Inspiration

Thomas Isherwood – ein Mann für die Zukunft

Der schwedische Innenverteidiger soll langsam an die Liga herangeführt werden

Von Stephan Köhnlein

Er spielte im Nachwuchs des FC Bayern München, schaffte es dort aber nur in die 2. Mannschaft. Nun unternimmt Thomas Isherwood einen neuen Anlauf im deutschen Fußball. Beim SV Darmstadt 98 trifft er einen früheren Weggefährten aus Münchner Zeiten wieder, der zunächst sein Konkurrent ist.

So richtig bekannt ist das Gesicht von Thomas Isherwood in Darmstadt noch nicht. Das musste der Winterneuzugang beim ersten Heimspiel des Jahres gegen Hannover 96 erfahren: Die Ordner wollten den Schweden zunächst nicht ins Stadion lassen, weil sie nicht wussten, wer da vor ihnen steht. Dabei sieht Isherwood ziemlich markant aus: 1,95 Meter groß, 87 Kilo schwer, raspelkurze Haare, ein richtiger Abwehrkanten. Eine schwedische Zeitung hat ihm den Spitznamen Drago verpasst – in Anlehnung an den russischen Boxer Ivan Drago, der im Film „Rocky IV“ gegen Sylvester Stallone kämpft. „Aber so nennt mich sonst niemand“, sagt Isherwood lachend.

„Darmstadt hat Tradition und leidenschaftliche Fans“

Isherwood kennt den deutschen Fußball. Im Alter von 17 kam er zum FC Bayern München, wurde dort in der Jugend ausgebildet und spielte noch ein Jahr für die 2. Mannschaft des Rekordmeisters. Danach folgten Stationen in England und Schweden. „Es war für mich immer ein Ziel, in den deutschen Fußball zurückzukehren“, sagt er. „Darmstadt ist ein ambitionierter Club. Er hat Tradition und leidenschaftliche Fans. Das hat mich gereizt, um hier den nächsten Schritt in meiner Karriere zu machen.“

Bei den Lilien sieht man die Verpflichtung des 23-Jährigen auch als einen Vorgriff auf den Sommer. Dann laufen in der Innenverteidigung der Vertrag von Immanuel Höhn sowie die Leihen von Nicolai Rapp und Lukas „Lasse“ Mai aus. Letzteren kennt Isherwood noch aus seiner Münchner Zeit. „Wir haben beide zusammen im Bayern-Internat gewohnt“, erzählt Isherwood. „Lasse ist zwei Jahre jünger als ich und spielte sonst noch in der U17. Aber ich glaube, wir haben ein Spiel zusammen gemacht in der A-Jugend.“

„Ich bin ein Siegertyp“

Und was zeichnet den Spieler Isherwood aus? „Ich bin Innenverteidiger, Linksfüßler, stark im Kopfballspiel. Ich habe eine gute Mentalität und gehe auf dem Platz voran“, sagt er, räumt aber auch ein: „Es ist nicht so einfach, über sich selbst zu sprechen.“ Bei den Lilien hat er für dreieinhalb Jahre unterschrieben. „Das gibt mir Zeit, mich an den deutschen Fußball zu gewöhnen. Ich will spielen und gewinnen. Denn ich bin ein Siegertyp.“
Zuerst wolle er sich natürlich einen Stammplatz erarbeiten und der Mannschaft helfen, Spiele zu gewinnen. Doch weil die schwedische Meisterschaft im Kalenderjahr ausgetragen wird und bereits Anfang Dezember beendet war, hatte Isherwood bei seiner Ankunft in Darmstadt rund einen Monat lang keine Spielpraxis. „Diese Zeitspanne ist wie eine Sommerpause“, sagt Trainer Markus Anfang. Auch deswegen will er den jungen Schweden langsam heranführen, sowohl an die körperlichen wie auch an die taktischen Anforderungen des Systems Anfang.

Zurückgeworfen wurde Isherwood allerdings Ende Januar durch eine Verletzung am Syndesmoseband, die ihn zu einer mehrwöchigen Verletzungspause zwingt.

Unrühmliche schwedische Vorgänger

Bislang hat man mit schwedischen Spielern keine besonders guten Erfahrungen in Darmstadt gemacht. In der Rückrunde 2013 versuchte sich Angreifer Freddy Borg in 14 Partien erfolglos im Toreschießen, legte sich sogar einmal mit den eigenen Fans am Böllenfalltor an. In der Spielzeit 2016/2017 war es Alexander Milosevic, Abwehrspieler und immerhin Nationalspieler, der es auf 20 Einsätze für die Lilien brachte, ehe er vom damaligen Trainer Torsten Frings ausgemustert wurde und den Verein bereits vor Saisonende wieder verließ. Beide Spieler kenne er nicht, sagt Isherwood. Um sich vor seinem Wechsel nach Darmstadt zu informieren, habe er aber mit ein paar anderen schwedischen Spielern gesprochen, die schon in der Zweiten Liga in Deutschland gespielt hätten.

„Dürfen nicht gleich Wunderdinge erwarten“

Sportchef Carsten Wehlmann freut sich nun nicht nur darüber, einen entwicklungsfähigen, gut ausgebildeten Spieler nach Darmstadt geholt zu haben, sondern auch einen Linksfuß für die Innenverteidigung gefunden zu haben. Davon gebe es schließlich nicht allzu viele. „Aber wir dürfen nicht gleich Wunderdinge von ihm erwarten“, sagte Wehlmann bereits vor Isherwoods Verletzung. „Er ist ein junger Spieler, dem man Eingewöhnungszeit zugestehen muss.“

Dazu gehörte zunächst auch, eine Bleibe in Darmstadt zu finden, um dann seine Frau, den neun Monate alter Sohn und den Hund aus Schweden nachzuholen. Aber natürlich hat Isherwood als ehrgeiziger und erfolgshungriger Spieler auch große Ziele.

Er durchlief alle schwedischen Nachwuchsnationalmannschaften. Vergangenes Jahr war er schließlich zu alt für die U21. „Das A-Team wäre der nächste Schritt“, sagt er und fügt an: „Aber dafür muss ich noch hart arbeiten und einen guten Job in Darmstadt machen.“

Zur Person

Thomas Mattias Poppler Isherwood kam am 28. Januar 1998 in Söderort zur Welt, einem Vorort der schwedischen Hauptstadt Stockholm. Sein Vater ist Engländer, seine Mutter Schwedin.

Foto: Florian Ulrich

Bereits als 17-Jähriger gab er sein Profidebüt für den IF Brommapojkarna bei einem Pokalspiel. Im Juli 2015 wechselte er in die U19-Mannschaft des FC Bayern München. Zu Beginn der Saison 2017/18 wurde er in den Kader der zweiten Mannschaft der Bayern berufen. In der Regionalliga kam er als Ersatzspieler auf 18 Einsätze.

Bei Bradford City unterschrieb er im Juni 2018 einen Zweijahresvertrag, kam jedoch nur auf drei Einsätze in der dritten englischen Liga. Im Januar 2019 wechselte er zum Erstligisten Östersunds FK zurück nach Schweden. Dort etablierte er sich als Stammspieler. Am 3. Januar 2021 unterschrieb Isherwood einen bis Juni 2024 gültigen Vertrag beim SV Darmstadt 98.