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Ognjen Ozegovic: Kämpfer, Soldat, Freund

Die Herbstkrise begleitet die Lilien seit nunmehr vier Jahren: Immer, wenn die Blätter fallen, geht es mit der Leistung bergab. Dieses Jahr ging es damit allerdings schon los, als die Blätter noch grün am Baum hingen. Vielleicht ist die Krise ja deswegen auch schon wieder vorbei, wenn Ihr dieses Heft in den Händen haltet.
Ein Problem in den vergangenen Wochen war der Angriff. Neuzugang Ognjen Ozegovic, den wir diesmal mit seiner bewegten Karriere ausführlich vorstellen, könnte für Belebung sorgen. Und wer etwas Ablenkung zum Sportlichen sucht, dem seien die Stadionführungen ans Herz gelegt, die die Fan- und Förderabteilung des Vereins regelmäßig veranstaltet.
Weitere Infos rund um die Lilien, tagesaktuell und ganz nah dran, gibt es im Internet beim Lilienblog, dem Online-Magazin zum SV Darmstadt 98.

Vereinswechsel kennzeichnen die Karriere des Serben. Wird er bei den Lilien sesshaft?

Mit 25 Jahren hat Ognjen Ozegovic schon einiges gesehen: Elf Stationen – darunter Russland und China – umfasste die Profi-Fußballer-Vita des serbischen Angreifers, ehe er Anfang September bei den Lilien anheuerte. An der zwölften Station ist nun ein etwas längerer Aufenthalt geplant. Zumindest läuft sein Vertrag bis zum Sommer 2021.

Ognjen Ozegovic hat Spaß. Während Kollege Immanuel Höhn in der Mixed Zone unter der Haupttribüne den Medienvertretern Rede und Antwort stehen muss, spielt er ein paar Meter weiter engagiert und lautstark Fußball-Tennis mit seinem Kumpel Dario Dumic. Beide wurden in Bosnien geboren und sprechen die gleiche Sprache. Und beide kamen in dieser Saison zu den Lilien.
Doch während Dumic die volle Vorbereitung mit der Mannschaft absolvierte und in der Innenverteidigung absoluter Stammspieler ist, stieß Ozegovic erst kurz vor Transferschluss Anfang September dazu und kämpft noch um seinen Platz im Team.

Dass Ozegovic überhaupt zu den Lilien kam, ist keinesfalls selbstverständlich. Eigentlich war sich sein letzter Verein Partizan Belgrad schon mit Rosenborg Trondheim einig. Doch Ozegovic wollte nicht nach Norwegen. Und dann riefen Darmstadt-Coach Dimitrios Grammozis und der Sportliche Leiter Carsten Wehlmann an.

„Sie haben mir gesagt, dass es ihnen gefällt, wie ich spiele, und dass sie einen Stürmer wie mich haben wollen. Jemanden, der den Ball halten kann, der kämpft und Tore schießt“, sagt Ozegovic. Er informierte sich bei Spielern in seiner Heimat, die den deutschen Fußball kennen. Darunter seien auch die Ex-Lilien-Spieler Slobodan Medojevic und Slobodan Rajkovic gewesen. Von ihnen habe er viel von der guten Atmosphäre und den Fans in Darmstadt gehört.

Rivalität zwischen Darmstadt und Offenbach sorgt für müdes Lächeln

Und er konnte auf die Expertise seiner Frau zurückgreifen. Die hatte einige Jahre in Offenbach gelebt und dort in einem Restaurant ihrer Familie mitgearbeitet. Über die Rivalität zwischen den beiden hessischen Clubs kann Ozegovic jedoch nur müde lächeln. „Wenn Du mal ein Spiel zwischen Partizan und Roter Stern gesehen hast, würdest Du das nicht mit Offenbach und Darmstadt vergleichen“, sagt er.

Die erbitterte, häufig in massive Gewalt ausartende Rivalität zwischen den beiden großen serbischen Hauptstadt-Clubs hat er am eigenen Leib erfahren. In der Jugend wurde er bei Roter Stern ausgebildet. Zuletzt spielte er für Partizan – für ihn „der größte Verein Serbiens“. Das haben ihm die Roter-Stern-Fans übelgenommen. „Die würden mich am liebsten umbringen“, sagt er.

