Inspiration

Von der Unschuld in die Schuld

Aurelio Blanco ist gutmütig, gutgläubig und bescheiden. Als er sich in die Nachbarstochter verliebt und sie ihn heiratet, scheint sein Glück perfekt. Dabei ist es nur Teil eines perfiden Deals, der Aurelio teuer zu stehen kommt. Aber andere auch.

Naivität und Liebe stürzen Aurelio ins Verderben. Fünfzehn Jahre sitzt der Mexikaner unschuldig im Gefängnis. Und das kam so: Eine Hüttensiedlung am Stadtrand von Guadalajara soll für Don Flores zur Goldgrube werden. Der korrupte Bauunternehmer will dort eine gigantische Luxuswohnanlage errichten, dafür vertreibt er die Anwohner. Zwei Familien weigern sich, das Feld zu räumen. Als sie plötzlich spurlos verschwinden, ist klar, dass Don Flores gewaltsam nachgeholfen hat. Nachzuweisen ist ihm nichts. In Rekordzeit wird das vermessene Großprojekt umgesetzt. Privat läuft es dagegen weniger: Tochter Alicia ist schwanger und muss zur Ehrrettung schnell unter die Haube. Wie gut, dass Nachbarsjunge Aurelio zur Stelle ist. Er heiratet Alicia – für sie ist es ein Opfer, für ihn vermeintlich das große Glück, für das er alles tun würde. So nimmt er auch die Schuld auf sich, als Don Flores der Geldwäsche beschuldigt wird. Anerkennung und eine hohe Abfindung soll ihm das einbringen, tatsächlich aber kassiert er dafür nur unerträgliche Jahre im Knast. Als er entlassen wird, wird es spannend. Denn nun fordert Aurelio, was ihm zusteht. Und dafür sind auch ihm viele Mittel recht. Der aus Guadalajara stammende Ortuño zeichnet das Porträt einer Gesellschaft, in der Korruption, Erpressung und Mord an der Tagesordnung sind. Je skrupelloser einer ist, umso erfolgreicher wird er. Und unschuldig kann kaum einer bleiben, das ist die bitterböse Botschaft des Romans.

Antonio Ortuño | Die Verschwundenen | Kunstmann | 22 Euro