Inspiration

Auch wir waren Gastarbeiter

Ein Beitrag von Stephan Köhnlein

Foto: Florian Ulrich

Der Lilien-Sportchef Carsten Wehlmann spricht über seine Katar-Erfahrung

Ein Beitrag von Stephan Köhnlein

Foto: Florian Ulrich

Kurz nach seiner Profikarriere hat Carsten Wehlmann zwei Jahre in Katar gearbeitet. Die Zeit war für ihn nicht nur ein großes Abenteuer, sondern bescherte ihm auch wichtige Erfahrungen für seine heutige Arbeit. In seiner damaligen Position als Leiter für Organisation und Infrastruktur bei der Qatar Stars League (QSL) genoss Wehlmann deutlich mehr Privilegien als die Gastarbeiter auf dem Bau oder in der Gastronomie. Doch frei bewegen konnte er sich auch nicht. Wenn er aus Katar ausreisen wollte, musste er sich das vorab von seinem Arbeitgeber schriftlich genehmigen lassen.

Herr Wehlmann, sie haben von 2007 bis 2009 zwei Jahre in Katar gelebt und gearbeitet. Was war der Grund für dieses Engagement?
Der asiatische Fußballverband AFC hatte damals ein Programm aufgelegt, um die Ligen und deren Management zu professionalisieren. Der Kontakt kam über Dieter Meinhold zustande, der früher Sportvorstand in Bochum gewesen ist und selbst in leitender Funktion nach Katar gegangen ist.

Wie kann man sich die Arbeit dort vorstellen?
Als wir in Katar angekommen sind, mussten wir erst mal einiges selbst organisieren und aufbauen. Der Mann unserer Sekretärin war Betreiber einer Sportsbar und hatte in der Bar Büroräume frei, in die wir zunächst eingezogen sind. Unsere Wohnung hatte nur eine Klimaanlage. Für den Winter mussten wir uns Heizungen organisieren. Auch kurios: Es gab zwar einen Gasherd, der aber nicht angeschlossen war. Also wurde einfach ein Loch in die Wand gebohrt und draußen eine Gasflasche hingestellt und angeschlossen. Ein Auto zu bekommen, war nicht ganz einfach, wenn man kein Resident war. Das Gleiche galt für einen Internetanschluss. Wir haben uns zu Beginn mit zehn Mann einen Anschluss geteilt.

Klingt so ein bisschen wie bei einem Start-up …
Für mich war es anfangs ein Abenteuer. Während meiner Profikarriere war immer Hamburg meine Homebase. Und plötzlich war ich 7000 Kilometer weg von dort, in einer anderen Kultur mit einer anderen Sprache. Aber die Reise gab mir die Möglichkeit, den Schritt vom Spieler ins Management zu vollziehen. Einige Erkenntnisse aus dieser Zeit kann ich auch jetzt noch für meine jetzige Funktion als Sportlicher Leiter nutzen. Und zwar, dass man mit Kontinuität und nachhaltigem Arbeiten zum Erfolg kommt – und nicht durch kurzfristige Entscheidungen, die auf keiner Strategie basieren.

Wie war der Kontakt mit den Katarern?
Wir waren Dienstleister und Berater. In dieser Funktion haben wir Vorschläge unterbreitet. Die Katarer haben auf unser Know-how gesetzt, die Entscheidung dann aber letztendlich selbst getroffen. Wir wurden durchaus freundlich empfangen. Aber klar, auch wir waren Gastarbeiter, in den Augen der Katarer allerdings auf einer anderen Ebene als die Gastarbeiter in anderen Dienstleistungsberufen wie zum Beispiel in den Restaurants oder auf dem Bau – das war zu spüren. Ich erinnere mich, dass aber auch wir nicht einfach so ausreisen konnten. Wir benötigten dafür eine Genehmigung vom Arbeitgeber, die wir eine Woche vorher beantragen mussten.

Kein anderes WM-Turnier in der Fußballgeschichte war so umstritten wie die WM in Katar. Haben Sie Verständnis dafür?
Absolut. Das fängt an bei der Vergabe und ihren Umständen, geht über den Austragungszeitpunkt im Winter und natürlich insbesondere das Thema der Menschenrechtssituation. Es ist gut, dass all diese Dinge jetzt Aufmerksamkeit erhalten – und hoffentlich auch nach der Weltmeisterschaft im Fokus bleiben. Speziell bei der Menschenrechtssituation und damit einhergehenden Themen wie Diskriminierung, Arbeitsbedingungen und Meinungsfreiheit müssen Verbesserungen her. Das gilt aber auch für das Thema Nachhaltigkeit, zum Beispiel bei den Stadien. Wir haben ja erlebt, dass das in Südafrika und Brasilien nicht unbedingt der Fall war.