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Wohin des Weges?

Sechs Spiele ohne Sieg, die drittschlechteste Defensive der Liga und genau so wenig Punkte wie in der vergangenen Saison. Die Bilanz zum Abschluss des Jahres 2018 ist alles andere als rosig für den SV 98, der aktuell eigentlich nur davon profitiert, dass die Teams auf den Abstiegsrängen in dieser Spielzeit außergewöhnlich schlecht punkten. Es könnte eine durchschnittliche Rückrunde reichen, um am Ende das Saisonziel zu erreichen. Noch entscheidender wird aber sein, welchen Weg die Lilien langfristig einschlagen wollen.

Jedes Jahr ein Wunder – zu viel aufeinmal?

Selten kommt es vor, dass überraschende sportliche Erfolge die finanziellen und strukturellen Möglichkeiten von Vereinen um Längen überholen. Beim SV Darmstadt 98 passierte vor fünf Jahren genau das. Und zwar in einem Ausmaß, das wohl auf ewig einzigartig bleiben wird. Als kleiner Traditionsklub mit einem Stadion und Trainingsplätzen auf maximal unterem Drittliganiveau schafften die Lilien den Durchmarsch in die Bundesliga und dort im ersten Jahr sogar den Klassenerhalt. Mit Mentalität, Kampfgeist, stabiler Defensive und über sich hinauswachsenden Einzelspielern sorgte man in der deutschen Eliteklasse im Rahmen seiner Möglichkeiten für Aufsehen.
Als nach der Hinrunde der zweiten Bundesligasaison eigentlich schon klar war, dass es nicht nochmal für des Klassenerhalt reichen würde, probierte man in Darmstadt etwas Neues. Mit Torsten Frings kam ein junger und gut vernetzter Trainer ans Böllenfalltor, der nach Jahren der destruktiven Underdog-Spielweise plötzlich auch gegen Dortmund und Co. dominanten Ballbesitzfußball forderte. Ein Experiment, dass in der Rückrunde zu guten Ergebnissen und einigen überzeugende Siege führte, den Abstieg aber wie erwartet nicht verhindern konnte. Trotzdem starteten die Lilien im August 2017 mit großer Euphorie und einem prominenten Kader die neue Zweitliga-Saison. Man war nicht mehr der kleine Klub aus Südhessen, sondern ein Bundesliga-Absteiger, der die Partien wie im ersten Halbjahr unter Frings dominieren und möglichst wieder an die Tür zum Aufstieg anklopfen wollte.
Obwohl der Start zumindest ergebnistechnisch glänzend verlief, sorgte vor allem eine Gegentorflut im Herbst für die ersten Unmutsäußerungen im Darmstädter Umfeld. Das System von Frings wirkte unausgereift. Nach elf sieglosen Spielen beendete man die Ära Frings und kehrte mit der Verpflichtung von Dirk Schuster praktisch zu seinen jüngeren Wurzeln zurück. Schnell wurde das Augenmerk wieder auf Stabilität in der Abwehr und die klassischen Lilien-Tugenden gelegt, die nach einer Schwächephase im Frühjahr auf den letzten Drücker noch zum Klassenerhalt führten. In der aktuellen Saison sollte das Team weiter stabilisiert werden. Nach einem guten Start fehlte in den Heimspielen aber meist die Zielstrebigkeit vor dem gegnerischen Tor, während man sich auswärts oft erschreckend schwach präsentierte, sodass der Blick erneut eher nach unten gerichtet werden muss.

Die Vergangenheit zählt nicht mehr

Lange waren die Lilien die Kleinen, die nur gewinnen konnten, von denen keiner etwas erwartete. Die erstmal abwarten und mit einem Unentschieden besser leben konnten. Und, die finanziell in einer anderen, einer deutlich niedrigeren Liga spielten. Heute, nach zwei Jahren Bundesligazugehörigkeit, deutlich höheren Fernseh- und Sponsoreneinnahmen, dem Bau eines Nachwuchsleistungszentrums, neuen Trainingsplätzen und dem kürzlich in Angriff genommenen Stadionumbau ist die Ausgangssituation eine andere. Darmstadt hat infrastrukturell enorm aufgeholt, besitzt einen im Vergleich zum Rest der Liga durchaus guten Kader und kann plötzlich auch Spieler verpflichten, die nicht erst der Sackgasse ihrer Karriere angekommen sein müssen. Das allein schützt nicht vor Misserfolgen, sollte aber als Basis dienen, auch sportlich den nächsten Schritt zu machen.

Entscheidend wird sein, wofür der SV Darmstadt 98 in Zukunft stehen möchte. Dabei rücken vor allem die Spielweise und die Transferpolitik in den Vordergrund. Fast alle Mannschaften in der zweiten Liga versuchen mittlerweile, gepflegt von hinten aufzubauen und mit Flachpasskombinationen zum gegnerischen Tor zu gelangen. Auch der SV Darmstadt spielt heute deutlich mehr Fußball als in der Aufstiegssaison 2014/15, wirkt aber vor allem auswärts noch oft zu passiv und ohne wirklichen Plan in der Offensive. Die vielen Gegentore sind eine Folge der abwartenden Spielweise, obwohl man mit technisch versierten Spielern wie Jones, Mehlem oder Kempe durchaus Angriffspotential besitzt. Auch wenn die Tugenden Kampfgeist und Leidenschaft noch heute als Basis für den Erfolg gelten, muss Dirk Schuster in der zweiten Jahreshälfte beweisen, dass er das Team auch fußballerisch auf eine neue Stufe bringen kann. Und gemeinsam mit den Verantwortlichen eine Spielidee entwickeln, die nachhaltige Erfolge ermöglicht und mit der sich das Umfeld identifizieren kann.

Auf dem Transfermarkt holten die Lilien in den letzten zwei Spielzeiten erstmals Spieler, die ihren Zenit noch vor sich haben und mittelfristig mit Gewinn weiterverkauft werden können. Ein Geschäftsmodell, das zukunftsfähig ist, aber auch zu der Philosophie des gesamten Vereins passen muss. Der schmerzhafte Abgang von Aytac Sulu bietet dabei auch eine Chance, den Kader weiter zu verjüngen.
Lange ging es beim SV 98 so schnell bergauf, dass gar keine Zeit blieb, wirklich über die Zukunft nachzudenken. Jetzt befindet man sich in einer Situation, in der man entscheiden muss, wie es langfristig weitergeht. Von der Ausgangsposition, die sich der Verein in den letzten Jahren erarbeitet hat, hätte man Anfang des Jahrzehnts nicht zu träumen gewagt. Im hier und jetzt müssen die Weichen gestellt werden, um auf dem geschaffenen Fundament auch etwas Neues aufzubauen.

Euer Phil