Inspiration

Vermisste im Nebel

Schwer zu sagen, was dieses Buch so unglaublich gut macht. Die Geschichte ist nicht spektakulär blutrünstig, der Erzählstil knapp und unaufgeregt. Gerade deswegen entwickelt der Thriller einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann.

Kurz vor Weihnachten in einem kleinen Dorf in den italienischen Alpen verschwindet ein 15-jähriges Mädchen. Nach wenigen Stunden wird klar, dass Anna Lou etwas passiert sein muss. Denn der Teenager, der aus einer ortsansässigen, sehr religiösen und unbescholtenen Familie stammt, gilt als extrem zuverlässig. Sonderermittler Vogel wird auf den Fall angesetzt. Der dandyhafte Kriminalist, dem ein Ruf als eitel und zwielichtig vorauseilt, vermutet, dass das Mädchen entführt wurde. Um seine gewagte These zu beweisen, instrumentalisiert Vogel seinen Kompagnon, einige Dorfbewohner und die Medien. Dabei scheut er nicht davor zurück, Verdächtigen belastendes Material unterzuschieben und ignoriert die Tatsache, dass der Fall viele Ähnlichkeiten zu unaufgeklärten Vermisstenfällen vor 30 Jahren aufweist. Nach wenigen Zeilen steckt man mitten in der beklemmenden Story und fragt sich, wer hier wen manipuliert. Der beharrlich über der Landschaft wabernde Nebel umhüllt die Geschehnisse mit einem undurchdringlichen Schleier, den zu lüften man beim Lesen kaum erwarten kann. In Italien ist der Thriller bereits ein Renner, kein Wunder, bei dem Tempo, das Carrisi vorlegt.

Donato Carrisi: Der Nebelmann | Atrium | 20 Euro