Solide Spannung, durchschaubarer Schluss

Stream-Tipp: Die Falle

Beitrag von Frank Horneff

Lisa Konrad (Friederike Becht) hat ihr Haus seit zehn Jahren nicht mehr verlassen. Sie war Zeugin, als ihre Schwester Anna ermordet wurde, der Täter wurde nie gefasst; seither schreibt sie ihre Bestseller aus dem Haus heraus, unter Pseudonym. Als sie im Fernsehen einen Mann zu erkennen glaubt, wählt sie nicht die Polizei, sondern den Umweg über ihren Beruf: Sie lädt ihn zum Interview ein. Der Journalist Robert Lenzen (Hans Löw) sitzt also bald am selben Tisch wie die Frau, die ihn für einen Mörder hält — und die selbst das Werkzeug ist, mit dem sie ihn fangen will.

Das trägt, weil zwei Menschen mit entgegengesetztem Interesse einander beobachten müssen, ohne die Karten offenzulegen. Regisseurin Isabel Kleefeld legt Gegenwart, Rückblenden und Fantasien so übereinander, dass sich die Bilder ergänzen und widersprechen, und lässt bis zuletzt offen, was Lisas Erinnerung verbürgt und was sie sich aus Schuldgefühlen zusammengesetzt hat. In der ersten Hälfte funktioniert das sehr gut, die vierte Folge ist die stärkste. Friederike Becht trägt die Anspannung, ohne sie zu spielen; Hans Löw ist ein Glücksfall, weil man ihm bis zum Schluss nicht anmerkt, wofür er da ist. Matthias Brandt hat wenig Szenen und nutzt jede einzelne exzellent.

Danach wird es schwächer. Die Auflösung fällt konventioneller aus als der raffinierte Aufbau, mancher Handlungsstrang wirkt konstruierter als gewachsen, und wer aufmerksam schaut, ahnt früh, worauf es zuläuft — den Zug, den „Liebes Kind“ bis zur letzten Minute hatte, bekommt diese Serie nicht durchgehend hin. Einzelne Dialoge geraten ins Klischee.

Vom Hocker reißt das nicht. Sauber erzählt, prominent und gut besetzt, hält die Miniserie aber, was sie verspricht: eine durchdachte, spannende Geschichte über Schuld und Erinnerung, die sich in zwei, drei Abenden wegschauen lässt. Wer verlässliche Serienunterhaltung auf deutschem Produktionsniveau sucht und keine Sensation erwartet, macht mit „Die Falle“ nichts falsch.

Die Falle | Netflix | sechs Folgen à ca. 45 Minuten | online seit 13.10.26 | Psychothriller nach dem Roman von Melanie Raabe | Regie: Isabel Kleefeld („Liebes Kind“) | www.netflix.com