Inspiration

Wucht der Trauer

Familiensachen!
Alle glücklichen Familien gleichen einander. Aber jede ist auf ihre eigene Art unglücklich. Diese Weisheit stammt von keinem Geringeren als Leo Tolstoi. Der russische Literaturgroßmeister schrieb die Sätze als Einstieg zu „Anna Karenina“, der berühmten Geschichte einer kreuzunglücklichen Frau. Es ist aber auch ein Familienroman, weil darin Irrungen und Wirrungen dreier Familien minutiös geschildert werden. 1878 erschien das Buch, seitdem ist viel passiert. Geblieben ist, dass Familien viel Erzählstoff liefern. Zwei neue, sehr unterschiedliche Romane fallen in dieses Genre und regen zum Nachdenken an.

Stig Sæterbakken gilt als einer der wichtigsten norwegischen Autoren der letzten Jahrzehnte. 1966 wurde er geboren, 2012 nahm er sich das Leben. Dies ist sein letzter Roman – es ist die erschütternde Geschichte einer Familie, die den Selbstmord des Sohnes bewältigen muss.

Für dieses Buch braucht man Zeit. Nicht nur, weil es so poetisch in dichten Sprachbildern geschrieben ist. Sondern vor allem, weil es unter die Haut geht und emotional mitnimmt. Karl Meyer ist Zahnarzt, verheiratet und Vater einer Tochter und eines Sohnes. Eines Abends betrinkt sich der achtzehnjährige Ole-Jakob, setzt sich ins Auto des Vaters und fährt sich zu Tode. Unfassbar für die Familie, die in Trauer ertrinkt. Der Vater versucht in Worte zu fassen, wie es ist, wenn da eine Lücke klafft, die alles verschlingt. Wie in einem Alptraum durchlebt Meyer die erste Zeit, Frau und Tochter leiden in ihrem eigenen Kosmos. Meyer erinnert sich an seine Ehe, an seinen Sohn. Aber vor allem daran, wie alles schon vor Ole-Jakobs Freitod in die Brüche ging. Meyer hatte eine Affäre mit der jüngeren Mona, für die er seine Frau verließ. Er kam zwar zurück zu seiner Familie. Aber dort war nichts mehr wie zuvor. War es seine Untreue, die den Sohn in den Tod trieb? Warum hat er es getan, wer oder was ist schuld? Diese Fragen treiben Meyer um. Erinnerungen überwältigen ihn und das Bedürfnis, sich und die furchtbaren Gefühle auszulöschen. Als Meyer von einem Haus in der Slowakei hört, in dem man mit seinen schlimmsten Ängsten konfrontiert wird, begibt er sich auf eine Reise in seine eigene Finsternis. Das ist großartig beschrieben und bewegt nachhaltig – auch wenn es keine leichte Lektüre ist.

Stig Sæterbakken | Durch die Nacht | Dumont | 22 Euro