Inspiration

Gekommen, um zu bleiben

Fotos: Herbert Krämer | kraemerfoto.de

Nach einem Jahr in Nürnberg kehrte Aufstiegsheld Tobias Kempe diesen Sommer zurück zu den Lilien. Im Interview spricht der Mittelfeldspieler über seine besondere Beziehung zu Darmstadt 98, das neue Leben als Vater und vieles mehr.

Phil Klüh: Du bist jetzt ja schon wieder einige Wochen in Darmstadt. Wie hast du dich eingelebt? Wie sind die ersten Eindrücke?

Tobi Kempe: Ich kenne das Umfeld und die Umgebung natürlich schon und hatte ja auch eine schöne Zeit hier. Von daher hatte ich keine Schwierigkeiten mich hier wieder einzufinden. Auch in der Mannschaft bin ich von den neuen Spielern super aufgenommen worden, es sind super Charaktere in der Mannschaft.

Phil: Hast du an Darmstadt im letzten Jahr etwas Spezielles vermisst?

Tobi: Ja, vieles. Die Umgebung an sich, wir haben uns als Familie hier sehr wohlgefühlt. Und vom Verein her hat mir natürlich auch einiges gefehlt. Ob der Betreuerstab oder die Geschäftsstelle, alle Mitarbeiter, der Präsident. Wir haben alle ein super Verhältnis und das hat schon ein bisschen gefehlt.

Phil: Wie kam die Rückkehr zu den Lilien genau zustande? Ging der Kontakt eher von dir oder vom Verein aus?

Tobi: Der Kontakt zum Verein ist generell nie abgebrochen. Speziell mit Michael Stegmayer habe ich häufig geschrieben. Er hat mich dann gefragt, ob Torsten mich mal anrufen kann und dann waren wir regelmäßig in Kontakt. Das war alles schon  bevor die letzte Saison zu Ende war. Wir haben einfach ein bisschen gesprochen und wussten alle, dass ich einen Dreijahresvertrag in Nürnberg habe und dass das nicht so einfach werden würde. Torsten hat mich dann gefragt, ob ich überhaupt Bock auf einen Wechsel hätte und ich war begeistert. Du denkst natürlich, wenn du woanders einen langen Vertrag unterschreibst, dass du mit anderen Sachen erstmal nichts zu tun hast. Es hat aber einfach perfekt gepasst, weil ich mich auch nicht so wohlgefühlt habe in Nürnberg.

Phil: Wieso hast du dich denn letzten Sommer gegen ein zweites Bundesligajahr mit Darmstadt entschieden?

Tobi: Das ist natürlich immer schwierig. Letztendlich hat mir das Jahr viel gebracht weil ich genau weiß, dass ich nicht hätte gehen dürfen. Als Fußballer muss man manchmal Entscheidungen treffen, ob man etwas Neues und eine neue Atmosphäre haben möchte. Das war damals der Fall. Das Jahr war extrem erkenntnisreich für mich. Umso schöner ist jetzt auch das Gefühl, wieder hier zu sein.

Phil: Was unterscheidet denn Darmstadt von deinen bisherigen Vereinen? Was macht Darmstadt so Besonders für dich?

Tobi: Es ist der Verein, bei dem ich mich bisher am wohlsten gefühlt habe  und mit dem ich auch am meisten erreicht habe. Es ist unglaublich, vor diesen Fans zu spielen, es macht einfach Spaß. Wie dankbar die Fans sind, trotz des Abstiegs in die Zweite Liga. Das schätzt man als Spieler natürlich extrem. Das große Ganze macht es einfach aus hier.

Phil: Mit welchen Teamkollegen machst du auch mal in der Freizeit etwas?

