Inspiration

„Ich hatte immer die Freiheit, es sein zu lassen“

Foto: Florian Ulrich

Michael Weingart ist seit 1982 Mannschaftsarzt der Lilien

Fast vier Jahrzehnte beim SV Darmstadt 98 – das ist im schnelllebigen Fußball-Geschäft eine Ewigkeit. 1982 begann Dr. Michael Weingart als Mannschaftsarzt bei den Lilien. Gerade ist er 69 Jahre alt geworden. Auch wenn er es mittlerweile ruhiger angehen lässt – von Ruhestand kann keine Rede sein. Ganz im Gegenteil: Im Rentenalter gab er sogar noch einmal ein Comeback.

Vor 38 Jahren übernahm der gebürtige Saarländer neben seiner Tätigkeit als niedergelassener Orthopäde den Job als Mannschaftsarzt. Die Lilien waren gerade aus der Bundesliga abgestiegen und hatten sich hoch verschuldet. Doch sechs Jahre später klopften sie noch einmal an das Tor zum Fußball-Oberhaus – 1988 in der Relegation gegen Waldhof Mannheim. Für Weingart war das der erste sportliche Höhepunkt.
„Da lagen wir 0:2 hinten, brauchten unbedingt ein Tor für ein weiteres Spiel“, erinnert er sich. „Die Spieler saßen mit hängenden Köpfen auf dem Boden, wir haben sie aufgemuntert. Und in der 88. Minute hat Uwe Kuhl tatsächlich noch getroffen.“ Ein Happy End gab es trotzdem nicht. Das Entscheidungsspiel verloren die Lilien im Elfmeterschießen. „Da haben wir sehr gelitten, weil wir das Gefühl hatten, dass wir besser waren“, sagt er.
An das Wunder von Bielefeld sind Weingarts Erinnerungen dagegen nicht so intensiv. „Da musste ich krank zu Hause bleiben. Das Spiel habe ich nur am Fernseher erlebt“, sagt er. Zwischen diesen beiden Relegationsspielen lagen 26 Jahre, die zum größten Teil ziemlich trist waren. 1993 stiegen die Lilien in die Dritte Liga ab, später waren sie sogar zeitweise viertklassig. Und dann kam noch 2008 die drohende Insolvenz dazu.
Ans Hinschmeißen hat Weingart trotz aller Querelen aber nie ernsthaft gedacht. „Auch in der schlechten Zeit habe ich fast alle Auswärtsspiele gemacht, war in Flieden oder Fernwald. So haben meine Frau und ich Hessen gut kennengelernt. Ich stand ja nie auf der Gehaltsliste des Vereins und hatte immer die Freiheit, es sein zu lassen.“
Dann gelang der Mannschaft tatsächlich noch die Rückkehr in die Bundesliga – und dort im Jahr 2016 sensationell der Klassenerhalt in Berlin. „Das war ein wunderbarer Abschluss“, sagt Weingart. 65 Jahre war er damals alt. „Ich wusste: Das kann man nicht mehr toppen. Also habe ich mir gedacht, ich übergebe einen Bundesliga-Verein und ziehe mich als Mannschaftsarzt zurück.“

„Doci, wenn Du das meinst …“

Doch es kam anders – und zwar kurz vor Weihnachten 2017. „Da rief Dirk Schuster an und fragte: ‚Was machst Du am 2. März? Wir haben ein Spiel in Dresden. Da bist Du gebucht.‘“ Der amtierende Mannschaftsarzt war verhindert und hatte die Trainer schon vor dem Spiel unterrichtet, dass er zum Saisonende aufhören werde. „So war ich wieder dabei“, sagt Weingart. Das Spiel gewannen die Lilien 2:0. Danach habe Schuster zu ihm gesagt: „Du kannst jetzt nicht mehr weggehen.“ Die Zusammenarbeit mit Schuster sei überhaupt sehr gut gewesen. „Wir hatten ein sehr großes Vertrauen. Er hat mir nicht reingeredet, ich habe ihm natürlich auch nicht reingeredet. Jeder musste seine Verantwortung tragen.“ Schuster habe immer gesagt: „Doci, wenn Du das meinst, dann machen wir das so.“ Als Coach habe Schuster einen Plan gehabt – und den auch nicht geändert. „Das war sein Stil, mit dem er lange erfolgreich war.“
Heute machen Weingarts Mannschaftsarztkollegen – Ingo Schwinnen und Philip Jessen – die meiste Arbeit, sowohl in der Praxis wie bei den Heimspielen. „Ich darf dann die dankbaren Spiele machen, Mittwochabend um 20.30 Uhr in Kiel und Montagabend 20.30 Uhr in Hannover“, sagt er lachend. Aber das mache ihm nichts aus, weil er die Zeit habe.

Drohungen gegen den Physio

Nur bei den Heimspielen sei er etwas zurückhaltender. „Meine Knie sind ganz schlecht geworden. Da fällt das schnelle Laufen immer schwerer. Und es sieht ziemlich blöd aus, wenn man erst vier Meter nach dem Physio beim verletzten Spieler ankommt“, sagt er schmunzelnd. Am Anfang habe er dem Physiotherapeuten noch gesagt: „Wenn Du zu schnell rennst, stelle ich Dir ein Bein!“ Aber grundsätzlich müsse er sich das nicht mehr antun.
Ein hartes Datum für den Ausstieg bei den Lilien gibt es für Weingart nicht. „Ich denke, je mehr meine Mannschaftsarztkollegen Zeit aufbringen können, desto mehr ziehe ich mich zurück. Ich kann ja noch Vertretungen machen.“ Und vielleicht hätten ja auch Verein oder Trainer andere Pläne. „Man darf nicht an solchen Dingen hängen“, sagt er. „Es macht mir auch Spaß, einfach nur zuzusehen. Meine Frau und ich haben ja auch unsere Dauerkarten. Und wir hoffen, dass wir noch viel schönen Fußball hier im Darmstadt sehen.“