Inspiration

Carl Klaus: „Das bleibt natürlich besonders hängen“

Von Stephan Köhnlein

Der Ersatzkeeper musste lange auf seine Chance warten – Seine Zukunft ist offen

Eineinhalb Jahre kommt Carl Klaus quasi nicht zum Einsatz. Aber als er dann gebraucht wird, ist der Ersatzkeeper des SV Darmstadt 98 sofort voll da. Ob der 27-Jährige jedoch auch kommende Saison noch da ist, steht noch nicht fest.

Ausgebildet beim VfB Stuttgart, Jugendnationalmannschaft, mit dem VfL Wolfsburg Deutscher A-Jugend-Meister – das klang nach einer verheißungsvollen Karriere. Doch Carl Klaus hat ein Problem: Er ist Torhüter. Während Feldspieler in der Regel auf mehreren der zehn möglichen Positionen eingesetzt werden können, bleibt für den Keeper nur der Platz im Kasten. Und da sind die Planstellen rar und zudem häufig schon besetzt. So spielte Klaus nach seiner Wolfsburger Zeit erst in der dritten deutschen und dann in der dritten spanischen Liga, ehe er sich im Sommer 2019 dem SV Darmstadt 98 anschloss.

Ein Greenhorn unter Superstars

„Im Nachhinein würde ich sagen, dass der Sprung von den Nachwuchsteams oft schwierig ist“, sagt er mit Blick auf seine bisherige Karriere. So sei ihm nicht bekannt, dass sich etwa in Wolfsburg in der näheren Vergangenheit mal ein Jugendtorhüter durchgesetzt habe. Zu seiner Zeit spielten dort Stars wie Luiz Gustavo, Ivan Perisic oder Kevin de Bruyne. Dass die einen 20-Jährigen akzeptierten, sei nicht unbedingt zu erwarten.
Schließlich entschied sich Klaus, einen Schritt zurückzugehen und wechselte zu Drittligist Stuttgarter Kickers. „Leider hatten wir da ein fürchterliches Jahr, sind letztlich abgestiegen“, erinnert er sich. Ein Mannschaftskollege aus dieser Zeit, mit dem er heute wieder bei den Lilien zusammenspielt, ist übrigens Erich Berko.

Wegen Ziege nach Mallorca

Ex-Nationalspieler Christian Ziege holte Klaus dann nach Mallorca zu Atletico Baleares, die er damals coachte. „Er war schon mein Trainer in der U18- und U19-Nationalmannschaft gewesen. Der Verein hat einen Torwart gesucht, hatte auch einen deutschen Präsidenten, einen deutschen Sportdirektor und einen deutschen Torwarttrainer“, erinnert er sich.
Ziege musste jedoch einige Monate später gehen. Auch deutsche Spieler hätten in Mallorca oft keinen leichten Stand. Das liege auch an den vielen Billig- und Sauftouristen, da wolle man mit Deutschen außerhalb der geschäftlichen Beziehungen nicht so viel zu tun haben.
Vom Leben auf der Urlaubsinsel schwärmt Klaus aber bis heute. Auch deswegen rufen ihn seine Mitspieler in Darmstadt mit dem spanischen Spitznamen Carlito („Carlchen“). „Ich habe direkt in Palma gelebt. Die Stadt hat einen wunderschönen Altstadtkern“, sagt er. „Abseits des Trubels gibt es auf Mallorca viel zu sehen. In den Bergen gibt es zum Beispiel wunderschöne alte Dörfer“, sagt er.

Auch sportlich lief es nach ein paar Anlaufschwierigkeiten gut für Klaus. Zweimal wäre man fast aufgestiegen. Dann würde er vermutlich heute noch dort spielen. Stammtorhüter bei einem spanischen Zweitligisten wäre dann auch sportlich im Soll gewesen, sagt er mit Blick auf seine Karriereplanung.

