Inspiration

„Ich mag Lokale, die authentisch sind!“

Foto: André Hirtz

Der neue Chefredakteur des Darmstädter Echo Lars-Oliver Hennemann über seine Vorlieben, über Darmstadt und die Darmstädter, über die Neuausrichtung des Echo, über den Journalismus und die Digitalisierung.
Das interessante Gespräch über Berufliches und Privates führte Giuseppe Pippo Russo.

VORHANG AUF: Warum sind Sie Journalist geworden?

Lars-Oliver Hennemann: Ganz klar Neugierde. Ich möchte hinter die Dinge schauen. Aber mir ist ebenso wichtig: Ich bin Journalist und kein Erzieher. Ich möchte Leute dazu bringen, sich ihre eigene Meinung zu bilden und ihnen nicht meine Meinung aufzwingen.

Wenn Leser durch unsere Berichterstattung anfangen, sich Gedanken zu machen und sich eine eigene Meinung bilden, dann haben wir alles richtig gemacht. Dahin geht meine Motivation

VA: Betreiben Sie Sport?

Lars-Oliver Hennemann im Skiurlaub in Warth.

LOH: Fußball, aber nur noch sehr sporadisch. Und Skifahren, das intensiv. Passiv bin ich Fan von Borussia Mönchengladbach – das habe ich Rüdiger Fritsch (Präsident des SV 98, Anm. der Red.) gleich gesagt – und natürlich von den Lilien.

VA: Welche sind Ihre musikalischen Vorlieben?

LOH: Ich bin hemmungslos eklektizistisch – Pop in allen Ausprägungen. Pop, Rock, Punk, auch Rap, gerade so nach Stimmungslage.

VA: Und Ihr Lieblingsautor?

LOH: Jonathan Franzen.

VA: Haben Sie einen Lieblingsfilm oder ein Lieblingsgenre?

LOH: Immer dann, wenn sich Amerika mit sich selbst beschäftigt: Zum Beispiel Sergio Leones „Es war einmal in Amerika“ oder Michael Ciminos „Deer Hunter“.

VA: Haben Sie einen persönlichen Helden, ein Vorbild. Gandhi, Mandela?

LOH: Es mag abgedroschen klingen, ist es für mich aber nicht: meinen Vater.

VA: Wenn Sie ausgehen, welches Lokal, welche Lokale mögen Sie?


LOH: Ich mag Lokale, die authentisch sind.


Das kann ein einfaches Wirtshaus oder ein anspruchsvolles Restaurant sein. Es muss nur passen. Ich war neulich bei Müller & Müller, da kam der Patron aus der Küche, um uns das Komplexe an einem scheinbar einfachen Risotto zu erklären. Das hat mir sehr gut gefallen.

VA: Wie empfinden Sie Darmstadt?

LOH: Darmstadt ist eine Stadt, die Dir nichts vormachen und die erschlossen sein will. Das beste ist wohl die Erkundung per Fahrrad. Da bemerkt man erst richtig die Schönheit. Sehr sympathisch. Oft gibt es Städte mit großer Kulisse und dann ist nichts dahinter. Das ist bei Darmstadt umgekehrt. Eine Stadt mit Sub­stanz und mit Geist. Das gefällt mir.

VA: Und die Stadtgesellschaft, die Menschen in Darmstadt?

LOH: Es sind ernsthafte Menschen, man kann Gespräche mit Tiefgang führen, und man betreibt nicht nur oberflächliche Kommunikation. Das ist sehr angenehm.

VA: Wie haben Sie das Echo vorgefunden?

LOH: Natürlich war es eine traurige Situation, die ich vorgefunden hatte. Eine Zeitung, die rund siebzig Jahre alt ist, die für die Stadt schon eine große Bedeutung hat. Und nun ist sie in Schwierigkeiten geraten. Deine Aufgabe ist es mit etwa 80 anderen, die noch dabei sind, dafür zu sorgen, dass das Ganze wieder auf ein besseres Gleis kommt. Die Leute waren sehr verunsichert, auf Grund der Dinge, die wir hinter uns bringen mussten. Sanierung, Schwund. Es waren teilweise sehr traurige Tage, wenn mal wieder jemand vorzeitig in den Ruhestand gehen musste.

Lars-Oliver Hennemann 1991 in Siegen. Fotos: privat

Gleichzeitig wussten die Mitarbeiter nicht, was haben denn die Mainzer, was hat die Verlagsgruppe Rhein Main vor? Wie gehen die mit uns um? Was haben die für einen Plan? Da musste sich alles erst einmal einruckeln. Es ging aber dann sehr schnell. Der Vorteil ist, wenn Du wirklich tief in der Krise steckst, und das Echo hat ganz tief in der Krise gesteckt, dann hast Du auch nicht die Zeit, über alles erst einmal eine Grundsatzdebatte zu führen. Man kommt sehr schnell vorwärts. Da sind die Leute gefragt, sich selbst zurück zu nehmen, sich selbst zu korrigieren. Es wurde jeden Tag besser, war aber trotzdem eine sehr schwere Arbeit.

VA: Das neu ausgerichtete Echo, wo liegen heute die Schwerpunkte?

