Inspiration

Mannschaftsarzt für Leib und Seele

Alexander Lesch – seit 2016 betreut der Rossdörfer als Internist den SV Darmstadt 98

Von Stephan Köhnlein

Er ist eine der wenigen guten und nachhaltigen Personalentscheidungen aus einer Zeit, in der ein gewisser Holger Fach beim SV Darmstadt 98 das Sagen hatte. Obwohl Alexander Lesch wahrscheinlich nie ein Spiel für die Profis der Lilien bestreiten wird, kommt zunächst kein Spieler an ihm vorbei, wenn er nach Darmstadt geht. Der 46-Jährige ist Mannschaftsarzt und als Internist unter anderem für die Eingangsuntersuchungen der potenziellen Neuzugänge zuständig.

„Das sind Ganzkörperuntersuchen, dazu ein Herzultraschall und ein Belastungs-EKG, zudem Befragungen, gerade wenn der Spieler individuelle Befunde oder Besonderheiten hat“, sagt Lesch. „Ich sehe mich da als Filter, denn manches muss dann unter Umständen doch noch mal vom Spezialisten untersucht werden: Aber am Ende ist noch kein Wechsel an der internistischen Untersuchung gescheitert.“

Lesch, der in Roßdorf lebt und dort auch seine Praxis hat, ist den Lilien von Kindheit an verbunden. Nach dem Studium in Frankfurt arbeitete Lesch mehrere Jahre als Notarzt – auch bei den Spielen der Lilien. Bei der Partie gegen Schalke 04 im Januar 2016 musste er einen Fan reanimieren. „Im Stadion war es ganz still, da hast Du eine Stecknadel fallen hören“, sagt er. „Für mich war das Böllenfalltor vorher immer mit Lautstärke und Freude verbunden gewesen. Als wir den Patienten wegegebracht haben, gab es Applaus.“ Einige Monate später klingelte das Telefon bei Lesch – am anderen Ende war Darmstadts damaliger Sportlicher Leiter Fach.

Wieso Lesch kein Gutachten über einen Hund schrieb

Seit Sommer 2016 ist Lesch Mannschaftsarzt, hat in dieser Zeit sechs Cheftrainer erlebt – von Norbert Meier über Ramon Berndroth, Torsten Frings, Dirk Schuster, Dimitrios Grammozis bis Markus Anfang. Einen Favoriten will er nicht nennen, da würde er den anderen unrecht tun. „Es hat mit allen gut funktioniert, auch wenn natürlich jeder seine Besonderheiten hatte. Aber keiner hat mir reingeredet. Wenn ich gesagt habe, der Spieler ist nicht trainingsfähig, dann war das nie ein Thema.“
Zu den Aufgaben des Mannschaftsarztes gehören nicht nur die Eingangsuntersuchungen. Er ist auch sonst für die meisten Spieler Ansprechpartner. „Je länger man dabei ist, desto mehr öffnen sich die Jungs. Es scheint die Rolle des Internisten zu sein, dass er Mädchen für alles ist“, sagt Lesch. „Ich werde auch gefragt, wenn ein Augenarzt oder ein Gynäkologe für die Frau gesucht wird.“ Ein Spieler habe ihn einmal sogar gebeten, dass er ihm ein Gutachten für die Krankenversicherung seines Hundes schreibe. „Das habe ich dann aber doch abgelehnt“, sagt Lesch lachend.

Wie sich Spieler von anderen Patienten unterscheiden

Grundsätzlich seien Spieler schon anders als andere Patienten: Sie seien es gewohnt, relativ sofort bedient zu werden und das auch zu ungewöhnlichen Zeiten. Aber natürlich könne er einen Spieler auch nicht einfach zu den anderen Patienten ins Wartezimmer setzen. „Wir hatten die Checks schon morgens um fünf oder abends um halb elf, je nachdem wie eng das Transferfenster ist“, sagt Lesch.

Den Umgang mit den Spielern und Offiziellen empfindet Lesch als sehr angenehm. „Da war bislang keiner, der fordernd oder unhöflich war. Und sie zeigen Wertschätzung“, sagt er. Mit vielen halte der Kontakt noch über die aktive Zeit in Darmstadt hinaus – etwa mit Peter Niemeyer, Hamit Altintop oder Frank Steinmetz.

Lesch ist vor allem bei den Heimspielen dabei, seit der Corona-Pandemie ist er zudem Hygiene-Beauftragter des Vereins. Wieso er sich das zusätzlich zu seiner Praxis aufbürdet? Wegen der Emotionen, sagt er „Deswegen hat mich auch das erste Geisterspiel in Karlsruhe nach dem Lockdown so mitgenommen. Als ich das erlebt habe, habe ich mir gedacht: Das ist nicht meine Welt. Das ist nicht der Fußball, den ich liebe.“