Inspiration

„Ich verbringe mehr Zeit mit Norbert Meier als mit meiner Frau!“

Fotos: Herbert Krämer

Mit VORHANG AUF-Autorin Selina Eckstein sprach der neue Co-Trainer Frank Heinemann über die besondere Beziehung zu seinem Chef und welche Anforderungen an seinen Beruf gestellt werden.

Selina Eckstein (SE): Frank Heinemann, Sie sind seit dieser Saison neuer Co-Trainer beim SV 98. Wenn Sie auf die Vorbereitung und die ersten Spiele zurückblicken, was kann man als Erkenntnis mitnehmen und woran muss noch gearbeitet werden?

Frank Heinemann (FH): Wir haben die Mannschaft erst spät zusammenstellen können und haben deshalb zum Teil mit einer sehr kleinen Truppe trainiert. Elf gegen elf spielen oder im taktischen Bereich im gesamten Feld arbeiten, diese Möglichkeiten hatten wir nicht. Aber das war uns vorher klar, wir haben uns auch nie darüber beschwert, sondern sind es so angegangen. Ich bin jedoch auch froh, dass der 31. August vorbei ist und nun klar ist, wen man hat und wen nicht. Jetzt brauchen wir natürlich jede Trainingseinheit, um noch enger zusammen zu rücken. Im Spiel ist es dann vor allem wichtig, dass wir erfolgreich sind. Klar ist auch, dass wir noch besser und zielstrebiger Fußball spielen wollen, aber das ist ein Prozess. Das muss sich erst noch entwickeln.

heinemann-am-ballSE: Auch die Zusammenarbeit mit dem neuen Cheftrainer Norbert Meier muss sich noch entwickeln, nehme ich an. Was ist das Wichtigste dabei für Sie?

FH: Zum Anfang muss man erst mal schauen, wie man miteinander klarkommt, zumal man mehr Zeit mit dem Cheftrainer verbringt als mit der eigenen Frau. Es muss passen, denn wie in einer Beziehung hat jeder seine Meinung – aber es ist wichtig, den gemeinsamen Tenor finden. Wenn wir Dinge intern besprochen haben und der Cheftrainer letztlich entschieden hat, vertrete ich die Entscheidung immer mit. Auch, wenn ich mal anderer Meinung gewesen bin, stelle ich mich hinterher nicht hin und sage, ich hätte es aber anders gemacht. Man ist ein Team. Wenn wir auf unseren Platz am Spielfeldrand gehen, müssen wir eine Sprache sprechen. In der Aufarbeitung des Spiels kann man intern dann wieder über gewisse Sachen diskutieren, das ist auch wichtig. Ich weiß ohnehin, welche Position ich habe, ich muss nicht im Rampenlicht stehen.

SE: Sie haben es schon angesprochen, dass Sie nicht gerne im Rampenlicht stehen. Ist es angenehmer so?

FH: Ich habe beispielsweise nicht ständig Pressetermine, wie der Cheftrainer. Ich habe das als Interimscheftrainer zweimal erlebt, und es ist auch interessant, das mal zu machen, aber da jage ich jetzt mit 51 nicht hinterher (grinst). Wenn ich das machen würde, hätte ich die Position als Co-Trainer nicht verstanden. Mir ist die Situation, Position und der Aufgabenbereich meines Co-Trainer „Daseins“ schon bewusst.

SE: Und wie verläuft die angesprochene Beziehung zu Norbert Meier? Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit ihm?

FH: Wir arbeiten das erste Mal zusammen. Durch die Zeit als Profi haben wir zwar gegeneinander gespielt, aber uns nie richtig kennengelernt. Der Kontakt ist über einen Mittelsmann entstanden. Nach zwei Telefonaten mit Norbert haben wir uns persönlich kennen gelernt. Ich habe mich über Norbert Meier vorher nicht weiter erkundigt, weil ich mir ein eigenes Bild machen wollte. Die Gespräche waren sehr gut, und wir sind beide ein Stück weit überrascht, wie gut es passt (grinst). Aber ich hätte auch den Mut gehabt zu sagen, das macht keinen Sinn. Das war in diesem Fall nicht nötig, und auch mit weiteren Kollegen des Trainerteams passt es richtig gut. Insgesamt gefällt mir das Familiäre in Darmstadt. Das erinnert mich an die alten Zeiten in Bochum. Und nur weil es familiär ist, heißt es ja nicht, dass es nicht trotzdem professionell sein kann. Das ist sehr speziell hier, sehr eng und nah, aber auch mit viel Herz. Das ist schon einzigartig.

