Inspiration

Stabilisator mit Führungsqualitäten

Liebe Lilienfans, die Tage werden kürzer und die Hinrunde neigt sich schon ihrem Ende zu. So langsam zeigt sich, in welche Richtung es für die Lilien in dieser Saison gehen wird. Gerade in der engen und ausgeglichenen zweiten Liga ist vieles möglich, doch wenn der Blick mittelfristig nach oben gerichtet werden soll, müssen im November Punkte her. Zwar waren die jüngsten Ergebnisse eher ernüchternd, doch es waren oft nur Kleinigkeiten, die den Ausschlag machten. Man darf durchaus optimistisch sein, dass der SV 98 zeitnah wieder in die Spur kommt. Zudem bietet das Heimspiel gegen Magdeburg eine gute Gelegenheit, um mit einem Erfolgserlebnis in den Monat zu starten.

Obwohl erst seit Sommer im Verein, ist Marcel Franke aus der Startelf der Lilien kaum noch wegzudenken. Der 25-jährige Innenverteidiger, der ein Jahr von Norwich City ausgeliehen ist, überzeugt mit Zweikampfstärke und Mentalität. Im Interview spricht der Dresdner über Erfahrungen im Ausland, die Darmstädter Fans und vieles mehr

PK: Du bist seit dem Sommer hier in Darmstadt und warst vom ersten Spiel an unangefochtener Stammspieler und Leistungsträger. Wie fällt dein persönliches Fazit der ersten Monate aus?

MF: Ich denke, erstmal ist es wichtig, was wir mit der Mannschaft bisher erreicht haben. Wir sind ganz gut gestartet und haben jetzt die letzten Spiele auch mal auf den Ballon bekommen. Ich denke, mit dem Punkt gegen Regensburg können wir jetzt wieder mit Selbstvertrauen in die nächsten Spiele gehen. Persönlich habe ich jedes Spiel gemacht, aber ich denke gerade in den letzten Wochen, als die Ergebnisse dann nicht mehr so gestimmt haben, waren auch meine Leistungen ausbaufähig. Ich will jetzt natürlich wieder zu dem Standpunkt zurückkommen, den wir in den ersten Spielen hatten.

PK: Wie gefällt dir die Stadt? Hast du eventuell schon einen Lieblingsplatz, an dem du dich gerne aufhältst?

MF: Die Stadt gefällt mir. Ich bin mit meiner Frau öfter in der Innenstadt, dort gehen wir gerne essen oder mal etwas trinken. Ansonsten halten wir uns aber eher in an unserem Wohnort Weiterstadt auf.

PK: Welche Interessen hast du außerhalb des Fußballs? Wie verbringst du deine Freizeit?

MF: Gerne auch mal mit anderen Sportarten. Ich gehe ins Fitnessstudio oder mal Tennis spielen, unternehme etwas mit Freunden oder gehe ins Kino. Ich studiere nebenbei noch Sportmanagement, da bin ich dann schon genug ausgelastet.

PK: Du hattest bei deinem Wechsel betont, du würdest dich enorm auf die Fans am Böllenfalltor freuen. Was macht die Atmosphäre hier so besonders?

MF: Das Stadion ist natürlich erstmal besonders für die Liga. Das Stadion ist immer voll, die Zuschauer stehen immer hinter uns. Auch gerade in den letzten Spielen gegen den HSV oder gegen Bielefeld als es nicht so lief, ist die Unterstützung immer da. In Regensburg war die Unterstützung auch super. Wir können uns immer auf die Zuschauer verlassen und das Stadion hat natürlich ein gewisses Flair. In der zweiten und in der ersten Liga sind die Stadien alle komplett modern und gerade neu gebaut, da ist es natürlich erstmal etwas anderes, wenn du hier in die Kabine kommst. Ich habe ja letztes Jahr ein halbes Jahr in England gespielt, da habe ich genau solche Kabinen und Stadien jedes Spiel vorgefunden, das lieben die Engländer. Deswegen war das jetzt auch nichts wirklich Neues für mich, das geht für mich völlig in Ordnung.

PK: Deine Familie besteht praktisch komplett aus Dynamo-Anhängern, auch du hast eine enge Bindung zum Verein und deine komplette Jugend dort verbracht. Warum hat es dich trotzdem erneut von Dresden weggezogen?