Tobi: Mit vielen. Mit Kevin zum Beispiel, wir haben uns schon in der Junioren-Nationalmannschaft mal kennen gelernt und er hat auch eine kleine Familie. Ansonsten mit Ferro, Artur, Sandro, Fabi, die kenne ich alle von früher. Mit Yannick mache ich auch sehr viel. Es sind viele, die auch kleine Kinder haben. Terrence war zum Beispiel letztens mit seiner Tochter bei uns Zuhause. Mit allen könnte ich mir vorstellen, die Freizeit zu verbringen, weil alle einen coolen Charakter haben.

Phil: Du hast ja gerade deine Tochter angesprochen, die letzten Oktober auf die Welt gekommen ist. Was hat sich denn seitdem in deinem Leben verändert?

Tobi: Eigentlich alles. Es dreht sich alles nur noch um die Kleine. Die Mutter hat einen 24-Stunden-Job, ich habe natürlich noch den Fußball. Es ist eine schöne Bereicherung in meinem Leben. Ich genieße jeden Tag mit ihr, sie aufwachsen zu sehen. Klar ist es anstrengend manchmal, aber sie gibt dir unheimlich viel zurück.

Phil: Hat sich für dich als Fußballer auch etwas geändert? Ist der Fußball vielleicht nicht mehr ganz so wichtig wie vorher?

Tobi: Na klar, wichtig ist der Fußball für mich nach wie vor. Aber es gibt dir natürlich ein schönes Gefühl Zuhause, wenn du deine Kleine siehst. Da denkt man nicht mehr drüber nach, ob man ein schlechtes Spiel oder einen Fehlpass gemacht hat. Man vergisst da einfach alles andere. Das ist eine super Ablenkung, deswegen bin ich vom Kopf her auch  entspannter geworden.

Phil: Du stammst aus einer echten Fußballerfamilie: Dein Vater war viele Jahre Bundesliga-Profi, dein älterer Bruder ist Profi. Gab es für dich überhaupt eine andere Möglichkeit, als Fußballer zu werden?

Tobi: Mein Vater hat es uns vorgelebt. Zwischen 15 und 16 hatte ich so eine Phase, wo ich eigentlich keine Lust mehr auf Fußball hatte, weil das in Gladbach nicht so geklappt hat. Da hab ich zu meinem Vater gesagt, ich mache was anderes. Er hat mich natürlich gepusht, weiterzumachen. Daraufhin habe ich mich dann doch entschlossen, weiterzumachen und nach Bremen aufs Internat zu gehen. Von da an war dann eigentlich klar, wohin der Weg gehen soll. Im Nachhinein bin ich meinem Vater dankbar, auch wenn ich damals etwas sauer auf ihn war (lacht).

Phil: Zum Sportlichen: Ihr werdet aufgrund einiger prominenter Neuzugänge diese Saison als Mitfavorit auf den Aufstieg gehandelt. Seht ihr euch selbst auch in dieser Rolle?

Tobi: Sicher haben wir gute Spieler dazubekommen. Andere Teams aber auch. Hinter einigen unserer Spieler steht eine große Vita, du musst aber alles rausholen aus der Mannschaft. Wir haben ein gutes Team und ich bin davon überzeugt, dass wir eine gute Rolle spielen werden. Mit der Mannschaft kannst du viel erreichen, aber du musst in der Zweiten Liga immer volle Kanne gehen, über die hundert Prozent hinaus. Wenn du das nicht schaffst, kannst du mit noch so großen Namen aufdribbeln.

Phil: Du bist jetzt 28 Jahre alt, hast viele Stationen hinter dir. Hast du noch spezielle Ziele für deine Karriere, zum Beispiel ein Engagement im Ausland?

Tobi: Nicht direkt, das lasse ich auf mich zukommen. Ich bin erstmal hier jetzt.

Phil: Du hast zwar sicher noch ein paar Profijahre vor dir, aber könntest du dir vorstellen, deine Karriere hier in Darmstadt zu beenden?

Tobi: Ja, das kann ich mir auf jeden Fall vorstellen.

Phil: Vielen Dank für das Gespräch.