Inspiration

Der nicht ganz freiwillige Jugendstil in Darmstadt

Nachwuchsspieler haben wieder eine Chance bei den Lilien

Kaum ist die Mathildenhöhe zum Weltkulturerbe aufgestiegen, da klappt es auch bei den Fußballern des SV Darmstadt 98 mit dem Jugendstil. Jahrelang hatten junge Spieler aus dem eigenen Nachwuchs bei den Lilien so gut wie keine Chance, bei den Profis zum Einsatz zu kommen. Das hat sich diese Saison geändert.

Philipp Sonn (links) und Clemens Riedel beim gemeinsamen Fahrrad fahren.
Fotos: Florian Ulrich

In der Sommerpause kündigte der SV Darmstadt 98 ein neues Konzept an, um Nachwuchsspielern den Übergang zu den Profis zu erleichtern. Dafür schuf man sogar mit Ex-Spieler Pascal Pellowski eine neue Stelle als Übergangskoordinator. Doch dass dann bereits am 2. Spieltag drei U19-Spieler gleichzeitig auf dem Feld stehen, war so sicher nicht geplant. Aber wenn die prekäre, vor allem Corona geschuldete Personalsituation bei den Lilien eine gute Seite hatte, dann war es die: Der Nachwuchs in Darmstadt hat wieder eine Chance.

Trainer Torsten Lieberknecht gilt als ein Trainer, der eine Ader für junge Spieler hat. „Natürlich wollen wir die Jungs zu Profis machen“, sagt er. „Aber wir haben auch die Verantwortung, dass sie ihrer Schulpflicht und ihrer Ausbildung nachkommen.“ Alle Nachwuchsspieler, die in der Vorbereitung dabei waren, hätten sich sehr gut eingebracht. „Wichtig ist, dass man diese Spieler im Blick hat.“

Der heutige Lilien-Angreifer Phillip Tietz war als Jugendlicher einst Nachbar des Trainers in Braunschweig, wurde von ihm gefördert und kam unter ihm zu seinem Zweitliga-Debüt. Im aktuellen Kader des SV Darmstadt 98 ist Clemens Riedel einer der jungen Spieler, die unter Lieberknecht den Schritt in den Profifußball machten. Dass der Coach viel von Riedel hält, wurde schon spätestens nach dem Testspiel in Mannheim klar. Als ein Journalist bei den Optionen in der Innenverteidigung Riedel nicht erwähnte, intervenierte der Coach entschieden.

Auf den Spuren von Burak Bilgin

Schon am ersten Spieltag gegen Jahn Regensburg kam Riedel dann zu einem Kurzeinsatz. Gegen Karlsruhe gab er sein Startelf-Debüt, und auch die folgenden Spiele stand der 18-Jährige in der Startformation. Der letzte Spieler aus dem Lilien-Nachwuchs, dem das gelang, war Burak Bilgin in der Saison 2012/13. Der bestritt sein einziges Spiel in der Startformation in der 3. Liga beim 0:2 gegen den SV Babelsberg am 28. Juli 2021.

Riedel kam vor zwei Jahren vom Gießener Verein TSG Wieseck nach Darmstadt. „Das war schon ein Schritt“, sagt er. Aber er habe sich schnell eingelebt. Schon vergangene Saison trainierte er immer wieder bei den Profis mit. In der Vorbereitung auf die aktuelle Spielzeit reiste er mit ins Trainingslager.

Im ersten Testspiel gegen Swift Heserpingen stand er in der Startformation. Ein heftiger Muskelkater führte ihm danach schmerzhaft vor Augen, dass er längere Zeit kein Spiel mehr über 90 Minuten bestritten hatte. Doch die körperlichen Defizite hatte er schnell aufgeholt. „Ich muss sagen, dass der Muskelkater nicht so extrem war“, sagte er schmunzelnd nach dem Spiel gegen Karlsruhe. „Ich hätte es schlimmer erwartet.“

Ein Rekord für die Lilien

John Peter Sesay

John Peter Sesay gehörte wie Riedel bereits in der Endphase der vergangenen Saison zum Profikader, obwohl er da noch im jüngeren U19-Jahrgang war. Für einen Einsatz reichte es allerdings nicht. Erst im ersten Spiel der neuen Saison durfte der offensive Mittelfeldspieler sein Profi-Debüt feiern. Noch wirkt der 18-Jährige bisweilen etwas ungestüm und überhastet. Aber Willen und Spielfreude sind erkennbar – und sowohl gegen Regensburg wie gegen Karlsruhe sorgte er für Unruhe in der gegnerischen Defensive.

Dritter und Jüngster im Bunde der Jungen ist Philipp Sonn. Über den hatte Coach Lieberknecht gescherzt, er könne als Nachfolger für den Isländer Victor Palsson durchgehen, wenn man seinen Namen zu Philippson zusammenziehe. Schon in der Vorbereitung zeigte sich Sonn recht frech. Diese Frechheit und Unbekümmertheit zeigte er auch gegen Karlsruhe in den Schlussminuten. Mehrfach lief er mit Hochgeschwindigkeit den gegnerischen Keeper an, obwohl das Spiel schon lange entschieden war. Mit 16 Jahren, 10 Monaten und 19 Tagen ist Sonn nicht nur die jüngste Lilie in der 1. Mannschaft, sondern auch der jüngste Zweitliga-Spieler aller Zeiten.

Riedel erklärte, er wolle nun weiter an sich arbeiten und sich verbessern, sei es im Zweitliga-Team oder auch in der U19-Bundesliga mit der A-Jugend, für die er noch ein Jahr spielen darf. Im Lilien-Nachwuchs sieht Riedel durchaus noch mehr Potenzial. Es gebe dort noch den einen oder anderen, der die Qualität für die Profimannschaft habe, sagt er. „Man muss sehen, ob sich die Gelegenheit ergibt. Am Ende liegt es aber an jedem einzelnen, wie er sich hier präsentiert.“


GUDE!

Stephan Köhnlein

Holprig ging es in die neue Spielzeit: Trainerwechsel, späte Neuzugänge, zahlreiche Verletzte in der Vorbereitung, dann die Corona-Fälle zu Saisonbeginn. Doch die Personalnot hatte zumindest einen positiven Aspekt: Erstmals seit Jahren kamen beim SV Darmstadt 98 wieder Spieler aus dem eigenen Nachwuchs zum Zug. Sie machten ihre Sache gut – allen voran Innenverteidiger Clemens Riedel.

Personell haben die Lilien in den vergangenen Wochen mehrfach nachgelegt. Diese Neuzugänge stellen wir hier vor. In Klaus Gjasula holten sie dabei einen Akteur, der sofort zeigte, dass er zum Führungsspieler werden kann. Mit dem 6:1 über Ingolstadt setzte die Mannschaft zudem ein ebenso beeindruckendes wie wichtiges Ausrufezeichen und zerstreute damit auch das Gerede von einem Fehlstart.

Wie stabil die Mannschaft bereits ist, wird der September zeigen. Und dann wird sich auch zeigen, ob mit Blick auf die Corona-Pandemie weiter Fans ins Stadion dürfen. Die vergangenen Wochen haben eindrucksvoll verdeutlicht, wie sehr das Publikum in den vergangenen Monaten gefehlt hat. Hoffen wir, dass Geisterspiele nun endlich Geschichte sind.

Bleibt gesund!