Inspiration

In der Bringschuld

Es war beinahe etwas beängstigend, was sich beim Heimspiel gegen Sandhausen auf den Rängen am Böllenfalltor abspielte: Anstatt die eigene mit 0:2 in Rückstand liegende Mannschaft anzufeuern, forderten die Lilienfans spöttisch die ehemaligen Aufstiegshelden Sailer und Stroh-Engel und verabschiedeten die aktuellen Spieler nach Spielende mit einem heftigen Pfeiffkonzert in die Kabine. Verdenken konnte es ihnen keiner nach dem spielerischen Offenbarungseid, der den Tiefpunkt der letzten Jahre darstellte.

Man sollte einzelne Spiele nicht zu hoch hängen. Doch ein kalter Freitagabend im November änderte irgendwie alles. Zwei Wochen hatten die Lilien der Länderspielpause Zeit, das Fünkchen Hoffnung nach der Leistungssteigerung in Braunschweig im Heimspiel gegen einen scheinbar dankbaren Gegner aus Sandhausen zu einem großen Feuer werden zu lassen. Sowohl Torsten Frings, als auch die Spieler, die sich im Vorfeld zu Wort meldeten, betonten, das Ruder endlich herumreißen zu wollen. Auf dem Platz zeigten die Spieler dann aber eine blutleere Leistung, die fast schon an Arbeitsverweigerung grenzte. So verliert die Mannschaft an Glaubwürdigkeit bei den Fans, welche die Durchhalteparolen nach den Spielen nicht mehr wirklich ernst nehmen können. Und auch Trainer Torsten Frings wirkt zunehmend hilflos und griff seine Spieler nach dem Schlusspfiff erstmals öffentlich an. Vielleicht seine letzte Patrone. Sollten die Partien gegen die direkte Abstiegskonkurrenz bis zum Winter nicht erfolgreich gestaltet werden können, droht in Darmstadt ein unruhiges Weihnachtsfest samt Trainerwechsel. Auch wenn man die aktuelle Situation definitiv nicht nur auf das inhaltlich gut arbeitende Trainerteam schieben sollte, kann man sich auch im Süden Hessens nicht ewig den Mechanismen des Geschäfts entziehen.

Noch immer zehren die Lilien von ihrem guten Saisonstart, doch die aktuelle Negativserie bringt die Mannschaft nicht nur tabellarisch immer mehr in die Bredouille. Viel mehr droht sie jeglichen Kredit bei ihren Anhängern zu verspielen. Es geht nicht mehr um Einzelpersonen wie den Trainer oder einzelne Spieler, es geht um viel mehr. Um den Verein. Und um sein höchstes Gut, die treuen Fans. Die Spieler sind in der Bringschuld. Niemand erwartet am Böllenfalltor traumhafte Kombinationen und rauschende Fußballfeste, sondern eine Mannschaft, die bis zum Ende alles gibt. Aber wenn mit den immer wieder gepredigten und in letzter Zeit häufig vermissten Lilien-Tugenden, die den Verein überhaupt erst dorthin brachten, wo er heute ist, auch in den Partien gegen die direkte Abstiegskonkurrenz weiterhin gegeizt wird, droht im Sommer tatsächlich das absolute Horrorszenario. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Team mit großen Namen im Abstiegskampf den Kürzeren zieht. Bloß die Fans der Lilien hätten das nicht verdient.