Inspiration

Der unglaubliche Aufstieg des Serdar Dursun

Erster Torschützenkönig der Lilien seit 40 Jahren

Von Stephan Köhnlein

Strahlend und staunend präsentierte Serdar Dursun nach seinem letzten Spiel für den SV Darmstadt 98 die Torjägerkrone. Es ist der größte Erfolg seiner bisherigen Karriere – und der 29 Jahre alte Deutsch-Türke ist noch lange nicht satt. Seinen Torhunger wird er künftig jedoch anderswo stillen. Vor fünf Jahren war die Karriere von Serdar Dursun in die Sackgasse geraten. Mit Mitte 20 spielte er in der 3. türkischen Liga. Doch er wollte es nochmals in Deutschland versuchen, nachdem ihm bei Hannover 96 nicht der Sprung aus der Jugend zu den Profis gelungen war. „Ich bin vor fünf Jahren wieder nach Deutschland gekommen mit einer Tasche zum Probetraining bei Fürth“, sagte er und fügte mit einem Staunen in der Stimme an: „Und jetzt bin ich Torschützenkönig. Ich bin überglücklich.“

Nachdem er im Probetraining überzeugt hatte, verpflichtete ihn die SpVgg Greuther Fürth zur Saison 2016/17 und stattete ihn mit einem Einjahresvertrag aus. Im März 2017 wurde sein Vertrag, Dursun war zu diesem Zeitpunkt mit acht Ligatreffern der beste Torschütze der Mannschaft, um zwei weitere Jahre bis 2019 verlängert. Doch in der zweiten Saison bei den Franken lief es nicht mehr so gut für den Mann mit dem markanten Zöpfchen. In 27 Spielen gelangen ihm gerade 3 Treffer, oft saß er nur auf der Bank oder kam als Joker.

Übersteiger zum Einstieg

Kurz vor Beginn der Spielzeit 2018/19 lotste ihn Dirk Schuster ans Böllenfalltor. Gleich im ersten Spiel beim 1:0 über den SC Paderborn erzielte er den Siegtreffer – nach einem doppelten Übersteiger. Das war Programm, Dursun ist nach eigener Aussage Straßenfußballer und hat eine Vorliebe für Kabinettstückchen, darunter Fallrückzieher, Elfmeteranläufe mit Zwischensprung oder Rabonas, also Flanken mit überkreuzten Beinen. Das sorgte bei Fans und Trainern nicht immer nur für Verzückung – vor allem, wenn es schief geht.

Doch Dursun überzeugte auch stets mit Einsatz und vor allem mit Toren. In den drei Jahren bei den Lilien steigerte er sich kontinuierlich. In der ersten Spielzeit waren es noch 11 Treffer, die Folgesaison kam er auf 16 und nun auf 27 Tore. Nimmt man noch seine Treffer im Pokal dazu, erzielte Dursun
59 Pflichtspieltore für die 98er.

Damit liegt er auf Rang drei der ewigen Vereinstorschützenliste hinter den Legenden Peter Cestonaro (92) und Uwe Kuhl (74). Zudem ist Dursun der erste Zweitliga-Torschützenkönig seit 40 Jahren. Das war vor ihm nur Horst Neumann gelungen, Der hatte in der Spielzeit 1980/81 allerdings „nur“ 26 Tore erzielt.

Tore machen entgangene Ablöse wett

Dursuns Vertrag läuft zum Saisonende aus, er kann den Verein ablösefrei verlassen. In den vergangenen Jahren hatte es immer wieder Angebote für den Torjäger gegeben. Der Verein hatte diese stets abgelehnt und sich damit eine Ablösesumme entgehen lassen. Anderseits haben sich Dursuns zahlreiche Tore und die damit verbundene gute Platzierung ebenfalls finanziell ausgezahlt.

Dursun verlässt die Lilien mit großer Dankbarkeit. „Wirklich Wahnsinn, was die Mannschaft die letzten Wochen geleistet hat“, sagte er nach dem letzten Saisonspiel beim Holstein Kiel, das die Lilien unter anderem durch zwei Dursun-Tore 3:2 gewannen. „Die letzten Spiele lief es überragend für mich. Ich danke jedem einzelnen, jedem Menschen in Darmstadt.“

Wohin es Dursun zieht, war zu Saisonende noch nicht entschieden. Er hat nach eigener Aussage „ein paar Anfragen hier und da“. Unter den Interessenten sei der Hamburger SV, für den er als gebürtiger Hamburger schon als Kind habe spielen wollen. Aber es gebe auch Anfragen aus dem Ausland.

Ein Titel auch für die Ehefrau

„Ich muss mich mit meiner Familie hinsetzen und eine richtige Entscheidung treffen. Das Gesamtpaket muss stimmen.“ Er freue sich darauf, den neuen Schritt zu gehen und sei gespannt, was die nächsten Wochen bringen. Angesprochen auf sein etwas fortgeschrittenes Alter erklärte er: „Natürlich bin ich29. Aber ich bin ein Spätstarter. Ich bin noch nicht am Ende.“

Der Torjäger-Titel war übrigens nicht der einzige Titel in der Familie Dursun innerhalb kürzester Zeit. „Diese Woche war sehr speziell für uns. Meine Frau hat ihren Doktor-Titel diese Woche bestanden in Kulturwissenschaften“, verriet Dursun. Seit Jahren habe sie ihn unterstützt, dafür danke er ihr, sagte er und fügte strahlend an: „Ich gratuliere ihr. Ich liebe sie.“

Serdar Dursun kam am 19. Oktober 1991 als Sohn türkischer Gastarbeiter in Hamburg zur Welt. Als 16-Jähriger entdeckten ihn Talentspäher von Hannover 96, wo er in der Jugend und später in der zweiten Mannschaft spielte. 2011 wechselte er zum türkischen Erstligisten Eskişehirspor, konnte sich dort jedoch ebenso wenig durchsetzen wie später bei den Zweitligisten Şanlıurfaspor und Denizlispor. Erst bei Drittligist Fatih Karagümrük SK wurde er Stammspieler und traf regelmäßig. Zur Saison 2016/17 verpflichtete ihn die SpVgg Greuther Fürth. Kurz vor Beginn der Saison 2018/19 wurde er von Darmstadt geholt. Für die Lilien traf er seitdem jedes Jahr zweistellig und ist damit erfolgreichster Torschütze der vergangenen Jahre.