrieden mit den Worten, die er gesprochen hatte. Er hatte genug getan. Jetzt konnte er gehen. Auch er benötigte freie Zeit, um zu tun, was ihm inneren Frieden bescherte. Zu Hause wartete ein 1000-Teile-Puzzle.
„Finden Sie alleine den Weg?“, fragte Erwin mit dünner Stimme, da schlug auch schon die Haustüre ins Schloss.
Lächelnd faltete Erwin das Stück Papier zusammen, legte es wieder vorsichtig zurück in die Schachtel, die in der Küche auf dem kleinen Schränkchen stand, und holte sich eine volle Flasche Bier aus dem Kühlschrank. Sein Blick ging zur Küchenuhr. 19.00 Uhr. Es war Zeit, etwas zum Essen zu kochen. Heute war ein besonderer Tag. Erwin wollte sich beeilen. Er hatte seiner Elfriede viel zu erzählen, nicht nur von dem Besuch des Pfarrers. Schließlich war ihr Einjähriges und außerdem gab es eine neue Folge des Münsteraners Tatorts. Von Boerne und Thiel schwärmten beide schon seit mehreren Jahren.
Erwin war kein guter Koch, aber er bemühte sich redlich. Es sollte Koteletts mit Bratkartoffeln geben, Elfriedes Leibgericht. Die Kartoffeln hatte er schon heute früh gekocht, die Koteletts waren paniert, so ging alles recht schnell. Es blieb sogar noch Zeit, um einen leckeren Gurkensalat vorzubereiten.
Als alles gerichtet war, kramte Erwin das große Tablett hervor, stellte Teller, Tassen, Besteck und das Essen darauf und ging ins Schlafzimmer, um seine Thermohose und die Jacke zu holen. Beides zog er sorgfältig über, ging in den Flur und holte die Schuhe und die Fellmütze, die an der Garderobe hing. Anschließend überprüfte er sorgfältig, ob die Haustüre verschlossen war. Heute Abend konnte er keinen Besuch gebrauchen. Zur Sicherheit stellte er die Klingel ab. Nachdem er alle Vorbereitungen beendet hatte, ging er zurück in die Küche und holte das Tablett. Er trug es vorsichtig hinunter in den Keller, stellte es vor der schweren Eisentür ab und öffnete die Tür zum Kühlraum. Das Licht blitzte auf und Erwin betrat den schön dekorierten Raum, der einem Wohnzimmer glich. Er stellte das Tablett auf den Holztisch, den Blumen zierten, sie waren aus Stoff, wirkten aber ziemlich echt. Erwin schaute sich um und fühlte den Stolz darüber, was er geschaffen hatte. Vor Kurzem noch hatte er frisch tapeziert und einen neuen Teppich besorgt. Der bequeme Fernsehsessel passte gut dazu.
„Du wirst nicht glauben, wer mich heute besucht hat.“ Erwin deckte den Tisch und ließ seinen Blick hinüber zu dem Sessel gleiten. „Pfarrer Benecke wollte wissen, warum ich heute früh nicht in der Kirche war. Wir haben uns etwas unterhalten und ich habe ihm wieder einmal deinen Abschiedsbrief vorgelesen. Bald danach wollte er gehen, ich habe ihn ziehen lassen. Er hat nichts von dem Kaffee getrunken, den ich ihm kredenzt hatte. Hahaha, vielleicht war er ihm zu kalt.
Einmal habe ich mich verplappert, aber ich glaube, er hat nichts gemerkt, na egal, jetzt bin ich bei dir.“
Ein seliges Lächeln glitt über Erwins Gesicht als er Elfriede anschaute. „Schau mal, was ich uns gekocht habe. Nach dem Essen können wir gemeinsam Tatort schauen.“
Erwin ging hinüber zu seiner Ehefrau. Schön sah sie aus in ihrem hellblauen Kleid, welches er ihr zur Goldenen Hochzeit geschenkt hatte. Er dachte daran, wie er es ihr vor einem Jahr übergezogen hatte, nachdem die Tabletten gewirkt und er ihr die Pulsader aufgeschnitten hatte. Das Blut war schnell aus ihr herausgeflossen, so, als helfe sie dabei.
Er berührte ihre Hand. Es fühlte sich gut an. So wie immer.