Botu linum toxin ist die Antwort. Als Botox lokal gespritzt, bereinigt es Falten auf den Gesichtern betuchter Damen, als Botu linum toxin in hoher Dosierung, aufgelöst in Rotwein, bereinigt es unserer Beziehung. Die Schluck-, Sprech- und Sehstörungen hast du schon kennenlernen können, was kommen wird, sind Muskellähmungen und der langsame und qualvolle Erstickungstod. Das wird allerdings noch eine Zeitlang dauern. Aber, was erzähl ich dir. Du kennst dich aus. Du bist ja kein Dummie. Du bist ein erfolgreicher Geschäftsmann und ein Bestseller-Krimi-Autor dazu. Über einen ähnlichen Fall hast du schon geschrieben. Du musst wissen, ich lese alle deine Bücher und ich hasse es, wie du von der Presse und den Medien für den Quatsch, den du dir ausdenkst, hofiert wirst.“
Plötzlich ließ Max seine Faust auf die Tischplatte donnern und sprang auf. Einige Schachfiguren wackelten bedenklich. „Ich hasse es wirklich und ich hasse dich!“, schrie er und lief ein paar Schritte durch den Raum, „dir fällt alles in den Schoß. Du hast alles erreicht, was mir verwehrt wurde, immer und immer wieder. Schon in unserer Kindheit, und nur deswegen, weil du der Zweitgeborene und Papas Liebling warst. Ich musste immer Regeln einhalten, die du brechen durftest. Mit sechzehn musste ich um 10 Uhr zu Hause sein, wie peinlich. Als du in dem Alter warst, durftest du raus, solange du wolltest. Weißt du noch? Und was gab es für ein Geschrei, als mich Vater beim Rauchen erwischt hatte. Als du ein paar Jahre später mit dem Rauchen begonnen hattest, gab es keine Strafe, noch nicht einmal eine Gardinenpredigt. So war es immer. Aber, jetzt ist Schluss damit. Ich werde mich für all das rächen und mehr noch …“
Langsam glitt Moritz‘ Kopf in Richtung der Tischplatte.
Max hielt kurz inne und flüsterte vor sich hin: „Es geht doch schneller, als ich gedacht hatte. Beachtlich. Die Verkrampfung der Nackenmuskulatur setzt ein. Ein deutlicher Hinweis auf Botulismus. In diesem Stadium der Vergiftung könnte eine Bekämpfung mit Antitoxin noch möglich sein.“
„Aber, wer sollte dich retten wollen?“, fragte er spöttisch und jetzt um einiges lauter. „Ich werde es nicht tun! Ich werde es genießen. Ich werde dir beim Sterben zuzusehen.
Moritz krampfte. Sein hochroter Kopf zitterte. „W… wa… waas … willst…. du?“, presste er hervor.
Ein breites Grinsen zog sich über Max‘ Gesicht „Du willst wissen, warum dein Tod mir nützt?“ Langsam nahm er erneut auf dem Stuhl am Schachtisch Platz. „Es ist ganz einfach. Es ist wie beim Schach. Jeder Zug muss geplant werden“, begann er ruhig, „Nach deinem Ableben werde ich deine Rolle einnehmen. Ich werde Erfolge feiern und ich werde gefeiert werden und nicht nur als Name, sondern als Person. Ich weiß, dass du einen neuen Roman abgeschlossen hast. Der Verlag hat einen Vertrag mit dir, besser gesagt mit deinem Synonym. Nach deinem Ableben und natürlich nach einer kurzen Trauerzeit werde ich mich outen und endlich der Welt bekannt geben, wer das Alter Ego des großen Bestsellerautors Ali Alltag ist, der sich bisher weigerte, seinen richtigen Namen preiszugeben. Es wird ein großes Hallo geben und alle Medien werden fortan über mich berichten.“
Moritz‘ Kopf war mittlerweile auf den Tisch gesunken und in einer unnatürlichen Haltung stützte ihn das Kinn ab.
‚Das muss höllisch weh tun. Wahrscheinlich ist dein Gesicht deswegen so rot angelaufen´, dachte Max und er grinste noch etwas breiter.
Moritz verharrte in der Stellung ein paar Sekunden lang, dann hob er in Zeitlupe seine rechte Hand, ließ sie kurz über der Tischkante schweben, packte dann den König und verschob ihn von d8 auf d7. „Jetzt denke selbst darüber nach, wie es weitergehen soll“, sagte er klar und deutlich.
„Waa … wa … wa …?“, stammelte Max.
