Inspiration

Das Dream-Team im Lilien-Sturm

Die beiden Neuzugänge Phillip Tietz und Luca Pfeiffer ergänzen sich ideal

Es begann alles andere als traumhaft für die beiden neuen Stürmer des SV Darmstadt 98. Luca Pfeiffer kam mit der Hypothek einer unbefriedigenden Saison in Dänemark erst spät zur Mannschaft und musste dann zu Saisonbeginn wegen der Corona-Fälle in Quarantäne. Phillip Tietz hatte nach der vergangenen Drittliga-Saison bei den Lilien zunächst ein paar Anpassungsprobleme.

Die Wende kam, als Torsten Lieberknecht im DFB-Pokalspiel gegen 1860 München etwas für Darmstadt in den vergangenen Jahren geradezu Unerhörtes machte: Er ließ mit zwei Stürmern spielen. Auch wenn man im Elfmeterschießen ausschied, hielt der Coach an der Formation fest und wurde belohnt: Das Sturmduo Tietz und Pfeiffer traf bereits im nächsten Spiel beim 6:1 gegen Ingolstadt jeweils doppelt. Tietz ließ gegen den Hamburger SV (2:2) einen weiteren Doppelpack folgen, auch gegen Hannover (4:0) waren beide erfolgreich.

„Wir machen das, was der andere gerade nicht macht“

„Wir haben uns gegenseitig gut ergänzt“, sagt der 25 Jahre alte Pfeiffer über seinen ein Jahr jüngeren Nebenmann. „Wir machen das, was der andere gerade nicht macht.“ Zudem verstehe man sich abseits des Platzes gut und man gönne sich die Erfolge. Beide betonen, wie der schwere Saisonstart die Mannschaft zusammengeschweißt habe: „Wir zeigen es allen den Leuten, die in den ersten drei Spielen gedacht haben: Was ist denn mit Darmstadt los?“, sagte Tietz nach dem HSV-Spiel. „Wir wissen, was wir können. Wir sind jetzt eine richtige Mannschaft geworden.“

Tietz kennt Lieberknecht aus seiner Zeit in Braunschweig. Dort spielte er in der Jugend, Lieberknecht wohnte in der Nachbarschaft, kickte mit dem jungen Phillip ab und an auf der Straße und gab ihm ein paar Tipps. Später holte er ihn zu den Profis, ermöglichte ihm dort das Debüt. Weil Tietz aber den Durchbruch nicht schaffte, zog er weiter. Paderborn, Jena und Wehen Wiesbaden waren die nächsten Stationen.

Überraschendes Wiedersehen

Als er im Sommer in Darmstadt unterschrieb, galt er als Nachfolger für Felix Platte und damit als Stürmer Nummer zwei. Doch da war Markus Anfang noch Trainer, der mit einem Angreifer gespielt hatte. Dass dann sein Förderer und Ex-Nachbar Trainer in Darmstadt wurde, erfuhr Tietz im Urlaub. „Das war schon ein cooles Gefühl“, sagt er. „Er weiß, wie ich ticke und wie ich spiele. Da ist schon eine Verbundenheit.“

Tietz ist der Wühler und Wuseler, der sich ins Getümmel wirft und aufopferungsvoll kämpft. Der 1,96 Meter große Pfeiffer ist der Typ „wuchtiger Wandstürmer“ wie ihn Darmstadt schon Dominik Stroh-Engel, Sandro Wagner oder auch Serdar Dursun verkörpert haben. Er macht die Bälle gut fest, setzt seinen Körper sehr wirkungsvoll ein und entwickelt enorme Dynamik. Sinnbildlich für das Sturmduo war das 2:0 gegen Hannover: Pfeiffer tankte sich an der Seitenlinie gegen alle Gegenspieler durch und legte an der Grundlinie nach hinten auf Tietz, der den Ball in den Winkel feuerte.

Philipp Tietz (links) und Luca Pfeiffer bejubeln das 2:0 im Spiel gegen Hannover 96, das die Lilien am Ende mit 4:0 gewannen. Fotos: Florian Ulrich

Von Gommersdorf in die Champions League

Auch Pfeiffers Karriere war bislang nicht besonders gradlinig verlaufen. Aufgewachsen ist er in Gommersdorf, einem 650-Seelen-Örtchen im Nordosten Baden-Württembergs. In der U17 von 1899 Hoffenheim wurde er nicht glücklich. „Ich war von zu Hause weg, habe bei einer Gastfamilie gewohnt und relativ schnell gemerkt, dass das nicht das ist, wo ich mich am wohlsten fühle“, sagt Pfeiffer.

Er schloss sich dem Oberligisten TSV Hollenbach an, wollte sich auf sein Abitur konzentrieren. „Aber dann habe in meinem ersten Jahr bei den Senioren gleich 18 Tore geschossen. Da habe ich mir gedacht: Es wäre doch schade, wenn ich es nicht noch mal versuchen würde.“ Weitere Stationen waren die Stuttgarter Kickers, der VfL Osnabrück und die Würzburger Kickers.

Vergangenen Herbst wechselte er für eine Ablöse von etwa 1,5 Millionen Euro zum Champions-League-Teilnehmer FC Midtjylland. Dort kam er nur auf elf Liga-Einsätze (ein Tor) sowie drei Einwechslungen in der europäischen Königsklasse. „Es ist nicht so leicht, sich in einem Land direkt zurechtzufinden, in dem man die Sprache nicht spricht“, sagt er. Hinzu seien die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie gekommen.

„Nach solchen Stürmertypen suchen viele“

„Ich bin einen Schritt zurück und zwei Schritte nach vorne gegangen“, sagt er rückblickend auf seine Karriere. Vom Champions-League-Teilnehmer zu einem deutschen Zweitligisten könnte auch so ein Schritt sein. In jedem Fall sei ihm das Einleben in Darmstadt sehr leicht gefallen. „Wenn man zu einem neuen Verein kommt, ist das nicht immer so leicht“, sagt er.
Lieberknecht spricht eigentlich nicht gerne über einzelne Spieler, hebt lieber das Kollektiv hervor. Aber nach dem HSV-Spiel ließ er sich doch ein paar Worte entlocken. Er lobte den Torriecher von Tietz, der da stehe, wo er stehen müsse und dann Reaktion zeige. „Nach solchen Stürmertypen suchen viele. Wir haben zwei davon“, sagte der Coach mit Blick auf Sturmpartner Pfeiffer.