Früher war es in der Rechtsprechung so, dass man straffrei ausgegangen ist, wenn man seine eigene Ehefrau in flagranti erwischt und anschließend im Affekt getötet hatte.
Warum wurde dieses Privileg abgeschafft?
Ich weiß es nicht und es ist mir auch egal. Für meine Entscheidung und zur Beruhigung meines Gewissens gelten noch die alten Gesetze. Ehebruch muss bestraft werden. Mein Vater hat es vor vielen Jahren auch erlebt und er hat gleich gehandelt. Damals kaltblütig und mit einem Küchenmesser.
Warum sollte er kein Vorbild für mich sein?
Ich muss der wiederkehrenden Schleife in meiner Familiengeschichte folgen. Ich weiß, dass sich die Zeiten verändert haben und ich weiß auch, dass es mittlerweile keinen Freibrief für Ehemänner gibt, egal, was sie mit ansehen mussten, aber das bedeutet für mich lediglich, dass ich clever vorgehen muss.
Ob ich nicht doch Angst vor der Staatsgewalt habe, würden Sie mich wohl gerne fragen?
Ob ich die Justiz und das Strafmaß fürchte, wollen Sie wissen?
Darauf habe ich eine klare Antwort: Nein! Mein Vater wurde nicht erwischt und bestraft, warum sollte mir das widerfahren?
Ich bin gut vorbereitet.
Natürlich habe ich mich um ein Alibi gekümmert und natürlich habe ich zuvor auf dem PC im Namen meiner Lebensgefährtin einen Abschiedsbrief geschrieben.
Und hier mein Plan.
Jeden Dienstag spiele ich ein Stockwerk tiefer mit Freunden Doppelkopf. Wir sind immer zu fünft und alle fünf Runden muss ich aussetzen und mache eine kurze Pause. Meist schaue ich den anderen beim Spielen zu, manchmal gehe ich auch eine rauchen oder nutze die Zeit, um die Toilette zu besuchen.
Auch am letzten Dienstag war Doppelkopfzeit, ich hatte alles vorbereitet, meine Lebensgefährtin war noch bei ihrer wöchentlichen Yoga-Stunde. Ich saß bei meinen Freunden.
Gut gelaunt und zu allerlei Sprüchen bereit spielte ich ein paar Runden. Als ich hörte, dass es im Treppenhaus knarzte und auch die Zeit stimmte, wartete ich noch so lange, bis ich das nächste Mal Karten geben und aussetzen musste. Ich nutzte den angeblichen Toilettengang, ging leise nach oben, entschuldige mich bei meiner Lebensgefährtin über mein ungebührliches Verhalten am Morgen, schenkte ihr ein vorgefertigtes Kärtchen, einen kleinen Blumenstrauß, ein Küsschen und den liebevoll verzierten Bembel, randvoll mit leckerem Apfelwein gefüllt, und verabschiedete mich wieder. Das Kartenspiel wartete.
Etwa eine Dreiviertelstunde später verschwand ich nach dem Kartenausteilen erneut und fand meine ehemals geliebte Asiatin, wie erwartet, schlafend und schnarchend auf der Couch. Ich öffnete die Fensterflügel, startete auf dem Rückweg den PC, trug anschließend meine Lebensgefährtin hinüber zum Fenster, warf sie hinaus, schloss die Fensterflügel und öffnete am PC den vorgefertigten Abschiedsbrief. Zum Verweilen hatte ich keine Zeit. Rasch ging ich nach unten, betätigte lautstark die Toilettenspülung und setzte mich zu meinen Spielgefährten.
Etwa eine halbe Stunde später klingelte es an der Wohnungstür und die Polizei wollte mich sprechen. Ich wusste, nun würde mir die traurige Nachricht überbracht werden und versuchte, mir meine Freude nicht ansehen zu lassen.
Meinen Spielgefährten wie auch mir fiel die Kinnlade nach unten, als der eine Polizist zu Ende gesprochen hatte. Der andere bat mich, mit nach oben in meine Wohnung zu kommen. Ich tat wie mir geheißen und folgte mit weichen Knien. Die Polizisten schienen geübt zu sein. Sie benötigten nicht allzu viel Zeit, bis sie auf eine Idee kamen und den PC, der auf „Stand-by“ stand, aktivierten.
Gleich darauf wurde ich verhaftet, gegen meinen Willen. Die beiden Beamten waren nicht zimperlich. Unter Schmerzen wurden meine Arme auf den Rücken gedreht und das Eisen der Handschelle schnitt sich in das Fleisch meiner Handgelenke. Ich schrie, wurde an meinen Freunden vorbei durchs Treppenhaus geschleppt, verschwand in dem Blaulichtblinkenden Polizeiauto und erfuhr auf dem Polizeipräsidium den Fehler, den ich begangen hatte. Man erklärte mir, auf dem Fensterbrett seien keinerlei Spuren gefunden worden, die unweigerlich hätten erkennbar sein müssen, wenn jemand mit beiden Füßen darauf gestanden hätte.
Außerdem sei das Fenster ordnungsgemäß verschlossen gewesen, was meine Asiatin nach einem freiwilligen Sprung in die Tiefe wohl kaum hätte bewerkstelligen können. Erst in diesem Moment fielen mir, neben dem unsteten und impulsiven Charakter meines Vaters, die übertriebene Ordnungsliebe und die krankhafte Energiesparsucht meiner Mutter ein. Bei ihr durfte im Winter kein Fenster offenstehen, selbst das Kippen war strengstens verboten.