Inspiration

Ich sollte mal eine Stadtrundfahrt machen!

Foto: Herbert Krämer

Auch wenn Darmstadts Torwart noch nicht viel von Darmstadt gesehen hat, hat Micheal Esser im Interview mit VORHANG AUF-Autorinnen Selina Eckstein und Sandra Russo viel über die Lilien, das Stadion und seine Rolle als Torwart zu erzählen.

Selina Eckstein (SE): Michael, mit welchen Erwartungen blickst du auf die kommenden Aufgaben in der Rückrunde?

Michael Esser (ME): Mit einem absolut positiven Gefühl. Schließlich haben wir noch 17 Endspiele vor uns, die wir bestehen müssen (Stand: 23.01.17). Wenn es uns gelingt die nötigen Punkte zu sammeln, konstant zu spielen und nicht einzubrechen, haben wir noch die Chance die Klasse zu halten.

SE: Ist im Trainingslager noch einmal ein Ruck durch die Mannschaft gegangen, der euch im Abstiegskampf helfen könnte?

ME: Es ist für mich normal, dass die Mannschaft in der aktuellen Situation zusammenrückt. Das ist auch schon Ende der Hinrunde geschehen. Nun konnten wir das Trainingslager noch mal nutzen, um mit dem neuen Trainerteam Dinge einzuüben, die uns im Abstiegskampf helfen werden.

SE: Zeigt sich der Zusammenhalt, den auch das Trainerteam vorlebt, dadurch, dass ihr euch in eurer Freizeit trefft oder klappt das nicht immer?

ME: Man schafft es natürlich nicht mit jedem etwas zu unternehmen, das ist in jeder Mannschaft so. Ich treffe mich gerne mit Immanuel Höhn oder Markus Steinhöfer. Aber auch mit anderen Mitspielern, wenn es die Zeit zulässt.

SE: Wohnst du auch hier in Darmstadt?

ME: Nein, in Mühltal. Dort fühle ich mich aber auch sehr wohl. Wenn ich frei habe, fahre ich dann nach Castrop Rauxel zu meiner Familie.

SE: Was hast du schon von Darmstadt gesehen?

ME: Ich war schon ein paar Mal in der Innenstadt und auf dem Weihnachtsmarkt. Mir gefällt der Marktplatz sehr gut, aber ich habe natürlich auch noch nicht alles von Darmstadt gesehen. Vielleicht sollte ich mal eine Stadtrundfahrt machen, wenn ich frei habe (lacht). Wenn es die Zeit zulässt, geht die Mannschaft auch mal abends zusammen in Darmstadt essen. Für mich gibt es dann Pasta oder ein gutes Stück Fleisch. Ansonsten bereitet man sich abends zuhause auf das Training am nächsten Tag vor. Ich lese dann auch gerne oder schaue Fernsehen.

SE: Auch wenn du von Darmstadt noch nicht so viel gesehen hast, kennst du dich im Stadion wohl am besten aus. Hast du dich auch mit der Stadiondiskussion auseinander gesetzt?

ME: Aus Spielersicht finde ich das Stadion absolut in Ordnung. Es müssten nur Kleinigkeiten, wie der Kraftraum, der am Stadion nicht allein für uns nutzbar ist, verbessert werden. Deshalb gehen wir außerhalb der Trainingszeiten teils in andere Partner-Fitnessstudios. Ansonsten ist das Stadion für mich völlig ausreichend. Es herrscht immer eine gute Stimmung während des Spiels, was man durch die neuen Tribünen auch verstärkt wahrnimmt. Klar, für den Verein geht es in der Stadionfrage dann noch um andere wichtige Dinge.

SE: Im Tor strahlst du während des Spiels eine große Ruhe aus. Hilft dir das auch im Alltag?

ME: Wenn es Zuhause bei meiner Familie mal etwas Streit gibt, hilft es schon, wenn jemand ein bisschen ruhiger ist. Ich verschaffe mir erst mal einen Überblick über die Situation und überlege mir dann, wie ich schlichten kann.

SE: Hilft diese Ruhe auch im Gespräch mit den Medienvertretern?

ME: Ich habe kein Problem damit und es gehört schließlich zum Job dazu. Natürlich gibt es schöne und weniger schöne Tage, an denen man auch keine Lust hat mit den Journalisten zu reden. Trotzdem stelle ich mich der Presse, auch wenn ich Fehler gemacht habe.

SE: Wie gelingt es dir nach Niederlagen die richtigen Worte zu finden?

ME: Früher war das anders (lacht). Da habe ich mich im Nachhinein teilweise gefragt, warum ich das gesagt und nicht lieber erst mal durchgeatmet habe, um einen kühlen Kopf vor der Presse zu bewahren.

SE: Wie gehst du dabei mit dem Druck um, dass du einerseits ein „gefeierte Held“ sein kannst, auf der anderen Seite aber auch der „Buhmann“, wenn ihr viele Gegentore kassiert?

ME: Deswegen bin ich in der Jugend ins Tor gegangen, weil es das Beste ist, wenn du mit einer Aktion das Spiel entscheiden kannst. Das ist ein ganz besonderer Reiz. Und wenn man der Mannschaft geschadet hat, dann muss man auch dazu stehen und nicht sagen, dass die Vorderleute Schuld sind.