„Immer 100 Prozent“

Darmstadt sei da wesentlich ruhiger. Mit Frau und dem acht Monate alten Töchterchen hat er für Darmstädter Verhältnisse bereits nach relativ kurzer Zeit eine Bleibe in der Nähe des Woogs gefunden. Was für andere ein Glücksgriff ist, war für ihn eher ungewohnt: „Was heißt da schnell?“, wundert er sich. „In Belgrad kannst Du eine Wohnung innerhalb von zwei Tagen finden.“
Wenn „Oggy“, wie er von seinen Kameraden gerufen wird, spricht, klingt der Kämpfer durch. Das wirkt dann manchmal auch etwas martialisch. „Ich bin ein Soldat“, sagt er zum Beispiel über sich. „Überall, wo ich gespielt habe, haben die Fans gesehen, dass ich 100 Prozent gebe. Und ich gebe alles für das Team wie ein Freund, wie ein Bruder.“

Bosnier Dumic als erster Ansprechpartner

Bislang spricht er nur Englisch. Aber natürlich wolle er Deutsch lernen. Ein paar Fußball-Wörter verstehe er schon. Und zum Glück gibt es auch noch Kumpel Dumic, der sehr gut Deutsch spricht und auch mal beim Übersetzen helfen kann: „Ein netter Kerl. Er spricht meine Sprache. Das ist ein Plus für mich“, sagt Ozegovic.

Sportlich braucht er Eingewöhnungszeit. Das liegt nach seiner Aussage auch daran, dass Darmstadt und Partizan sehr unterschiedlichen Fußball spielten. Zudem ist vorne im Angriff Serdar Dursun gesetzt – und in der Regel spielen die Lilien nur mit einem Stürmer. Den Konkurrenzkampf nimmt er sportlich-kameradschaftlich. Dursun sehe er „nicht als Konkurrent, sondern als Freund. Wir spielen zusammen.“

Wie Agüero oder Higuaín – zumindest von der Größe her

Dass er mit 1,80 Metern für einen Stürmer eher klein ist, sieht Ozegovic nicht als Problem. „Kun Agüero ist nicht groß, Luis Suárez ist nicht groß, Gonzalo Higuaín ist nicht groß“, sagt er mit Verweis auf die Weltklassestürmer.

Eine Option ist auch, dass Dursun und Ozegovic von Beginn an nebeneinander spielen – und nicht wie zunächst mehrfach probiert erst nach Rückständen. Doch auch da gibt es Konkurrenz. Offensivspieler wie Erich Berko und Mathias Honsak wetteifern nach ihren Verletzungen ebenfalls um einen Platz im Team. Eine große Herausforderung für Soldat Ozegovic, damit Darmstadt nicht nur eine weitere kurze Episode in seiner Vita wird.

Zur Person

Ognjen Ozegovic wurde am 9. Juni 1994 in Gradiska in Bosnien-Herzegowina geboren. Seine fußballerische Ausbildung erhielt er in der Jugend von Roter Stern Belgrad. In seiner Anfangszeit als Profi wurde er mehrfach verliehen, um Spielpraxis zu sammeln.

Anfang 2014 löste er seinen Kontrakt bei Roter Stern auf, spielte in den kommenden Jahren für zahlreiche Vereine. Darunter war 2016 auch ein Gastspiel bei Changchun Yatai in China.

Danach war er ein Jahr für den Belgrader Club Cukaricki aktiv, bevor er zu Partizan wechselte. 2018 wurde er von Partizan für ein halbes Jahr an den russischen Verein FC Arsenal Tula verliehen. Am 2. September 2019 unterschrieb er einen Zweijahresvertrag in Darmstadt.

Ozegovic spielte in der serbischen U17-, U19- und U21-Auswahl. Im September 2016 bestritt er sein bislang einziges A-Länderspiel gegen Katar.