SE: Das Präsidium hat Sie und das gesamte Trainerteam aufgrund von Eigenschaften wie Sachverstand, Ruhe und Souveränität ausgewählt. Sind diese Attribute wichtig in Ihrem Beruf?

FH: Dazu muss ich ein wenig ausholen. Nach meiner Verletzung als Spieler wurde ich Trainer. Dieser Übergang war für mich damals eine neue Situation und sehr ungewohnt. Als Spieler ist man eine kleine „Ich-AG“, weil man bei vielen Dingen nur für sich selbst zuständig ist. Als Trainer ist man dagegen für alle verantwortlich. Das Ruhigere, Sachlichere und die Souveränität in gewissen Situationen kommt dann mit den Jahren. Mit der Anspannung als Trainer am Spieltag klarzukommen, ist eine neue Erfahrung. Aber je öfter man sie erlebt, desto abgeklärter wird man. Auch aus der Trainerausbildung nimmt man viele Dinge mit, die einem helfen – unter anderem am Spieltag, weil das eine ganz außergewöhnliche Situation ist. Da ist der Druck größer, es wird alles abgefragt, worauf man unter der Woche hingearbeitet hat. Man erkennt dann erst richtig die Defizite, die man hat. Und man sieht generell manche Situationen anders als die Spieler.

SE: Welche zum Beispiel?

FH: Man hat das Gesamte mehr im Blick. Als Spieler achtet man auch auf die Mannschaft, aber da steht die eigene Position und Aufgabe im Vordergrund. Während des Spiels musst du als Trainer unter anderem entscheiden, wen man wann einwechselt, und wann es keinen Sinn macht, bestimmte Dinge zu ändern. Darüber muss man sich auch schon vorher schon Gedanken machen.

SE: Wie waren für Sie die ersten Spiele auf der Bank?

FH: Das war 1996, also vor über 20 Jahren. Ich war natürlich aufgeregter und nervöser als jetzt und habe mir Gedanken gemacht, ob ich zum Beispiel etwas vergessen habe. Es war aber für mich dabei schon ein Vorteil, dass ich auf hohem Niveau Fußball gespielt habe, weil ich viele Situationen wiedererkannt habe.

SE: Als Spieler und Trainer waren Sie mit ihren Vereinen häufig im Abstiegskampf. Warum reizt Sie nun die Aufgabe Darmstadt 98, wo es wieder um den Klassenerhalt geht?

FH: Ich finde es sehr interessant, was hier aufgebaut wurde. Ich habe ja zuvor nur als Außenstehender mitbekommen, was in Darmstadt passiert ist. Darauf kann jeder richtig stolz sein, das habe ich auch zu den Fans gesagt. Es ist etwas Großes, zu den 18 besten deutschen Vereinen zu gehören. Es ist eine reizvolle Aufgabe hier in Darmstadt, aber jeder weiß auch, dass es nur ein Ziel geben kann – und das lautet, drei Vereine hinter sich zu lassen. Man muss da schon Realist sein. Es kann selbst immer einen großen Traditionsverein treffen, wie schon die Vergangenheit gezeigt hat. Vom rein sportlichen abgesehen ist es spannend zu sehen, wie sich auch das Umfeld und die Fan-Kultur seit den Aufstiegen weiterentwickelt hat und noch weiterentwickelt. Mit Blick auf die kommenden Jahre braucht der Verein die Zugehörigkeit in den höchsten beiden Profiligen und natürlich ein neues Stadion, um konkurrenzfähig zu bleiben.

SE: Zum Abschluss würde ich gerne noch wissen, ob Sie noch Kontakt zu Thomas Gottschalk haben, dem Sie Ihren Spitznamen verdanken?

FH: Ja, es ist wahr. Meinem Nachbarsjungen Thomas Gottschalk – allerdings nicht der aus dem Fernsehen – verdanke ich meinen Spitznamen Funny. Das kam wohl deshalb, weil ich recht locker und lustig bin und das eines der ersten Wörter war, die er im Englisch-Unterricht gelernt hat. Aber leider gibt es mittlerweile nur noch recht wenig Kontakt.

SE: Vielen Dank für das Interview, Frank Heinemann, und weiterhin eine erfolgreiche Saison mit den Lilien!