Inspiration

Marcel Schuhen: Mit harter Arbeit und Zuspruch aus der Krise

@Florian Ulrich

Nach einem holprigen Start ist der Lilien-Keeper mittlerweile eine feste Größe

Marcel Schuhen kam am 13. Januar 1993 in Kirchen an der Sieg zur Welt, einem Luftkurort im südwestlichen Teil des Siegerlandes in Rheinland-Pfalz. Ab 2006 spielte er in der Jugend des 1. FC Köln. Im Sommer 2012 wurde er als dritter Torwart in den Kader der Profimannschaft aufgenommen. Er bestritt weiterhin Spiele für die Zweite Mannschaft. Für das Profiteam kam er nicht zum Einsatz. Am gleichaltrigen Timo Horn und Thomas Kessler kam er nicht vorbei. Beide stehen noch heute in den Diensten der Kölner. Schuhen wechselte im Januar 2015 zum Drittligisten Hansa Rostock an. Als Stammkeeper trug er dort sofort maßgeblich zum Klassenerhalt bei. Insgesamt absolvierte er in zweieinhalb Jahren für die Hanseaten 98 Pflichtspiele. Ab der Saison 2017/18 spielte er für den SV Sandhausen. In seiner ersten Saison bestritt er alle Ligaspiele für die Sandhäuser. Im zweiten Jahr verlor er zwischenzeitlich seinen Stammplatz. Zur Saison 2019/20 verpflichtete ihn der SV Darmstadt 98.

Ausgebildet wurde Marcel Schuhen beim 1. FC Köln. Auf dem Umweg über Drittligist Hansa Rostock empfahl er sich für höhere Aufgaben. Beim SV Sandhausen wurde er Zweitliga-Torwart. Heute ist er Stammkeeper beim SV Darmstadt 98 – trotz einer längeren Verletzung und einer kürzeren Formkrise.
Marcel Schuhen ist keiner, der ein Blatt vor den Mund nimmt. „Ich glaube schon, dass es für mich eng geworden wäre, wenn ich weiter scheiße gespielt hätte“, sagt der Torhüter des SV Darmstadt 98 im Rückblick auf den vergangenen Herbst. „Fußball ist ein Leistungsgeschäft, in dem der Beste spielen muss.“ Die schwere Zeit hat Schuhen überwunden. Inzwischen ist er unumstrittene Nummer eins bei den Lilien.

Große Fußstapfen

Zu Saisonbeginn war Schuhen von Ligakonkurrent SV Sandhausen ans Böllenfalltor gekommen – mit der klaren Vorgabe, den abgewanderten Stammkeeper Daniel Heuer Fernandes zu ersetzen. Das waren große Fußstapfen, schließlich war Heuer Fernandes in Darmstadt nicht nur zu einem der besten Torhüter der Liga gereift, sondern auch noch beim Publikum sehr beliebt. Bereits nach dem ersten Pflichtspiel brach sich der neuverpflichtete Keeper den Arm und fiel wochenlang aus. Nach seiner Rückkehr schien zunächst alles gut: Mit Schuhen im Tor gewannen die Lilien nach sieben sieglosen Spielen zweimal hintereinander, spielten dabei zu null.

Folgenschwere Patzer

Doch dann kam es dicke. Beim desaströsen 1:3 gegen die SpVgg Greuther Fürth ließ Schuhen einen haltbaren Fernschuss passieren und brachte sein Team so auf die Verliererstraße. Und im folgenden Heimspiel gegen Jahn Regensburg rutsche ihm in der vierten Minute der Nachspielzeit eine Flanke aus den Händen, so dass die Gäste doch noch zum 2:2-Ausgleich kamen. Zwei folgenschwere Patzer, die Zweifel an der Qualität des Keepers aufkommen ließen – auch bei den Fans.
„Da habe ich den Gegenwind schon gemerkt“, sagt er. „Aber es ist auch meine Aufgabe, damit klarzukommen. Im Fußballer-Leben wird es immer so sein, dass es auf und ab geht – vor allem beim Torhüter. Wenn es mal nicht so läuft, bis Du halt der Depp.“
Trotz seiner ausgeprägten Fähigkeit zur Selbstkritik – alles zu Herzen genommen, hat er sich nicht: „Es wurde auch genug Scheiße geschrieben. Das ist mir auf Deutsch gesagt scheißegal.“

