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Serdar Dursun: Torjäger vor dem Abgang

Zum Saisonende läuft der Vertrag des Deutsch-Türken aus

So richtig glaubt beim SV Darmstadt keiner mehr, dass Torjäger Serdar Dursun über den Sommer hinaus am Böllenfalltor bleibt. Den Leistungen des 29 Jahre alten Deutsch-Türken tut das keinen Abbruch – im Gegenteil.
Auch wenn er in der Sache recht hatte, bekam Victor Palsson einen Rüffel. Der Isländer in Diensten des SV Darmstadt 98 hatte ganz offen gesagt, dass er nicht mit einem Verbleib von Serdar Dursun über das Saisonende hinaus rechnet und hofft, dass sein Kollege dann einen guten Verein findet. „Jeder tut gut daran, wenn er sich auf sich konzentriert und nicht auf andere Sachen“, erklärte ein etwas pikierter Trainer Markus Anfang dazu. „Ich glaube nicht, dass es die Aufgabe von Victor ist, sich in irgendeiner Form über die Zukunft von Serdar zu äußern.“

Natürlich habe man Gespräche mit Dursun geführt, um ihn über das Ende seines im Sommer auslaufenden Vertrages hinaus in Darmstadt zu halten, sagte Anfang weiter. „Die Wahrscheinlichkeit, dass wir das hinbekommen, ist ein bisschen geringer“, räumte er jedoch ein. „Wenn seine Karriere-Planung anders ist, werden wir das alle mitbekommen.“

Schusters Beuteschema

Kurz vor Beginn der Saison 2018/19 hatte der damalige Lilien-Coach Dirk Schuster Dursun ans Böllenfalltor geholt. Zuvor hatte der Angreifer eine ziemlich mäßige Spielzeit bei der SpVgg Greuther Fürth absolviert, doch Dursun entsprach Schusters Beuteschema vom „wuchtigen Wandstürmer“ in der Tradition von Dominik Stroh-Engel und Sandro Wagner. Gleich im ersten Spiel traf der Neuzugang nach einem doppelten Übersteiger zum 1:0 über den SC Paderborn – bezeichnend für das Spiel des Deutsch-Türken.
Dursun ist ein typischer Straßenfußballer mit einer Vorliebe für Tricks und Kabinettstückchen. Das stößt nicht immer auf die Begeisterung seiner Trainer, wie er selbst weiß. Als er in der laufenden Saison im Hinspiel gegen den FC St. Pauli beim Anlauf zum Elfmeter einen Zwischensprung einlegte, zeigte sich auch Anfang irritiert: „Er hat ihn reingemacht“, sagte der Lilien-Coach. „Aber so richtig anfreunden kann ich mich nicht mit der Art, den Elfmeter so zu schießen. Da bin ich ganz ehrlich.“

Serdar Dursun kam am 19. Oktober 1991 als Sohn türkischer Gastarbeiter in Hamburg zur Welt. Als 16-Jähriger entdeckten ihn Talentspäher von Hannover 96, wo er in der Jugend und später in der zweiten Mannschaft spielte. Für einen Durchbruch bei den Profis reichte es nicht.
2011 wechselte er zum türkischen Erstligisten Eskişehirspor, konnte sich dort jedoch ebenso wenig durchsetzen wie später bei den Zweitligisten Şanlıurfaspor und Denizlispor. Erst bei Drittligist Fatih Karagümrük SK wurde er Stammspieler und traf regelmäßig.
Zur Saison 2016/17 verpflichtete ihn die SpVgg Greuther Fürth. In der ersten Saison erzielte er zehn Treffer, doch im zweiten Jahr traf er nur noch dreimal. Kurz vor Beginn der Saison 2018/19 wurde er von Darmstadt verpflichtet. Für die Lilien traf er seitdem jedes Jahr zweistellig und ist damit erfolgreichster Torschütze der vergangenen Jahre.
Sein zehn Jahre jüngerer Bruder Serkan ist ebenfalls Fußballspieler und steht beim FC St. Pauli II unter Vertrag.

Wer Dursun verrückt macht
Auch die Lilien-Fans hatte Dursun mit einem ähnlichen Elfmeteranlauf im Herbst 2019 gegen sich aufgebracht. Da verschoss er gegen Jahn Regensburg. Was für Dursun spricht: Obwohl ihn danach einige Fans ausbuhten und -pfiffen, erzielte er zwei Tore. Und er probierte den Anlauf ein knappes Jahr später erneut. Wer ihm böse will, würde von Arroganz und Unbelehrbarkeit sprechen. Doch es sind vielmehr seine unglaubliche Mentalität und Nervenstärke, gepaart mit großen technischen Fähigkeiten.
Kollege Palsson brachte es bereits vor einiger Zeit so auf den Punkt: „Ich weiß, was Serdar kann. Ich bin wahrscheinlich sein größter Kritiker. Und ich finde ihn großartig. Ich will immer mehr von Serdar und stachele ihn an, noch mehr zu zeigen. Aber wenn ich es übertreibe, macht ihn das manchmal auch verrückt.“

Besser als Labbadia

Dursun bietet nicht nur Spektakel, er kämpft auch für die Mannschaft, läuft viel, hilft in der Abwehr aus und erfüllt vor allem seine wichtigste Aufgabe als Stürmer: Er schießt Tore. Mit 47 Treffern liegt er mittlerweile (Stand 3. April 2021) gleichauf mit den Legenden Bruno Labbadia und Manfred Drexler auf Rang vier der ewigen Torschützenliste des Vereins. Allerdings brauchten Labbadia und Drexler mehr Spiele als Dursun für diese Trefferzahl.

Klar, dass Dursun bei anderen Vereinen Begehrlichkeiten weckt. In den vergangenen Transferperioden wurde immer wieder über einen Wechsel spekuliert – teilweise auch befeuert aus dem Umfeld des Torjägers selbst. Das hat Fans wie Verantwortliche manchmal genervt. Aber ein Angebot, das Darmstadt wirklich schwach werden ließ, seinen Torjäger vorzeitig ziehen zu lassen, war nicht dabei.

Auch wenn es schwer zu beziffern ist: Wahrscheinlich waren Dursuns Tore für den Verein mehr wert als eine Ablösesumme um die eine Million Euro. Aber im Sommer kann der Angreifer nach Vertragsende nun ablösefrei wechseln und kassiert dabei – wie in solchen Fällen üblich – voraussichtlich noch ein stattliches Handgeld.

Tore und der Lohn Gottes

Dursun selbst spricht selten mit den Medien – auch weil er sich mit seiner direkten Art manchmal in Schwierigkeiten bringt. „Man muss Serdar verstehen. Er sagt, was er denkt“, erklärte Palsson. Und das hat Dursun in einem seiner wenigen Interviews nach seinem Hattrick beim 4:1 über Erzgebirge Aue getan: „Man darf im Fußball nie ‚Nie‘ sagen. Aber ich habe auch höhere Ziele. Ich möchte natürlich in die Bundesliga und für die türkische Nationalmannschaft spielen.“ Er gebe Woche für Woche Gas und versuche, seine Tore zu schießen. „Und am Ende schauen wir mal, was es wird.“

Doch nicht nur sportlich läuft es für den 29-Jährigen. Im August wird er zum ersten Mal Vater. Das signalisierte er nach seinem ersten Tor gegen Aue mit dem Ball unter dem Trikot und der Schnuller-Geste. „Dieser Jubel bringt mir Glück“, sagte er und fügte an: „Wenn Du ein Kind bekommst, wird Gott Dich belohnen. Ich spüre das gerade.“