LOH: Eindeutig im Lokalen. Ich musste auch erst lernen, dass viele Leser noch immer im Echo eine kleine FAZ sahen. Und diesen Lesern mussten wir erklären, dass mehr denn je das Regionale, das Lokale die Stärken des Echo sein müssen. Natürlich haben wir auch heute noch einen anständigen Mantel, mit allem, was dazu gehört. Aber die regionale Tageszeitung ist vor allem vor Ort stark, im Regionalen und im Lokalen.

VA: Bleibt das Echo eigenständig?

LOH: Es bleibt eigenständig. Es hat eine eigenständige Redaktion. Man braucht keine Angst zu haben, dass es eine Außenstelle von Mainz wird. Das würde ja auch der lokalen Strategie vollkommen widersprechen. Selbst wenn vorne mal groß mit Merkel, mit Brexit oder mit anderen Themen aufgemacht wird. Man kann auch solche Themen regionalisieren oder lokalisieren. Wenn man nur die simple Frage stellt: Was heißt das für die Menschen in Darmstadt? Es gibt bei der Verlagsgruppe eine Chefredaktion in Mainz, eine in Wiesbaden, eine in Gießen und eine in Darmstadt. Wir kennen uns seit langem und haben auch auf der menschlichen Ebene einen guten Draht zueinander. Da nimmt niemand dem anderen die Butter vom Brot. Unser Motto lautet „Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile“.

VA: Die Alterstruktur der Abonnenten hat sich ja im Laufe der Jahrzehnte geändert. Der Altersdurchschnitt ist stark gestiegen. Machen Sie etwas mit dem Echo für die Jüngeren und die Mittelalten.

Auf die gute Teamarbeit ist Lars-Oliver Hennemann zurecht stolz – wie zuletzt bei der Multimedia-Reportage zum Rückbau des Atomkraftwerks in Biblis, auf die es mittlerweile mehr als 60.000 Zugriffe gibt. Zu finden unter:
http://www.echo-online.de/lokales/bergstrasse/biblis/
der-rueckbau-des-akw-biblis-sonderbeilage-und-multimediale-reportage_17723666.htm

LOH: Ich glaube nicht an solche „Ghettoseiten“. Also nicht an Seiten und Bereiche in der Tageszeitung, die speziell auf eine Altersgruppe getrimmt sind. Etwa so: Hier sind wir jetzt jung und da mittelalt. Nein. Wir müssen die Leute mit Themen begeistern. Es muss so sein, dass die Leser sagen: Das hab´ ich im Echo gelesen. Ich kann mitreden, weil ich es im Echo gelesen habe. Und dann ist es letztendlich egal, ob das auf Papier ist oder auf dem Display. Wir sind ja keine Papierhändler, sondern wir sind Themenhändler, wir sind Nachrichtenhändler. Ob ePaper, ob Smartphone oder Homepage ist völlig egal. Hauptsache die Leute sagen, ich habe es verstanden, das gibt es in der Qualität nur im Echo. Die Leute müssen wissen, dass das Echo eine gute Quelle ist. Ins Internet kann jeder ganz einfach völligen Mist reinschreiben, das hat mit seriösem Journalismus aber sehr oft nichts zu tun.


Das goldene Kommunikationszeitalter hat eine Kehrseite, wir alle brüllen wild durcheinander, aber wir hören einander nicht zu.


Es gibt eine digitale Ungeduld: Wenn du nicht sofort lieferst, dann bist du raus, dann heißt es „den kannst du abhaken“. Also, auch als Gesellschaft müssen wir wieder mehr nachdenken, mehr zuhören.

VA: Welche Frage, welcher Themenkreis treibt Sie um?

LOH: Wie kann man seriösen digitalen Journalismus gut und fair finanzieren?

VA: Herr Hennemann, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Zur Person:

Lars-Oliver Hennemann

  • gebürtiger Westfale,
  • 48 Jahre, verheiratet, zwei Kinder,
  • nach dem Abitur Studium in Mainz,
  • danach zur Verlagsgruppe Rhein-Main,
  • volontiert, in verschiedenen Positionen dann Redaktionsleiter,
  • ab 2008 stellvertretender Chefredakteur des Wiesbadener Kurier,
  • 2011 stellvertretender Chefredakteur der Allgemeinen Zeitung in Mainz,
  • seit August 2015 Chefredakteur des Darmstädter Echos.

Das Echo

  • Tageszeitung mit fünf regionalen Ausgaben: Darmstädter Echo, Groß-Gerauer Echo, Odenwälder Echo, Starkenburger Echo und Ried Echo
  • Knapp 300.000 Leser machen von den politischen, wirtschaftlichen, lokalen, kulturellen und sportlichen Informationsangeboten Gebrauch, die Zeitungen erscheinen in einer Gesamtauflage von knapp 75.000 Exemplaren.
  • Regelmäßig in den Echo-Zeitungen erscheinen die Magazine: Sonntags-Echo, GesundLebenHeute, hupe, i2 – Das eigenen Heim, Odenwälder Kartoffelsupp‘, WirtschaftsEcho, Heimspiel zu den Lilien-Heimspielen
  • Zudem gibt es die Kinderzeitung Kruschel (mit einem eigenem Abo)
    Dazu erscheint die Wochenzeitung SüWo zur Wochenmitte in einer Auflage von rund 336.000 Exemplaren.