Viel Dankbarkeit

Um die Patzer aus dem Kopf zu bekommen, hat Schuhen ein einfaches Rezept: harte Arbeit. „Wenn Du hart an Dir arbeitest und es im Training klappt, weißt Du auch im Spiel: Ich kann das!“, sagt er. „Das war der Schlüssel für mich, aus dieser Phase rauszukommen.“
Sehr geholfen hat ihm dabei aber auch die Unterstützung seiner Frau, seiner Familie, seiner Freunde und des Trainerteams. Dabei nennt er vor allem Lilien-Coach Dimitrios Grammozis und Torwarttrainer Uwe „Zimbo“ Zimmermann. „So was vergisst man nicht – auch wenn es danach wieder gut läuft.“
Überhaupt sei die Verbindung zwischen Trainerteam und Mannschaft sehr eng. Grammozis sei ein entscheidender Faktor gewesen, dass er zu den Lilien gewechselt sei. Deswegen klingt bei Schuhen Bedauern durch, wenn er über den geplatzten Vertragspoker zwischen Trainer und Verein spricht – auch wenn er diplomatisch sagt: „Da gab es den Verein und den Trainer, die sich einfach nicht einigen konnten. Das hört sich ganz nüchtern an.“

Wenn es weh tut und rappelt

Tatsächlich zeigte Schuhen nach den Patzern ziemlich schnell wieder aufsteigende Tendenz. Kritiker werfen ihm zwar vor, Bälle zu oft nach vorne in die Gefahrenzone abzuwehren. Doch was Einsatz und Reflexe angeht, überzeugte er zunehmend. Vor allem in den Spielen gegen den Hamburger SV und Dynamo Dresden bot er ganz starke Leistungen.
Und auch gegen seinen Ex-Club Sandhausen: In der 85. Minute rettete der 27 Jahre alte Keeper mit einer halsbrecherischen Parade den 1:0-Sieg in Unterzahl. Nach einer Hereingabe der Sandhäuser wurde der Ball länger und länger, sprang nochmals im Strafraum auf. „Es waren zwei Sandhäuser vor mir. Da habe ich mir überlegt: Den muss ich holen. Und es hat ganz gut funktioniert.“ Es könne schon mal zu Situationen kommen, in denen „es weh tut und rappelt“, sagte er danach grinsend. „Aber dafür bin ich ja da.“

Ein dickes Lob vom Trainer

Sein Coach zeigte sich nicht nur wegen dieser Szene beeindruckt vom Mut seines Keepers. „Das spricht für den Schuhi. Er ist ein richtiger Mann und ist sich nicht zu schade, auch wenn es weh tun könnte“, sagte Grammozis. Schuhen belohne sich für seine harte Arbeit. Nach der Kritik in der Vorrunde strahle er nun eine große Stabilität für die Mannschaft aus.
Der Keeper selbst nimmt das alles gelassen. Es sei ihm wichtig, einen Mittelweg zu finden, nicht nur spektakuläre Paraden zu zeigen, sondern insgesamt Konstanz in seine Leistung zu bekommen und auch die einfachen Dinge richtigzumachen. Selbst wenn es gut laufe, sehe er immer danach, was er noch besser machen könne.
Feldspieler ist für Schuhen übrigens nie eine ernsthafte Option gewesen – anders als etwa bei seinem Vorgänger Heuer Fernandes. Dabei hat Schuhen in der Jugend als Torhüter sogar mal ein „Tor des Monats“ erzielt. „Ganz jung war ich mal im Feld. Aber danach habe ich immer im Tor gestanden“, erinnert er sich an seine Anfänge. „Mir hat die Besonderheit der Position gefallen. Ich war der Einzige, der Handschuhe tragen durfte. Und ich fand es eigentlich immer ganz cool, die Bälle zu halten. Deswegen habe ich immer gerne hinten in der Kiste gestanden.“