Inspiration

„Ich dachte, ein Kumpel will mich verarschen“

Liebe Lilienfans,
spätestens mit Einbruch des Dezembermonats beginnt die besinnliche Zeit des Jahres. Ähnlich wie im vergangenen Jahr lässt die Situation der Lilien aber aktuell wenig Raum für Besinnlichkeit. Mit dem feinen Unterschied, dass im zweiten Bundesligajahr bereits früh fest mit einem Abstieg gerechnet werden musste, er in dieser Spielzeit aber eher einem Super-GAU gleichkäme. Auch wenn die Lage prekär ist: Gerade in schweren Zeiten zu seinem Verein zu stehen, macht einen echten Fan aus. Die letzten Jahre, in denen es beinahe stetig bergauf ging, wirken im Nachhinein eher wie sorgenloser Urlaub oder ein scheinbar nie endender Traum. Jetzt ist auch in Darmstadt wieder Realität eingekehrt. Die Mannschaft muss die Fans nach der schwachen Phase im Herbst wieder ins Boot holen. Doch, und dafür steht der SV Darmstadt 98: Bei dem kleinsten Zeichen der Mannschaft, dass es in die richtige Richtung zu gehen scheint, stehen die Fans wieder voll hinter dem Team. Das ist die Basis, um im Abstiegskampf zu bestehen. Und gemeinsam wird das auch gelingen. Viel Spaß beim Lesen der aktuellen Ausgabe, frohe Festtage und einen guten Rutsch in das Jahr 2018. Eurer Phil

Marvin Mehlem ist bisher die positive Überraschung der Saison bei den Lilien. Der 20 Jahre alte Offensivmann stand in fast allen Partien in der Startelf und überzeugte mit seiner frechen Spielweise. Im Interview spricht der Shootingstar über Verzichte auf dem Weg zum Profi, eine Whatsapp-Nachricht im Urlaub und einiges mehr.

PK: Hallo Marvin. Du warst ja bis zum Sommer elf Jahre beim Karlsruher SC in deiner Heimat. Wie war es für dich, das erste Mal dort rauszukommen und wie waren die ersten Monate für dich hier in der neuen Umgebung?

MM: Es war ja ein Wunsch von mir, mal etwas Neues zu starten. Klar tut es ein bisschen weh, nach elf Jahren den Verein wo man herkommt zu verlassen. Aber es war mein Wunsch, ich habe mich hier super eingelebt, ich wurde perfekt aufgenommen. Es ist so, wie ich es mir vorgestellt habe.

PK: Was kam denn an Erfahrungen neu auf dich zu hier in Darmstadt?

MM: Es gehört ja dazu, mal was Neues zu machen. Es war ja mein erster Wechsel, ich wusste nicht, was auf mich zukommt. Aber ich wollte einfach mal die Entscheidung treffen und mal was anderes ausprobieren. Das war dann der ausschlaggebende Punkt nach elf Jahren, was schon echt lange ist, zu wechseln und etwas Neues anzufangen.

PK: Du bist schon recht früh im Alter von acht Jahren zum KSC gewechselt. Würdest du heutigen jungen Fußballern raten, schon so früh zu einem Profiklub zu wechseln oder kann man auch Profi werden, wenn man etwas länger in kleineren Heimatvereinen spielt?

MM: Ob D-Jugend oder B-Jugend ist eigentlich egal, man ist da noch so jung. Natürlich ist es etwas anderes im Dorfverein zu spielen als beim KSC zum Beispiel. Man sollte sich keinen Stress machen und sagen, ich muss jetzt mit neun oder zehn Jahren zum größten Verein in der Umgebung gehen. Wichtig ist, so mit 16 oder 17 den Sprung zu schaffen und da die Entwicklungsexplosion zu haben.

PK: Ab wann hast du erkannt, dass es eine Chance gibt, Profi zu werden?

MM: Mein U16 und U17-Trainer Tim Walter beim KSC hat mich in dem Alter klasse unterstützt und mir gesagt, du hast das Potenzial, Profi zu werden. Seitdem habe ich extra Gas gegeben, zudem hat er mich jeden Tag unterstützt und mir auf dem Weg zum Profi geholfen.

PK: Kann man als Jugendfußballer trotzdem ein normales Leben führen und auch mal freitagabends ausgehen oder muss man sich wirklich die ganze Zeit auf das große Ziel Profifußballer konzentrieren?

MM: Klar gehört es dazu, abends mal Essen zu gehen, ins Kino oder auch mal Feiern zu gehen, wenn es die Zeit zulässt. Wenn meine Freunde zum Beispiel einen Burger mit Pommes oder Nuggets essen konnten, musste ich aber natürlich etwas anderes essen. Das gehört dazu. Wer denkt, er kann ganz normal weiterleben wie andere Jugendliche, sollte sich vom Gedanken, Profifußballer zu werden verabschieden (lacht).

PK: Du bist ja ein technisch sehr versierter Spieler. Hast du früher viel auf dem Bolzplatz gekickt oder Extra-Schichten eingelegt oder ist das einfach das Talent, was dir mitgegeben wurde?

