„Ruhe, Abschluss und Ordnung“

von Nikolaus Heiss

Im Klinikum Darmstadt entstand 1952-54 die Frauenklinik als einer der fünf in Darmstadt verwirklichten Meisterbauten, die 1951 aus dem Darmstädter Gespräch zum Thema Mensch und Raum hervorgegangen sind. Otto Bartning (1883-1959) und sein Mitarbeiter Otto Dörzbach (1920-1989) waren die Architekten des Klinikgebäudes.

Die Bauaufgabe für das Klinikum bestand darin, mit Neubauten für eine Frauenklinik und eine Chirurgie die bestehende Anlage mit ihrer Vielzahl von vorhandenen Gebäuden unterschiedlicher Höhe und Gestalt zusammenzufassen und räumlich zu ordnen. So formulierte Otto Bartning beim Darmstädter Gespräch „Mensch und Raum“: „Ich bin davon ausgegangen, die geplante Gebäudegruppe mit dieser einfachen Gebärde, gewissermaßen mit geöffneten Armen, so aufzustellen, dass sie die Unruhe des Bestehenden zu Ruhe, Abschluss und Ordnung bringen möge“. Verbindung und Gelenk sollte der an der Bismarckstraße gelegene Gebäuderiegel mit dem südwestlich verschwenkten Bogenbau mit der Säuglingsstation sein. Dieser Gedanke wurde bedauerlicherweise nur teilweise verwirklicht. Es entstanden dagegen in der Folgezeit weiterhin gesichtslose Funktionsbauten, die dem formulierten städtebaulich-gestalterischen Anspruch nicht genügen konnten.

Der Bau der Frauenklinik weist eine deutliche Trennung der Funktionsbereiche auf: Zu- und Abfahrt der Krankenwagen liegen an der Außenseite des Bogenbaus. Hier sind OP´s, Treppen und Nebenräume angeordnet. Besondere Aufmerksamkeit verwandte Bartning auf die Gestaltung und Belichtung der Krankenhauszimmer mit 160 Betten in fünf Stationen. Unterschiedliche Zimmertiefen und Fenstergrößen sowie ein umlaufendes Terrassenband verleihen der Fassade ein differenziertes und lebendiges Erscheinungsbild.

Die nach Süden weisende Innenseite mit den Krankenzimmern öffnete sich ursprünglich zu einem gärtnerisch gestalteten Grünbereich von hoher Qualität mit Brunnenanlage und einer weiblichen Bronzestatue von Peter Weiss, die 1964 dort aufgestellt wurde. Durch den 2021 fertiggestellten großen Klinikneubau musste die Grünanlage wesentlich reduziert werden, wodurch die ursprüngliche Offenheit und Großzügigkeit verlorengingen. Diese negative Veränderung ist der Tatsache geschuldet, dass die Erneuerungszyklen im Gesundheitswesen relativ kurz sind, weil Krankenhäuser möglichst immer auf dem neuesten technischen Stand sein und möglichst viel Raum bieten müssen, um wirtschaftlich betrieben werden zu können. So wurden in den vergangenen Jahrzehnten bereits auf Grund von Brandschutzauflagen im Inneren immer wieder Veränderungen vorgenommen, die den Charakter des Kulturdenkmals nachteilig verändert haben.

Bartning konnte über Mittel aus dem Programm „Kunst am Bau“ verfügen. So ließ er den Heidelberger Künstler Will Sohl (1906-1969) im Foyer 1955 ein Wandmosaik aus verschiedenfarbigen Klinkern, Blaubank, Muschelkalk und Schiefer schaffen, das den Ablauf des Lebens einer Frau anschaulich machte. Vor dem Eingang zur Frauenklinik gestaltete 1955 der Berliner Künstler Hans Uhlmann (1900-1975) eine abstrakte Bronzeblech-Plastik, die gleichzeitig als Beleuchtungskörper diente.

Otto Bartning

Otto Bartning wurde nach Architekturstudien in Berlin und Karlsruhe ab 1905 freischaffender Architekt. Er beschäftige sich zunächst mit Kirchenbauten bevor er 1912 Mitglied und später Vorstandsmitglied im Deutschen Werkbund wurde. Ab 1918 entwickelte er zusammen mit Walter Gropius das Programm für die Bauhaus-Schule in Weimar. 1926-1930 war er Direktor der Staatlichen Bauschule Weimar. Neben vielen Kirchenbauten entstanden nach seinen Plänen in Berlin Wilmersdorf 1931 eine Landhausklinik und 1936 in Luxemburg eine Entbindungsklinik. Nach dem Zweiten Weltkrieg avancierte er zum Leiter des evangelischen Hilfswerks in Neckarsteinach, wo er ein weltweit beachtetes Programm für Notkirchen entwickelte, von denen 43 in ganz Deutschland gebaut wurden. Ab 1950 lebte er in Darmstadt, leitete 1951 das 2. Darmstädter Gespräch „Mensch und Raum“ und wohnte im westlichen Flügel des Ernst-Ludwig-Hauses auf der Mathildenhöhe bis zu seinem Tod 1959.

Darmstädter Gespräche – Meisterbauprojekt

Unter dem Eindruck der umfassenden Zerstörung Darmstadts im Zweiten Weltkrieg, dem Ende des NS-Regimes und dem Verlust der Hauptstadtfunktion, haben sich Darmstädter Politiker, Künstler und Philosophen überlegt, mit einer Reihe von meist dreitägigen Symposien die drängenden Probleme der Zeit öffentlich zu erörtern. Die international beachteten ersten zehn Darmstädter Gespräche von 1950 bis 1968 begannen 1950, initiiert von der „Neuen Darmstädter Sezession“, mit dem Thema „Das Menschenbild in unserer Zeit“. Die zweite Veranstaltung 1951 mit dem Thema „Mensch und Raum“ wurde anlässlich des 50. Jahrestags der Ausstellung der Künstlerkolonie von 1901 „Ein Dokument Deutscher Kunst“ mit dem Versuch, an deren Ideale anzuknüpfen und der Architektur der Nachkriegszeit neue Impulse zu geben. Es wurden elf Entwürfe vor allem kommunaler Bauten wie Schulen von bedeutenden Architekten (Meistern) vorgestellt, von denen im Laufe der nächsten Jahre fünf verwirklicht werden konnten: das Ledigenwohnheim von Ernst Neufert, die Frauenklinik von Otto Bartning und Otto Dörzbach, das Ludwig-Georgs-Gymnasium von Max Taut, die Georg-Büchner-Schule von Hans Schwippert (siehe VORHANG AUF Magazin September 2025) und die Kinderwelt von Franz Schuster.