MF: Das ging ja nicht komplett von mir aus. Wir hatten auch Gespräche mit Dresden geführt, es gab aber erstmal die klare Abmachung, dass ich zurück nach Norwich gehe. Norwich hatte Dresden bei der Leihe auch keine Kaufoption gegeben, deswegen wollte ich erstmal zurückgehen und gucken, ob ich mich im Sommer in England durchsetzen kann. Ich habe dann aber recht schnell das Kommando bekommen, dass Norwich diese Saison nicht mit mir plant bzw. dass meine Chancen auf Einsatzzeit sehr schlecht stehen, woraufhin ich mich dann mit meinem Berater vor allem in der zweiten Bundesliga auf die Suche gemacht habe. Dresden war auch ein Thema, sie hatten aber zu dem Zeitpunkt bereits einen Innenverteidiger verpflichtet. Dann hat sich die Sache mit Darmstadt ergeben. Ich trauer da jetzt auch nichts nach, bin glücklich, dass ich hier bin und denke, dass es die richtige Entscheidung war.

PK: Wem hat deine Familie beim direkten Aufeinandertreffen im September die Daumen gedrückt?

MF: Natürlich mir (grinst). Mein Vater, der großer Fan ist, war gar nicht vor Ort, sondern in Neuseeland. Meine Mutter war im Stadion und sie hat mit Dynamo eher nichts am Hut, hat mir die Daumen gedrückt und war genauso traurig wie ich nach der 1:4-Niederlage dort.

PK: Du bist durch deine Statur und Größe ein Verteidiger, wie man sich ihn bauen würde. Gab es für dich gar keine andere Möglichkeit, als Innenverteidiger zu werden?

MF: Da muss ich bis in die D-Jugend zurückgehen, da habe ich mit 12 Jahren noch Stürmer gespielt. Dann ging es aufs Großfeld und jemand kam auf die Idee, mich im zentralen Mittelfeld spielen zu lassen. Später bin ich dann noch etwas größer und breiter geworden, dazu hatte ich dann nicht mehr so viel Lust zu Laufen (lächelt), woraufhin man mich dann noch etwas weiter nach hinten gestellt hat. Das hat dann gut gepasst und jetzt bin ich ja noch ein bisschen größer geworden, von daher passe ich glaube ich schon ganz gut dahinten rein.

PK: Du hast ein halbes Jahr in England bei Norwich City gespielt. Was hast du aus dieser Zeit mitnehmen können?

MF: Das war einfach eine Erfahrung, die ich dort gesammelt habe, auch wenn es nur ein halbes Jahr war. Natürlich kann man sich auch hinstellen und sagen, der Franke ist dort gescheitert. Da würde ich auch niemandem widersprechen. Wenn man einen Dreijahresvertrag unterschreibt und dann nur sieben Spiele macht, hat es sportlich sicher nicht so gepasst. Trotzdem habe ich viele neue Leute und eine neue Situation kennengelernt. Die vier Jahre davor habe ich fast jedes Spiel gemacht und war immer Stammspieler, aber das ist eine Erfahrung, die glaube ich jeder Fußballer mal machen muss. In dem Zeitraum musste ich mich hinten anstellen, im Training Gas geben und hoffen, dass meine Chance kommt, die dann leider nicht kam. Dennoch ist es natürlich eine neue Kultur, ich habe mich sprachlich weiterentwickelt, neue Städte und neue Stadien gesehen. Diese englische Art, die Zuschauer, das ist schon eine besondere Erfahrung, die mir keiner mehr nehmen kann, auch wenn es sportlich eben nicht gut lief.

PK: In Norwich hast du mit Ex-Lilie Mario Vrancic zusammengespielt. Hast du dich vor deinem Wechsel nach Darmstadt mit ihm über den Klub unterhalten?

MF: Ich habe glaube ich noch zwei Tage in Norwich trainiert, da habe ich dann kurz ihm gesprochen. Ich war in den Verhandlungen mit Darmstadt schon auf der Zielgeraden und habe mir dann noch seine Meinung angehört. Ich glaube, er hätte mich zu dem Zeitpunkt nicht mehr umstimmen können (lächelt), aber er hat nur Positives berichtet, hatte auch eine gute Zeit hier, die er dann als Sprungbrett nach England genutzt hat. Er hat mich also nochmal in meiner Meinung bekräftigt.

PK: Was ist im englischen Fußball anders als im deutschen?

