Inspiration

„Keine Angst vor der Zukunft“

Mit der Bildung der Erwachsenen nie aufhören!

Kaum zu glauben: Unser Kolumnist Walter Schwebel wird achtzig.

Walter Schwebel – der Junggebliebene, der Mutmacher. Einer, der nie aufgibt, der immer weiter läuft.
Schon 1965, als er Zweiter bei den süddeutschen Meisterschaften im 1.500 Meter-
Lauf wurde. Oder bei den Marathonläufen in den Siebzigern.

Er hat geholfen, die „Bildungsreserve“ aus der Vergessenheit zu heben. Er weiß:  „Unsere Gesellschaft könnte einiges mehr leisten.“ Und wiederum darum hat er  immer hohe Ansprüche an sich selbst gehabt. Vielleicht hat er aus einer „schlummernden Unsicherheit“ Kraft gewonnen, um so vieles zu bewegen.

Chefredakteur Pippo Russo sprach mit Walter Schwebel, der am 7.3. den runden Geburtstag feiert.

Als Kind des Krieges gelernt, nie den Mut zu verlieren

Wenn er eins gelernt hat in all den Jahren, dann ist es mit Mut und Kraft, Dinge durchzustehen.  Bei der Post, Anfang der 50er nach der Ausbildung, wurde er trotz des abwechslungsreichen „Springereinsatzes“ als Postbote bald unzufrieden. Sein Weg: Beirat für Mobilität, Gewerkschaftssprecher, Funkkolleg und dann Gasthörer an der Uni in Frankfurt. „Überhaupt Frankfurt!“ Die weltoffene Metropole, und dann auch die frühen Leichtathletikwettkämpfe. Da hat man bald eine neue Zeit, einen neuen Wind gespürt. Man konnte der kleinkarierten Enge der Fünfziger Jahre entkommen.

„Ich habe viel trainiert. Irgendwie konn-te ich damit meiner „schlummernden Unsicherheit“ weglaufen. Ich kam ja aus einfachsten Verhältnissen, hatte nur den Hauptschulabschluss.“

Studium, VHS, Lauftreff und Hildegard

Dann mit Mitte dreißig das berufsbegleitende Studium. „Ohne meine Lebenspartnerin
Hildegard hätte ich das nie machen können. Wir sind seit 55 Jahren zusammen. Sie ist eine starke Frau. Noch heute geht sie jeden Tag golfen. Toll!“

Und dann kam er zur Volkshochschule. Erst als Beirat und irgendwann fragte die damalige Chefin Dr. Ingeborg Horn-Staiger, ob er die gerade frei werdende Stelle übernehmen wolle. „Ich wollte! Erwachsenenbildung ist großartig. In diesem Alter weiß der Kursteilnehmer, warum er das macht. Die VHS bot und bietet eine große Bandbreite für Wissbegierige.“

Der Rest ist Geschichte. Er hat mit allen Kräften versucht die „schlummernde Bildungsreserve“ zu heben. Menschen dazu animiert, mehr aus ihrem Leben zu machen, sich weiter zu bilden. Den Blick zu öffnen: „Wer neugierig wird, dessen Leben wird reicher!“ In den Siebzigern war er einer, der den Lauftreff mit „erfunden“ hat. Die erste Gruppe, die er samstags auf der Lichtwiese anführte wurde spöttisch beäugt. Mittlerweile laufen hunderte Darmstädter alleine oder in Gruppen täglich kreuz und quer im Wald zwischen Darmstadt, Roßdorf und Eberstadt. Laufen, schwitzen und sind meist glücklich dabei. Es sind täglich tausende von Waldweg-Kilometern. „Das ist auch   Erwachsenenbildung. Menschen nach der Schulzeit zu etwas Sport zu animieren, der ihnen natürlich gut tut.“

Fünfzehn Jahre aktiver Unruheständler – auf die nächsten fünfzehn!

Vor fünfzehn Jahren ging Walter Schwebel als langjähriger Leiter der Volkshochschule Darmstadt in Pension. Weil er dachte jetzt mehr Zeit zu haben, konnte ich ihn überreden, eine monatliche Kolumne im VORHANG AUF zu schreiben. Das hat er gemacht und wird es hoffentlich noch weitere 15 Jahre machen.

Nur, das mit der Mehr-Zeit war ein kleiner Trugschluss. Er läuft weiterhin. Er fährt alle Strecken in Darmstadt mit dem Fahrrad. Er schreibt, ist engagiert bei der Akademie 55plus und verbringt mehr Zeit im Literaturhaus als beim Laufen. Manchmal schafft er es, mit seiner Frau Hildegard Golf zu spielen.

Und er ist hellwach und hat uns viel zu sagen: „Unsere Gesellschaft könnte einiges mehr leisten. Wir können mehr von uns verlangen. Wir müssen bereit sein, zu teilen und uns ehrenamtlich (noch) mehr engagieren. Wir sind eine Kulturnation und haben es immer geschafft, andere zu integrieren. Daran sollten wir immer denken. Ich habe den Krieg noch erlebt und bin daher tiefgründiger Pazifist. Ich weiß, dass es nur miteinander geht.

Und: Keine Angst vor der Zukunft haben. Angst lähmt. Wenn wir der Angst nachgegeben hätten, wir hätten nie Laufen und Schwimmen gelernt. Ja, wir würden uns nicht aus dem Haus trauen. Also, Probleme mutig angehen und keine Angst vor der Zukunft!“