MM: Ich denke das Talent, was ich einfach bekommen habe vom lieben Gott. Jeden Tag auf dem Bolzplatz war ich nicht, nur ab und zu mit meinem besten Freund. Ich weiß auch nicht, woher die Technik kommt. Mit meinem Bruder war ich ab und zu auf dem Sportplatz, als mein Papa als Schiri gepfiffen hat. Besonders viel war ich da aber nicht unterwegs.

PK: An was musst du denn deiner Meinung nach fußballerisch arbeiten, um noch einen Schritt weiter nach vorne zu machen?

MM: An meiner Robustheit auf jeden Fall. Das weiß ich selbst, dass ich da noch ein bisschen zulegen muss. Außerdem im Zweikampf und in der Defensivarbeit, ich bin eben eher ein offensiv versierter Spieler.

PK: Hättest du erwartet, dass du hier so schnell so viel Spielzeit bekommst und direkt so eine wichtige Rolle einnimmst, als du hier im Sommer den Vertrag unterschrieben hast?

MM: Nein, ich sage es immer wieder: Ich wollte anfangs ein paar Minuten sammeln, zur Mannschaft dazugehören und im Kader stehen. Aber dass ich dann so viel spielen darf, das hätte ich nie gedacht. Ich habe immer Gas gegeben in der Vorbereitung, dann habe ich die Chance gekriegt und die denke ich ganz gut genutzt.

PK: Wie kam damals der Kontakt zu Torsten Frings zu Stande vor dem Wechsel?

MM: Mein Berater hat mit ihm viel gesprochen, ich wusste davon nichts. Ich war dann auf dem Weg in den Urlaub nach Amerika und habe eine Whatsapp bekommen ob wir kurz telefonieren könnten – „Gruß Torsten Frings“. Da war ich natürlich ein bisschen geschockt. Ich dachte erst einer meiner Kumpels will mich verarschen (lacht). Dann habe ich mal zurückgeschrieben und mein Papa hat mir gesagt, dass das wirklich Torsten Frings von Darmstadt ist. So kam es dann zustande. Als ich wieder hier war, haben wir uns mal getroffen, uns zusammengesetzt und dann ging das alles ziemlich schnell.

PK: War dir dann also recht schnell klar, dass du die Chance wahrnehmen willst oder ist es dir doch schwergefallen, deinen Heimatverein nach so langer Zeit zu verlassen?

MM: Die Entscheidung war eigentlich klar. Ich habe schon überlegt zu wechseln, dann kam die Sache mit Darmstadt und dann musste ich nicht mehr lange überlegen, bis ich hier unterschrieben habe.

PK: Du spielst hier ja mit einigen großen Namen wie Großkreutz oder Altintop zusammen. Wie groß war die Aufregung bei der ersten Begegnung und was können solche erfahrenen Spieler an dich weitergeben?

MM: Die Nervosität war groß, anfangs hat man sich noch nicht so viel getraut, mit ihnen zu sprechen oder Kontakt aufzunehmen. Kevin kam aber gleich auf mich zu und hat gesagt, wenn etwas ist und ich irgendwas brauche, kann er helfen. Mit Hamit rede ich auch viel. Sie versuchen dir jeden Tag im Training und Spiel Tipps zu geben. Die versuche ich dann natürlich am Wochenende umzusetzen, damit es hoffentlich drei Punkte gibt.

PK: Was machst du in deiner Freizeit, wenn mal kein Training ansteht?

MM: Ich fahre oft nach Hause zu, zum Beispiel wenn ich vormittags Training habe und am nächsten Tag erst nachmittags. Ich treffe mich dort mit meiner Familie und meinen Freunden. Wenn nicht bleibe ich hier…und langweile mich (lacht).

PK: Merkst du, wenn du in der Innenstadt unterwegs bist, dass du bekannter geworden bist und öfter Fotos machen musst in den letzten Monaten?

MM: Ich bin nicht oft in der Stadt hier unterwegs, insgesamt merke ich das nicht so. Mir schreiben vielleicht mehr Leute auf Instagram oder auf sozialen Netzwerken. Ich muss mehr Bilder machen vor und nach dem Spiel und mehr Interviews geben (grinst), das ist anders als beim KSC.

PK: Du hast viele U-Nationalmannschaften durchlaufen. Die U21 zum Beispiel vollzieht nach dem EM-Titel gerade einen Umbruch und setzt auf viele junge Spieler. Rechnest du dir da Chancen auf eine Nominierung aus, wenn du weiter konstant Spielzeit bekommst?

MM: Ich würde mich freuen, wenn sie mich wieder einladen würden. Ich versuche jedes Wochenende Gas zu geben, damit ich auf mich aufmerksam mache. Wenn dann die Einladung kommt, freue ich mich. Jetzt in der Länderspielpause war ich bei der U-20 schon auf Abruf dabei, hat mich natürlich auch gefreut. Das ist natürlich auch bereits eine Anerkennung für die Leistungen.

PK: Hast du noch persönliche Ziele für den Rest der Saison?

MM: Ein bestimmtes Ziel nicht. Ich kann nicht sagen, ich will so oder so viele Tore machen. Aber ich will natürlich so oft wie möglich spielen, mich weiterentwickeln und der Mannschaft helfen.

PK: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für die nächsten Wochen.