Inspiration

Unspektakulär zum Minimalziel

Wirklich neue Erkenntnisse konnte man aus den letzten Wochen nicht gewinnen. Nach dem überraschend guten Auftakt von Trainer Grammozis, der anfangs in Bielefeld zwar verlor, dann aber die Spiele gegen die Aufstiegsaspiranten Kiel und Hamburg auf überzeugende Weise siegreich gestalten konnte, fielen die Lilien zumindest ein bisschen in alte Muster zurück.

Das 1:1 gegen Regensburg trotz drückender Überlegenheit wirkte zunächst wie ein kleiner Ausrutscher auf dem Weg in die obere Tabellenhälfte. Auch bei der Niederlage in Fürth waren die Lilien deutlich aktiver als auswärts in dieser Saison üblich. Die Ausrede, dass das Glück und sicher auch der Schiedsrichter nicht auf Seiten der Darmstädter war, konnte man gelten lassen. Und obwohl man danach mit dem Sieg in Magdeburg und dem torlosen Unentschieden vier Punkte für den fast schon rechnerisch sicheren Klassenerhalt sammeln konnte, war der positive Schwung aus dem Vormonat irgendwie verschwunden.

Dass Marvin Mehlem genau in den drei Spielen, in denen die Leistungskurve nach unten zeigte, aufgrund eines hartnäckigen Infekts nicht in der Startelf stand, dürfte kein Zufall sein. Der quirlige Offensivspieler, dessen Potential schon seit seiner Ankunft in Darmstadt zu erkennen war, machte in dieser Saison den nächsten Sprung und war in den ersten Grammozis-Partien der beste Mann der Lilien. Mehlem, der wohl schon von einigen Klubs umworben wird, über den Sommer hinaus zu halten, wäre ein wichtiger Schritt im Hinblick auf die kommende Saison.

Die Abhängigkeit des Offensivspiels von Mehlem verdeutlicht, dass den Lilien im Mittelfeld einerseits Tempo und Kreativität, andererseits die Alternativen von der Bank fehlen. Der diese Saison sehr gut aufgelegte Dursun wirkt oft wie der Alleinunterhalter im Angriff, wodurch die Offensivbemühungen recht eindimensional wirken. Die Rückkehr vom beinahe Dauerverletzten Felix Platte, der mittlerweile wieder am Training teilnimmt und die Verpflichtung von Erich Berko ab dem Sommer könnte hier für eine dringend benötigte Abwechslung sorgen.

Ein Lichtblick ist dagegen die deutlich verbesserte Arbeit gegen den Ball. Unter Dirk Schuster hatten die Lilien ihre Defensivstärke nahezu komplett eingebüßt und waren zeitweise sogar die Schießbude der Liga. Mittlerweile setzt man den Gegner vor allem auswärts deutlich früher unter Druck und lässt nur noch wenige Großchancen zu. Selbst der jüngste Ausfall von Franke fiel bei den zwei Zu-Null-Spielen gegen Magdeburg und Bochum kaum ins Gewicht.

Nach den mitreißenden Auftritten im März ist in Darmstadt wieder so etwas wie Ernüchterung eingekehrt. Das Saisonziel der sorgenfreien Saison ist zwar erreicht, für mehr hat es aber nicht gereicht. Sowohl fußballerisch als auch tabellarisch ist der SV 98 im unspektakulären Mittelfeld einzuordnen. Wirkliche Highlights, die für längere Zeit in Erinnerung bleiben, gab es in dieser Spielzeit außer dem Erfolg in Hamburg nicht. Man kann nach zwei Jahren noch nicht davon sprechen, dass die Lilien auf dem Weg zur grauen Maus der Liga sind. Aber zumindest in der Außenwahrnehmung wirkt es so, als hätten viele andere Klubs mehr Farbe zu bieten. Das zu ändern wird eine der Hauptaufgaben von Grammozis in seiner ersten Sommervorbereitung mit der Mannschaft sein.

In den restlichen Spielen geht es für die Lilien um nicht mehr viel. Deswegen in den nächsten Spielen bedingungsloses Anrennen und Spektakel zu fordern, wäre zu viel des Guten. Das Augenmerk wieder etwas mehr auf die Offensive zu legen und insgesamt mehr Personal in das gegnerische Spielfelddrittel zu bringen, allerdings nicht. Denn die Möglichkeit, befreit aufzuspielen und sich Selbstvertrauen für die neue Saison zu holen, ohne etwas befürchten zu müssen, ist ein Luxus, den die Lilien aus den vergangenen Jahren nicht kennen. Dass das allein aber noch keine Garantie für schöne Fußballspiele ist, offenbarte der müde Sommerkick am Ostersonntag gegen Bochum.