Inspiration

Carsten Wehlmann:
Der Macher im Hintergrund

Carsten Wehlmann sieht sich als Teamplayer. Dass der SV Darmstadt 98 so gut dasteht, ist trotzdem zu einem großen Teil der Verdienst des Sportlichen Leiters, der sich eher ungern in den Vordergrund stellt. Deswegen tun wir es hier einmal.
„Aus Tradition anders“ war über fünf Jahre Teil des markanten Slogans des SV Darmstadt 98. Im neuen Leitbild fehlt er. Wir nennen die Gründe dafür und erklären, wieso sich der Verein trotzdem nicht von seiner Tradition verabschiedet.
Ihnen allen ein friedvolles Weihnachtsfest und einen guten Start in ein hoffentlich gesundes und erfolgreiches Jahr 2022!

Der Erfolg lässt die Kritik am Sportlichen Leiter nahezu verstummen

Als Sportlicher Leiter hat Carsten Wehlmann maßgeblichen Anteil daran, dass sich der SV Darmstadt 98 vom Abstiegskandidaten zum ambitionierten Zweitligisten gewandelt hat. Doch nicht immer werden seine Verdienste gewürdigt – auch weil sich der 49-Jährige nur ungern in den Vordergrund stellt.

Über Jahre hinweg stand bei einem prominenten Internetportal fälschlicherweise zu lesen, dass Carsten Wehlmann bei Holstein Kiel nur ein halbes Jahr als Chefscout gearbeitet habe. Den Rest der Zeit sollte er dort nur Torwarttrainer gewesen sein, ehe er im Herbst 2018 nach Darmstadt ging.

Viele, die in den vergangenen Jahren Wehlmanns Arbeit kritisiert haben, zogen den Eintrag des Portals als Beleg für eine unterstellte mangelnde Fachkompetenz heran. Der Betroffene selbst erklärte nur lapidar, er könne ja nicht alle Falschmeldungen dementieren, die über ihn kursierten.

Eine wegweisende Entscheidung

Inzwischen ist die Kritik an Wehlmann nahezu verstummt. Denn der unerwartete Höhenflug des SV Darmstadt 98 ist zu einem großen Teil das Werk des Sportlichen Leiters, der für die Verpflichtung der Spieler und der Trainer in den vergangenen Jahren verantwortlich ist.
Im Herbst 2018 hatte der Verein Wehlmann als neuen Sportkoordinator präsentiert. Im Februar 2019 trennte man sich dann vom einstigen Erfolgscoach Dirk Schuster, beförderte Wehlmann zum Sportlichen Leiter und betraute ihn als erste Aufgabe mit der Suche nach einem neuen Trainer.

Er holte Dimitrios Grammozis, der bis dahin den Nachwuchs des VfL Bochum trainiert hatte. Die Entscheidung für den unerfahrenen Grammozis war mutig. Aber sie markierte den Beginn einer – sieht man von kleineren Dellen ab – kontinuierlichen sportlichen Entwicklung.

Eine prägende Zusammenarbeit

Wehlmann wurde in Kiel stark von Andreas Bornemann geprägt, der heute Sportlicher Leiter beim FC St. Pauli ist. Viereinhalb Jahre waren beide dort. Bornemann sagte dem Fachmagazin „kicker“, es habe sich schnell eine Zusammenarbeit entwickelt, in der Wehlmann nicht nur sein engster Mitarbeiter, sondern auch ein Mitdenker geworden sei. „Er hat schon damals nicht nur wie ein Chefscout gedacht, sondern sich bei der Kaderplanung und Entwicklung intensiv eingebracht.“

Umgekehrt zeigte sich Wehlmann von Bornemanns Fleiß beeindruckt. Außerdem schätzt er Bornemanns Fähigkeit, auch in sportlich schwierigen Phasen ruhig zu bleiben. Er sei eng an der Mannschaft und dem sportlichen Tagesbetrieb und könne so die Arbeit des Trainers gut beurteilen.
Schwierige Phasen musste Wehlmann auch in den gut 1000 Tagen als Sportlicher Leiter durchstehen. Im Herbst 2019 steckte die Mannschaft unter Grammozis in der Krise, im Winter 2021 unter dessen Nachfolger Markus Anfang. Beide Male bewahrten Wehlmann und die anderen Verantwortlichen kühlen Kopf und schlossen die Spielzeiten mit Rang fünf beziehungsweise Rang sieben ab.