SE: Wie nimmst du es wahr, wenn die Stürmer nach dem Spiel höher gelobt werden, als du, auch wenn deine Leistung gestimmt hat?

ME: Ich habe kein Problem damit, wenn ich nicht im Mittelpunkt stehe. Dann ist das Spiel gut gelaufen, wenn ich nicht viel zu tun habe. Bei den Stürmern ist es nun mal so, dass sie an Toren gemessen werden.

SE: Trotzdem wirst du häufig von Zeitungen, wie dem „Darmstädter Echo“ zum „Spieler des Tages“ gekürt und nicht die Stürmer.

ME: Ja? Das habe ich noch nicht wahrgenommen (lacht). Mich freut es natürlich, wenn das so ist, aber mir wäre es lieber, wenn immer ein offensiverer Mann von uns „Spieler des Tages“ wäre, weil wir dann mehr Tore erzielt hätten (grinst).

SE: Neben der Presse sind auch die Fans wichtig für den Verein. Im Stadion, sowie im Internet. Von dir gibt es auch eine Facebook-Fanseite. Kümmerst du dich selbst darum?

ME: Ich betreibe die Seite nicht selbst, sondern ein Fan aus Graz, der mich damals gefragt hat, ob er das machen kann. Ich bin grundsätzlich auf diesen Netzwerken nicht aktiv. Wenn etwas verändert wurde, bekomme ich das schon mit, aber sonst halte ich mich von Social-Media fern. Da bin ich altmodisch (lacht). Wenn ich allerdings auf der Straße von Fans angesprochen werde, gebe ich gerne Autogramme und mache Fotos mit ihnen.

SE: Wolltest du schon immer im Tor stehen oder hast du in der Jugend lieber im Mittelfeld gespielt?

ME: Anfangs habe ich auch im Mittelfeld gespielt, aber ab der E-Jugend bin ich dann ins Tor gegangen. Aber auch nur aus Zufall. Vor dem Spiel gegen meinen alten Verein (VfR Rauxel; Esser hat zu diesem Zeitpunkt bei Habinghorst gespielt; Anm.d.Red.) meinte der Trainer: „Geh du doch mal ins Tor!“ und seitdem trage ich die Torwarthandschuhe.

SE: Deinen Spitznamen hast du ja erst als Profi in der Zeit in Bochum durch Problembär „Bruno“ erhalten.

ME: Wir haben Passübungen gemacht und dann hat mein Mitspieler Rouven Schröder, der jetzt Manager in Mainz ist, mir den schönen Spitznamen gegeben (lacht). Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich in der ersten Woche einmal zu spät kam zum Training.

SE: Nach deiner Zeit in Bochum bist du nach Graz gegangen und wurdest dort auch Kapitän. Kann man als Torwart überhaupt auf seine Vorderleute einwirken?

ME: Hauptsächlich geht es doch darum auf den Schiedsrichter einzuwirken, nicht unbedingt auf die Mitspieler (lacht). Spaß beiseite: Als Torwart spricht man es sowieso sofort an, wenn einem was auffällt. Egal, ob man Kapitän ist oder nicht. Ich persönlich glaube, dass es am besten ist, wenn der Kapitän im zentralen Mittelfeld spielt, um immer in der Nähe des Geschehens zu sein. Aber der Aytac (Aytac Sulu, Kapitän der Lilien, Anm.d.Red.) macht das auch sehr gut bei uns (grinst).

SE: Aktuell stehst du in Darmstadt im Tor. Hast du schon dir schon Gedanken gemacht, wie es nach deiner Fußballerkarriere weiter geht?

ME: Ich habe eine Ausbildung als Klempner abgeschlossen, aber in diesen Beruf möchte ich nicht unbedingt zurück. Wenn ich es mir jetzt wünschen könnte, würde ich gerne meinen Torwarttrainerschein machen, aber dafür ist natürlich noch Zeit. Dimo (Dimo Wache, Torwarttrainer in Darmstadt, Anm.d.Red.) kommt ja auch mal irgendwann in das Alter, dass er sich zur Ruhe setzt  und dann würde ich das gerne übernehmen (lacht). Nein, aber prinzipiell kann ich mir durchaus vorstellen, irgendwann hier in Darmstadt in dieser Form zu arbeiten.

SE: Vielen Dank für das Interview, Michael, und viel Erfolg weiterhin im Abstiegskampf.

Infobox

Michael Esser (29 Jahre) wechselte zur aktuellen Saison 2016/17 vom österreichischen Verein Sturm Graz ans Böllenfalltor. Seitdem stand Esser in jedem Liga-, sowie Pokalspiel für die Lilien zwischen den Pfosten und kassierte bisher nur auswärts in Freiburg eine gelbe Karte (Stand: 23.01.17). Vor seiner Zeit in Graz war der VfL Bochum (2010 bis 2015) die erste Profistation des Keepers, der in den beiden Jahren zuvor bei der zweiten Mannschaft das Tor hütete. Davor war er bei kleineren Vereinen aktiv, währenddessen er  seine Ausbildung als Klempner abschloss.