Jetzt lächelte Moritz und richtete sich auf, als sei nichts gewesen. Sein Kopf zitterte nicht mehr. Sofort verschwand die rote Farbe aus seinem Gesicht. „Ein guter Schachspieler denkt ein paar Züge im Voraus, wie du selbst bemerkt hast“, sagte er. „Auch ich beobachte dich genau. Und du warst vorhin unaufmerksam, bist aufgestanden, um dir ein Taschentuch zu holen. Genug Zeit, um die Rotweingläser zu vertauschen. Du hast den vergifteten und vergorenen Traubensaft genossen, wie ich beobachten konnte. Bald wird die Wirkung bei dir einsetzen. Na, was sagst du nun, Brüderchen?“
Max sprang auf. „Du verdammtes Miststück“, schrie er, „glaube aber nicht, dass du gewonnen hättest. Ich habe das nötige Antitoxin dabei und noch was …“ Sofort verschwanden seine beiden Hände hinter dem Rücken. Er zog etwas unter seinem Gürtel hervor. „Hier ist sie, eine Walter PPQ, klein, aber mein.“ Ohne ein weiteres Wort zielte er kurz und drückte ab. Die Kugel durchschlug die dünne Tischplatte und blieb im Oberschenkel seines Bruders stecken. Moritz fiel mit einem Schrei nach hinten um und sofort durchfeuchtete Blut den Stoff seiner Hose. Er betastete den Oberschenkel. Dann blickte er auf seine Hände und erschrak über das viele Blut daran. „Scheiße, die Hauptschlagader ist getroffen“, zischte er und versuchte unter Schmerzen, den Gürtel zu öffnen, aus den Schlaufen zu ziehen, um ihn um seinen Oberschenkel zu legen, was ihm allerdings nicht gelang. „Hol einen Notarzt, sonst verblute ich“, knurrte er vor sich hin und versuchte, seinen Bruder anzuschauen.
„Genau das werde ich nicht tun“, sagte Max. Er kam einen Schritt auf Moritz zu, die Waffe noch immer im Anschlag.
„Okay, du hast die Wahl“, japste Moritz, „entweder du hilfst mir, die Wunde abzubinden, und holst einen Krankenwagen oder du wirst den Rest deines Lebens im Knast verbringen.“
„Hahaha“, lachte Max laut und überheblich. „Was soll der Quatsch? Ich werde dir jetzt beim Verbluten zusehen und mir nebenbei das Antitoxin spritzen. Ich werde es genießen und dann meinen Plan weiterverfolgen. Der einzige Unterschied wird sein, dass ich mehr Arbeit habe, dich zu entsorgen. Dieses verdammte Blut. Es sollen ja keine Spuren zurückbleiben. Aber das werde ich auch noch schaffen.“
„In welcher Welt lebst du denn“, stöhnte Moritz. Mittlerweile hatte er es unter Schmerzen geschafft, den Gürtel aus den Schlaufen zu ziehen. „Du kannst das Blut gar nicht rückstandsfrei wegwischen. DNA von mir wird immer gefunden werden und dann gibt es Rückschlüsse auf dich. Außerdem, ist dein Plan längst der Polizei bekannt.“ Mit schmerzverzerrtem Gesicht deutete Moritz auf sein Smartphone, welches unter dem Tisch lag. „Ich habe vorhin schon die Nummer von Hauptkommissar Dobermann gewählt. Er berät mich bei meinen Kriminalgeschichten und wir stehen in engem Kontakt. Er hat alles mitgehört und ich denke, der wird gleich hier sein.“
„Du bluffst!“, schrie Max und war mit zwei schnellen Schritten um den Tisch gelaufen. Er grabschte nach dem Smartphone. Sein Bruder drehte sich mit letzter Kraft zur Seite, schlang den Gürtel um Max Wade und zog daran. Max war so verblüfft, dass er nicht reagieren konnte, das Gleichgewicht verlor und zur Seite fiel. Hart schlug sein Kopf auf der Kommode auf, die an der Wand gegenüber dem Schachtisch stand. Die Haut an seiner Schläfe riss auf und Blut verteilte sich auf dem Parkettboden. Gleich darauf verlor Moritz sein Bewusstsein, bei Max dauerte es noch einen Augenblick länger.
Etwa eine Viertelstunde später und gerade noch rechtzeitig ließ Kriminalhauptkommissar Lothar Ludwig Dobermann die Wohnung öffnen. Er sah den Schlamassel und rief zwei Krankenwagen und einen Notarzt herbei. Anschließend stand er eine Zeitlang kopfschüttelnd vor dem Schachtisch, analysierte den Stand der Figuren und bemerkte vor sich hin brummend: „Ein klassisches Remis.“