Inspiration

Mit Mut und Freude

Es laufen die letzten Sekunden der Nachspielzeit im Hamburger Volksparkstadion: Der SV Darmstadt hat sich nach einem 0:2-Rückstand beim HSV zurückgekämpft und ist auf dem Weg zu einem überraschenden Auswärtspunkt. Den letzten langen Ball verlängert Dursun entschlossen in den Lauf von Mehlem, der nicht wirklich angegriffen wird und Richtung Tor marschiert. Auch die eingewechselten Wurtz und Bertram wittern plötzlich eine Chance und reißen die Hamburger mit ihren Laufwegen auseinander. Mehlem hat dadurch nur einen Gegenspieler gegen sich, den er mit einer Körpertäuschung aussteigen lässt, bevor er mit einem trockenen Flachschuss ins linke Eck zum 3:2 und damit zum Auswärtssieg einnetzt.

Das Spiel in Hamburg Mitte März ist erst das dritte unter der Regie von Trainer Grammozis. Und es macht deutlich, was er in seiner kurzen Amtszeit vor allem in den Köpfen der Lilien-Profis bewirkt hat. Es wäre einfach gewesen, sich nach der komplett verschlafenen Anfangsphase bei einem der Aufstiegsfavoriten der Liga seinem Schicksal zu ergeben. Und es hätte auch niemanden verwundert, wenn das bis dato schwächste Auswärtsteam der Liga genau das getan hätte. Stattdessen befreiten sich die Darmstädter Stück für Stück vom hohen Druck des HSV, kamen schon in der ersten Halbzeit zu einer guten Chancen auf den Anschlusstreffer und belohnten sich für den starken zweiten Durchgang schließlich mit drei Treffern und ebenso vielen Punkten.

Es war eine Mixtur aus Mut, Spielfreude und der von Toni (Marco) Sailer vor ein paar Jahren als Merkmal für den Lilienerfolg angepriesenen positiven Beklopptheit, die diesen Sieg erst möglich gemacht hatte. Anfang des Jahres wären die Darmstädter in den Schlusssekunden wohl zufrieden zur Punktsicherung Richtung Eckfahne gelaufen, anstatt das gegnerische Tor zu attackieren.
Wäre der überzeugende Sieg eine Woche zuvor gegen Kiel nicht gewesen, könnte man durchaus argumentieren, dass jeder mal über sich hinauswächst und mit dem Glück im Bunde ist. So aber wirkt der erste Auswärtserfolg seit Anfang September vielmehr wie eine Bestätigung der in den letzten Wochen eingeschlagenen Entwicklung der Lilien. Befürchteten vor einem Monat nicht wenige einen erneuten Abstiegskampf bis zum letzten Spieltag, scheint der Blick jetzt sogar wieder in die obere Tabellenhälfte gerichtet werden zu können.

Ausschlaggebend für den neuen Optimismus im Umfeld ist die Spielweise, welche die Lilien unter Grammozis an den Tag legen. Ohne die defensive Stabilität zu verlieren, wird versucht, das Spiel noch entschlossener von hinten aufzubauen, den Gegner weiter vorne unter Druck zu setzen und mehr Spieler in die Offensive einzubinden. Dazu kommt der positive mentale Effekt, selbst wieder mehr zu agieren.

Auch wenn verständlicherweise noch nicht alles reibungslos läuft, ist die Veränderung unter Neu-Coach Grammozis doch bemerkenswert. Der Glaube an die eigene Stärke scheint ebenso zurück wie der Spaß am Spiel. Zusammen mit dem zuletzt gewonnenen Selbstvertrauen ist in der Saisonschlussphase noch der ein oder andere Sieg möglich. Zwar müssen die Lilien erst noch zeigen, dass sie auch die Favoritenrolle gegen unterlegene Gegner annehmen können. Die vorhandene Qualität im Kader und das neue Selbstverständnis bieten aber auch dafür eine gute Basis. Noch ist es zu früh, um von entfachter Euphorie zu sprechen.

Aber vielleicht nicht mehr lange.