Inspiration

Victor Pálsson und der Traum von der Bundesliga

v.l. Victor Pálsson (SV Darmstadt 98), Denis Nukic (FC Oberneuland), alle Spieler-Fotos: Forian Ulrich

Neun Profistationen mit 28 Jahren – Victor Pálsson hat für sein Alter bereits eine bewegte Karriere hinter sich. Nach wechselhaften jungen Jahren ist der Isländer mit Wurzeln in Mosambik und Portugal zum Leader gereift. Mit den Lilien hat er noch viel vor.

Mit den dunklen, entschlossenen Augen blickte Victor Pálsson damals noch finsterer als sonst aus seinem bärtigen Gesicht. Bevor er sich den Journalisten stellte, hatte er über den Pressesprecher eine ungewöhnliche Bitte ausrichten lassen: Man solle ihn fragen, wie er seine bisherigen Darbietungen im Trikot des SV Darmstadt 98 sehe. Als die Frage kam, ging er hart mit sich selbst ins Gericht: „Nicht akzeptabel“ sei seine Leistung.
„Der Verein hat mich geholt, damit ich der Mannschaft helfe. Das habe ich in meinen ersten vier Spielen nicht gemacht.“ Zu viele individuelle Fehler habe er gemacht. Drei davon hätten zu Gegentoren geführt. „Das ist nicht normal für mich. Ich arbeite weiter, ich arbeite hart und versuche alles, um der Mannschaft mehr zu helfen.“

Statt Europa League: Die Zweite Liga als Chance
Ein gutes halbes Jahr ist diese etwas kuriose Situation mittlerweile her – und sie sagt viel über den Spieler und sein Selbstverständnis. Es war der Tag nach dem mageren 1:1 beim SV Sandhausen. Die Lilien rutschen immer weiter Richtung Abstiegsränge, zwei Tage nach Pálssons denkwürdigem Auftritt trennte sich der Verein von Trainer Dirk Schuster. Weit weg wirkt das heute. Für Pálsson ging es deutlich bergauf, nachdem er sich selbst die Leviten gelesen hatte – ebenso wie für die Mannschaft.
In der Winterpause hatte der Verein den isländischen Nationalspieler vom FC Zürich geholt. Beim Schweizer Erstligisten war er Mannschaftskapitän, hätte Europa League gespielt. Stattdessen entschied er sich für den Abstiegskampf im Unterhaus des deutschen Fußballs. Es wurde gemunkelt, dass ihm in Zürich die Absetzung als Kapitän gedroht hätte, womöglich sogar die Bank.
Er selbst erklärte, es sei immer sein Traum gewesen, in Deutschland zu spielen. „Die Zweite Bundesliga ist eine sehr starke Liga“, sagte er. „Die Entscheidung ist mir nicht leichtgefallen. Aber es war klar: Das ist meine Chance!“

Als Leader bei den Lilien gleich gefordert
„Ich bin nicht der Super-Fußballer, ich mache nicht zehn Tore und 15 Assists pro Saison“, sagte Pálsson – und behielt recht. Bis Redaktionsschluss hatte er keinen einzigen Pflichtspieltreffer für die Lilien erzielt. Seine Stärke sei die Defensive.
Und er ist einer, der vorangeht: „Ich habe als Person eine Leader-Mentalität und bringe mich gerne als Führungsspieler ein.“ Der langjährige Lilien-Leader Aytac Sulu verließ den Verein kurz nach der Verpflichtung Pálssons, der Neuzugang war sofort gefordert – und hatte Anpassungsprobleme.
Das Tempo und die Power waren höher, wie er einräumte. Zudem sei die Liga unberechenbar. Jeder könne jeden schlagen. Drei gelbe Karten sah er in den ersten vier Spielen. Als er danach immer besser in Fahrt kam, blieb er bis Saisonende ohne weitere Verwarnung.
Mit seinem dunklen Teint und den schwarzen Haaren entspricht Pálsson nicht unbedingt dem landläufigen Bild eines Isländers. Sein Großvater väterlicherseits stammt aus Mosambik, der Vater war ein Portugiese, der nach Island ging, um da in der Fischindustrie Arbeit zu finden. Seine Mutter hat schottisch-amerikanische Wurzeln. Die Eltern trennten sich, er wuchs in einfachen Verhältnissen auf, begann bereits im Alter von vier Jahren mit dem Fußball.