Unpopuläre Entscheidungen

Wenn es sportlich nicht läuft, aber auch bei manchen Personalentscheidungen richtet sich die Kritik häufig gegen den Sportchef, der in letzter Instanz dafür die Verantwortung trägt. Deutlich wurde das auch im Frühjahr 2020, als der Verein den Vertrag von Mittelfeldspieler Yannick Stark nicht verlängerte, dem einzigen gebürtigen Darmstädter im Kader. Da wurde Wehlmann vorgeworfen, er trete als Fremder die Tradition und Identität des Vereins mit Füßen.

Natürlich würde er sich wie jeder andere Mensch über Lob und Anerkennung mehr freuen. „Aber letztlich muss ich mich in meiner Position genau davon frei machen“, sagte Wehlmann. „Es gehört eben auch dazu, mintunter für die Öffentlichkeit unpopuläre Entscheidungen zu treffen, wenn ich davon überzeugt bin, dass sie den Verein mittelfristig weiterbringen.“

Wehlmann ist dabei kein Sportchef wie seine prominenten Bundesliga-Kollegen Max Eberl oder Jörg Schmadtke. Er drängt nicht in die Öffentlichkeit, um mal mit einem wortgewaltigen Medienauftritt eine Krise wegzureden. Stattdessen arbeitet er lieber im Hintergrund.
„Mein Credo ist, dass auch wir in unseren Bereichen wie eine Fußball-Mannschaft funktionieren müssen – es geht nur über das Wir“, sagte er dem „kicker“ über sein Selbstverständnis. Doch diese Haltung hat manchmal auch zur Folge, dass Wehlmanns Verdienste für den SV Darmstadt 98 zu wenig gewürdigt werden.

Unter Wehlmanns Verantwortung wurde der Kader deutlich verjüngt. Junge Spieler kommen heute regelmäßig zum Einsatz. Zudem generierte der Verein Transfererlöse. Obwohl er wegen Corona und sinkender Fernseheinnahmen jedes Jahr mit weniger Geld auskommen musste, ist der Kader heute deutlich stärker als bei seinem Amtsantritt.

Nun arbeitet Wehlmann fleißig hinter den Kulissen am Kader für die neue Saison. Von 16 auslaufenden Verträgen wurden Mitte November die Kontrakte mit Kapitän Fabian Holland und Verteidiger Matthias Bader verlängert. Weitere werden folgen. Aber es wird nicht für alle Spieler weitergehen. Auch hier wird er wieder die eine oder andere harte Entscheidung treffen müssen.

Carsten Wehlmann:

Carsten Wehlmann wurde am 27. Juni 1972 in Hamburg geboren. Seine Karriere begann er beim Eidelstedter SV, wo er bereits als Jugendlicher im Tor stand. Seine erste Profistation war der FC St. Pauli, bei dem er zwischen 1997 und 2000 52 Spiele in der 2. Bundesliga bestritt. Anschließend ging er für eineinhalb Jahre zum Hamburger SV in die Bundesliga, blieb dort aber ohne Einsatz. Es folgte ein halbjähriges Gastspiel bei Hannover 96. Außerdem war er noch für den HSV II, den VfB Lübeck und St. Pauli II aktiv, wo er seine Karriere beendete.
Von Oktober 2007 bis August 2009 war er Leiter für Organisation und Infrastruktur bei der Qatar Stars League (QSL) in Katar. Danach wurde er Chefscout bei Holstein Kiel und übernahm zusätzlich mehrere Jahre den Posten als Torwarttrainer. Im September 2018 wechselte er als Sportkoordinator zum SV Darmstadt 98. Am 18. Februar 2019 wurde er nach der Beurlaubung von Trainer Dirk Schuster zum Sportlichen Leiter ernannt.