Inspiration

„Wir waren ein Herz und eine Seele!“

So äußert sich Ramon Berndroth (65) rückblickend auf seine Zeit als Interimstrainer mit Blick auf die Fans. VORHANG AUF-Autorin Selina Eckstein wollte wissen, wie für ihn diese Zeit war, was er von seinem Nachfolger hält und traf ihn zum Interview.

Selina Eckstein: Ramon, wie war für dich zurückblickend die Zeit als Interimstrainer?

Roman Berndroth: Sie war sehr kurz, zweieinhalb Wochen, aber eine lohnenswerte Erfahrung.

SE: Warum?

RB: Die Kernkompetenz, die ich am längsten im Profigeschäft gemacht habe, ist die des Cheftrainers. Ich habe viele Mannschaften trainiert, nun möchte ich Jugendtrainer voran bringen. Diese Trainer sind jetzt meine Mannschaft. Vor der Winterpause bin ich dann aber nochmal einen Schritt zurückgegangen und es war wie früher. Man steht auf dem Platz und die Spieler waren wieder meine Mannschaft. Dass ich dadurch intern helfen konnte, hat mir viel Freude bereitet.

SE: Hast du bei deiner Aufgabe Druck von irgendjemanden gespürt?

RB: Druck verspürt man in jedem Spiel, weil man es ja immer für irgendjemanden macht. Im Profifußball unter anderem für die Fans, die man nicht enttäuscht nach Hause schicken möchte. Der Druck ist auch deshalb da, weil du nie genau weißt, was auf dich zukommt und wie die Spiele ausgehen. Es hätte ja auch passieren können, dass wir in Freiburg und gegen die Bayern Klatschen kassieren. Außerdem wusste ich auch nicht, wo die Mannschaft steht. Ich hätte einige Wochen, wahrscheinlich ein ganzes Trainingslager gebraucht, um zu sehen, wer wie tickt. So viele Einzelgespräche konnte ich gar nicht führen. Bei perspektivischen Dingen habe ich mich weitgehend zurückgehalten, weil ich wusste, dass ich nur für kurze Zeit einspringe.

SE: Hast du dich in der kurzen Zeit schnell zurecht gefunden?

RB: Dimo Wache hat mir viel geholfen. Wir kommen gut miteinander klar, weil wir ähnliche Fußballauffassungen haben. Außerdem hat er viele Vorkenntnisse, mit denen er mich dann unterstützen konnte. Deshalb kam ich schnell rein, auch weil ich gemerkt habe, dass die Spieler Spaß hatten, zur Arbeit zu kommen, das wollte ich ihnen dann zurückgeben. Die Stimmung war mit das Schönste in dieser Zeit, wenn ich bedenke, dass wir nach dem Bayern-Spiel eine Ehrenrunde gedreht haben, fühlt es sich im Nachhinein nicht mehr an wie eine Niederlage. Generell habe ich nur positive Erinnerungen an das Bayern-Spiel. Der Jubel hinterher hat suggeriert, dass wir etwas Großartiges abgeliefert haben, wie zum Beispiel einen 1:0-Sieg. So habe ich diese Atmosphäre wahrgenommen.

SE: Dass du den Kontakt zu den Fans gesucht hast, hat man bereits in Freiburg gemerkt, als du dich schon vor dem Spiel bei den Fans bedankt hast.

RB: Das war eine ganz spontane Reaktion. Als ich raus auf dem Platz bin, hatte ich nichts zu tun und habe in die Ecke geschaut, in der unsere Fans standen. Ich war beeindruckt, dass trotz den Niederlagen zuvor so viele Fans dabei waren. Ich wollte ihnen mitteilen, dass ich das toll finde. Deshalb bin ich hin und wenn ich an ihre Reaktion darauf zurück denke, bekomme ich immer noch Gänsehaut. Man hat gemerkt, dass sie schon vor dem Spiel euphorisch waren. Wir waren ein Herz und eine Seele, so habe ich das empfunden. Deshalb bin ich auch nach dem Spiel hin, als die Fans uns gefeiert haben, obwohl wir verloren hatten. Uns war es nämlich gelungen, so zu spielen, dass die Fans wieder stolz auf uns sein konnten.

SE: Was traust du der Mannschaft in dieser Saison noch zu?

RB: Es sieht leider so aus, dass es nicht zum Klassenerhalt reichen wird, aber ich traue ihnen zu, wie gegen Dortmund und Mainz erneut positiv zu überraschen. Es ist nämlich wichtig, mit einem positiven Gefühl aus der Saison zu gehen.

SE: Kribbelt es dich nach deinem Kurzeinsatz bei den Lilien nochmal als Trainer zu arbeiten?

RB: Meine Trainerlaufbahn ist eigentlich schon lange zu Ende. Mit einer denkwürdigen 2:7-Niederlage mit der zweiten Mannschaft des FSV Frankfurt bei den Stuttgarter Kickers, bei denen Dirk Schuster noch auf der Bank saß. Damit war für mich die Trainerlaufbahn abgeschlossen. Nun ist das Spiel in Berlin mein letztes als Trainer gewesen. Jetzt arbeite ich aber wieder im Jugendbereich mit Verbindung zu den Profis. Das ist das, was mir sehr gut gefällt. Es bereitet mir aber auch Freude, kurzfristig ein Training der Jugend zu leiten, wenn die Trainer mal keine Zeit haben. Da springe ich gerne ein, genauso wie bei den Profis. Ich hatte eine sehr schöne und tolle Zeit als Trainer, und das kann mir keiner mehr nehmen. Aber das Kapitel ist für mich abgeschlossen.

SE: Du hast es schon angesprochen, du scoutest zum einen die Jugend, es herrscht auch noch eine Verbindung zu den Profis. Ist das richtig?

RB: Meine Hauptaufgabe ist das NLZ (Nachwuchsleistungszentrum, Anm. d. Red.), das ist klar. Aber ich stehe auch noch im Austausch zu den Profis. Außerdem ist es gut für das NLZ, weil ich bei Spielbeobachtungen sehe, welchen Entwicklungsschritt manche unserer Jugendspieler noch machen müssen, um sich bei den Profis durchzusetzen. Diesen Bezug möchte ich mir bewahren, damit ich weiterhin im Profibereich Leistungsvergleiche sehe. Das koordiniere ich dann miteinander.

SE: Abschließend würde ich gerne wissen, was du von deinem Nachfolger, Torsten Frings, hälst?

RB: Zum einen hat mir sein Netzwerk imponiert, weil er Spieler wie Altintop, Sam oder Boyd verpflichten konnte. Zum zweiten gefällt es mir, dass er auf die fußballerische Komponente setzt, womit man natürlich auch mal scheitern kann, aber daraus haben sie gelernt und sich weiter entwickelt. Ich finde es toll, wie er nun Fußball spielen lässt, in Kombination mit den Darmstädter Tugenden, wie Disziplin und Kampfgeist.

SE: Vielen Dank für das Interview, Ramon, und alles Gute für die Zukunft bei den Lilien.