Gerade für die jüngeren Spieler immer da
Mit 16 wechselte er nach Dänemark in den Nachwuchs von Aarhus GF. Zwei Jahre später ging es zum FC Liverpool. Doch für den Durchbruch bei den Profis reichte es nicht. Er zog weiter, spielte in England, Schottland, USA, Niederlande, Schweden und Dänemark und ab 2017 für den Schweizer Erstligisten FC Zürich. Am Ende der Saison gewann er mit der Mannschaft als Kapitän den Schweizer Pokal. Darmstadt ist bereits die neunte Station des 28-Jährigen im Seniorenbereich.
Die frühen Erfolge, das viele Geld – gerade in jungen Jahren hat Pálsson nicht immer professionell gelebt. Seine Karriere bestehe aus zwei Teilen: „Der erste Teil war eine Lernphase, in der es zu lange gedauert hat, bis ich verstanden habe, was wirklich wichtig für einen Profifußballer ist. Ich habe dann mein Leben und meine Einstellung überdacht – sowohl als Mensch als auch als Spieler – und anschließend mit dem zweiten Teil begonnen.“
Genau diese Erfahrungen gibt er nun weiter, gerade an die jungen Spieler, die diese Saison nach Darmstadt geholt wurden. „Ich versuche immer zu helfen. Nicht nur auf dem Platz“, sagte er kürzlich. „Ich war auch jung. Ich weiß, wie es ist, wenn man als Profi, 19, 20 Jahre alt ist. Ich bin da. Immer.“

Ziel: Immer besser werden
Die Wende bei Pálsson kam 2014. Bei Helsingborgs IF in Schweden stabilisierte er seine Leistungen, wechselte danach nach Dänemark zu Esbjerg fB. Spätestens da geriet er auch aufs Radar von Carsten Wehlmann. Der heutige Sportliche Leiter der Lilien war damals Chefscout bei Holstein Kiel und hatte den nahen skandinavischen Markt gut im Blick. Schließlich lotste er Pálsson nach Darmstadt. Es war Wehlmanns erster große Transfer bei den Lilien – und gleich ein Volltreffer, wie sich nach etwas Anlaufzeit zeigte.
Pálsson hat sich inzwischen gut eingelebt, auch wenn seine kanadische Lebensgefährtin und sein kleiner Sohn in Schweden geblieben sind. Und was das Thema Ziele angeht, so hat er sich dem südhessischen Understatement immer weiter angenähert. Bei seiner Vorstellung sprach er noch vom „Traum von der Bundesliga“.
Später lobte er – sichtlich gebremst – die „sehr gute Qualität in der Mannschaft“ und erklärte, man könne noch besser werden.“ Mittlerweile reagiert zurückhaltend bis freundlich genervt auf die Frage nach den Saisonzielen. „Ach diese Frage … Ich habe immer gesagt, wir wollen es besser machen als letztes Jahr. Was das heißt, könnt Ihr Euch dann ja selbst denken.“ Aber Mittelmaß wäre für ihn sicher „nicht akzeptabel“.

Zur Person
Guðlaugur Victor Pálsson
Geboren am: 30. April 1991 in Reykjavík, Island
Größe: 186 cm
Position: Mittelfeld, Innenverteidigung

Stationen:
Jugend: Fylkir Reykjavík, Aarhus GF, FC Liverpool
Senioren: FC Liverpool, Dagenham & Redbridge, Hibernian Edinburgh, New York Red Bulls, NEC Nijmegen, Helsingborgs IF, Esbjerg fB, FC Zürich
seit 9. Januar 2019 SV Darmstadt 98
10 A-Länderspiele für Island