MF: Es geht körperlich schon nochmal anders zur Sache. Taktisch sind wir hier besser geschult, die Mannschaften hier wollen größtenteils Fußball spielen. In England gibt es 3-4 Teams, die einen flachen Spielaufbau bevorzugen, der Rest spielt eben diese klassischen langen Bälle und versucht, sich mit der Körperlichkeit durchzutanken. Es gab dann auch einige Szenen, wo es in Deutschland sicher eine Rote Karte gegeben hätte, in England das Spiel aber laufen gelassen wurde. Im Kraftraum war es auch ganz lustig, als Spieler die 30cm kleiner sind als ich die gleichen Gewichte gestemmt haben. Da denkt man sich dann, ich mache irgendwas falsch (lacht). Die kriegen das eben von klein auf mitgegeben und werden sozusagen im Kraftraum groß. Im Zweikampf ist die Größe komplett egal, da knallen sich alle voll rein. Das Fußballerische bleibt da dann etwas auf der Strecke. Es gibt immer ein paar Außnahmespieler, wie in meinem Fall bei Norwich zum Beispiel James Maddison, der jetzt bei Leicester und für die englische Nationalmannschaft spielt. Aber fußballerisch würde ich sagen, sind wir in der zweiten Liga hier ein Stückchen weiter.

PK: Du hast für einen Innenverteidiger mit der 28 eine recht ungewöhnliche Rückennummer. Was steckt dahinter?

MF: Die 28 war meine erste Profinummer. Von daher habe ich immer geguckt, dass ich mit der 28 meinen Weg weitergehe. Bis jetzt hat es immer gepasst, aber ansonsten steckt da nichts dahinter.

PK: Zum Sportlichen: Die Mannschaft ist gut in die Saison gestartet, stand besonders defensiv sehr stabil. Was ist dann passiert?

MF: Wir haben zu einfache Gegentore bekommen. Es ging so ein bisschen mit Sandhausen los, wie leicht wir da das Gegentor kassiert haben, auch wenn das am Ende noch 1:1 ausgegangen ist. In Dresden war natürlich etwas Pech dabei mit den zwei abgefälschten Treffern, da kannst du dann auswärts auch mal vier Gegentore bekommen. Der Knackpunkt war dann ganz klar das Spiel gegen Bielefeld, wo wir 1:0 führen und in der zweiten Halbzeit eigentlich viel richtig machen, und dann zwei Tore in der Nachspielzeit kassieren. Das hat uns vielleicht auch ein bisschen am Selbstvertrauen gekratzt für die nächsten Partien. In Kiel war dann gefühlt jeder Schuss ein Treffer, da haben wir es dem Gegner aber auch zu leicht gemacht und uns etwas dämlich angestellt. Das haben wir in den ersten Spielen nicht gemacht, da haben wir es hundertprozentig verteidigt. Wenn du das nicht machst, können die Spiele auch schnell mal anders laufen. Das haben wir natürlich zuletzt brutal zu spüren bekommen. In Regensburg lief es schon deutlich besser, da haben wir es in der ersten Halbzeit sehr gut gemacht. Wir müssen vielleicht dann auch mal das zweite Tor nachlegen.

PK: Wie siehst du deine Rolle in der Mannschaft? Würdest du dich trotz der kurzen Zeit im Verein bereits als Führungsspieler bezeichnen?

MF: Solche Einschätzungen sind immer schwierig, das sollen lieber andere machen. Ich habe bisher jedes Spiel gemacht, versuche den Mund aufzumachen im Spiel und im Training und da so ein bisschen reinzuwachsen. Ich bin erst drei Monate hier, habe aber auch schon ein paar Spiele gemacht in der zweiten Liga und versuche schon, vorneweg zu gehen. Ob ich damit jetzt ein Führungsspieler bin, sollen andere bewerten.

PK: Du bist ausgeliehen, die Lilien besitzen eine Kaufoption. Gibt es schon einen Plan über den Sommer hinaus?

MF: Die Lilien besitzen eine Kaufoption. Diese Option kann der Verein ziehen, wenn meine Leistungen stimmen. Wenn ich die Leistung bringe, gehe ich davon aus, dass ich über den Sommer hinaus hierbleiben werde. Aber erstmal muss ich meinen Beitrag auf dem Platz leisten.

PK: Vielen Dank für das Gespräch.