Zur Person:

Carl Klaus kam am 16. Januar 1994 in Stuttgart zur Welt. Im Alter von zehn Jahren schloss er sich der Jugendabteilung des VfB Stuttgart an. 2012 wechselte er als Jugendspieler zum VfL Wolfsburg, mit dem er Deutscher A-Jugend-Meister wurde. Von 2013 bis 2015 gehörte er zum Kader der Wolfsburger U23, die in der Regionalliga Nord spielt. 2015 wechselte er zu den Stuttgarter Kickers in die dritte Liga. Dort wurde er in zwölf Spielen eingesetzt und erhielt dabei zwei rote Karten. Nachdem Regionalliga-Abstieg der Kickers wechselte er im Sommer 2016 zum spanischen Drittligisten Atlético Baleares. Zwei Spielzeiten war er dort Ersatz, ehe er zum Stammtorhüter wurde. Nach drei Jahren in Spanien nahm ihn im August 2019 der SV Darmstadt 98.

Eine Liga-Minute zum Saisonabschluss

Geholt wurde er ans Böllenfalltor als Back-up, weil sich Stammkeeper Marcel Schuhen die Hand gebrochen hatte und in Florian Stritzel nur ein Profi-Torhüter zur Verfügung stand. Abgesehen von einem symbolischen Ein-Minuten-Einsatz im letzten Spiel der vergangenen Saison kam Klaus auch nur zum Einsatz, wenn Schuhen ausfiel. Das war im DFB-Erstrundenspiel beim 1. FC Magdeburg (3:2), als Schuhen wegen der Geburt seines Sohnes nicht dabei war. Und nachdem sich Schuhen beim 2:1-Sieg in Hamburg an der Wade verletzt hatte, schlug erneut seine Stunde.
Sowohl gegen Fürth als auch gegen Würzburg zeigte Klaus starke Leistungen und wurde dafür auch jeweils mit der Berufung in die Elf des Tages des kicker-Sportmagazins ausgezeichnet. Ein wenig angespannt sei er vor dem ersten Spiel natürlich schon gewesen, schließlich habe er besonders im Fokus gestanden.

Trainingsturniertabelle als Motivationskick

„Wenn es das erste Spiel ist und man nicht weiß, wie viele in nächster Zeit noch dazukommen, bleibt das natürlich besonders hängen – bei den Anhängern, beim Trainerteam und bei der Mannschaft“, sagte Klaus. Aber er sei gut vorbereitet gewesen, in der Partie schnell in seine Abläufe gekommen, und die Mitspieler hätten ihn auch toll unterstützt. „Das war sehr schön, auch wenn es sehr intensiv war“, lautete sein Fazit.
Dabei sei ihm auch bewusst geworden, dass er in den vergangenen eineinhalb Jahren kaum gespielt habe. In dieser Zeit benötigt man als Torhüter eine robuste Psyche und hohe Eigenmotivation. „Ich kann mich immer weiterentwickeln auch ohne Spielpraxis“, sagt er und fügt an: „Man weiß außerdem, dass man nicht zwei Monate lang schlecht trainiert haben kann, wenn es darauf ankommt.

Zudem hat er noch einen weiteren Trick, um sich selbst zu pushen: „Auch im Training halte ich gerne Bälle. Wir haben da eine Turnierform im Training mit einer Tabelle. Und solange ich am Spieltag nicht im Tor stehe, ist das eben meine Tabelle.“

Ein relativ entspannter Blick in die Zukunft

Wenn man so lange mittrainiert habe, wolle man im entscheidenden Moment auch Wertschätzung erfahren und zeigen, dass man zurecht dabei sei und dass sich die Mitspieler auf ihn verlassen könnten. Das gelang. „Wenn ich mir vorstelle, wie das mit Spielpraxis auf dem Niveau aussehen könnte, bin ich sehr zuversichtlich“, sagt er.

Sein Vertrag läuft zum Saisonende aus, konkrete Gespräche über eine Verlängerung hatte es bis Mitte April nicht gegeben. „Ich habe noch keine genaue Tendenz und weiß nicht, wie es mit mir weitergeht“, sagt er. „Für ein Zusammenkommen braucht es zwei Parteien. Es ist relativ klar, wer da normalerweise den ersten Schritt macht. Ich kann einen Arbeitgeber nicht dazu zwingen, mit mir weiterzumachen. Aber ich bin da relativ entspannt. Ich bin fit. Ich konnte mich zuletzt in Deutschland auf größerer Bühne zeigen. Ich bin sicher, dass mir das nicht geschadet hat.“