Inspiration

Emotionale Randale im Reihenhaus

Lest mehr Bücher!
Gehalt- und anspruchsvolle Bücher können verdammt unterhaltsam sein, das beweisen zwei neue Romane. Sie verbindet nicht nur die Tatsache, dass beide Autoren den gleichen, nur anders geschriebenen Nachnamen tragen, sondern auch, dass sie zeigen, was tolle Literatur kann: Sie lässt uns in das Leben der anderen schlüpfen. Meier mit ei nimmt uns mit ins Reihenhaus und in zeitgenössisches Beziehungschaos, Mayer mit ay katapultiert uns zurück ins Studentenleben der Neunzigerjahre. Das ist vorzüglicher Lesestoff!

Ein verliebtes Paar, ein fesches Haus, ein klarer Plan – was nach gutem Lebensentwurf aussieht, wird zur Heimsuchung: Simone Meier erzählt von einem jungen Paar, das sich in vorörtlicher Spießeratmosphäre in Geschlechterrollen verfängt. Das hat einen herrlich scharfen Unterton, weil die schweizerische Autorin ordentlich Genderpfeffer beimengt.

Gerda und Yann, beide Mitte 30, sind ein modernes Paar: offen, gebildet, sozial verträglich. Gerade haben sie am Stadtrand ein Reihenhaus bezogen, das sie sich nun adrett herrichten. Yann ist Mitarbeiter an einem Institut für Zukunftsfragen, Gerda arbeitete als Grafikdesignerin, bis sie unlängst gekündigt wurde. Er verdient nun das Geld, sie macht das Nest. Für beide ist diese Rollenverteilung kein Problem, scheinbar. Gerda nutzt die Anstellungslosigkeit, die sie anderen als kreative Auszeit verkauft, um Möbel zu schieben, Wände zu bemalen und Beete zu bepflanzen. Yann versucht sich daran zu erfreuen, nach getaner Arbeit ins traute Heim zurückzukehren. Ein fairer Deal, könnte man meinen: Yann versorgt Gerda, sie entschädigt ihn mit einem schönen Zuhause und sexueller Gratifikation. Aber Yann und Gerda verfangen sich in Möchtegern und Gehtdochso und ahnen, dass ihr konventionelles Arrangement nicht funktioniert. Anstatt sich einen Job zu suchen, pinselt und dekoriert Gerda wahnhaft und steigert sich in eine imaginäre Affäre mit Yanns Kollegen hinein. Yann wiederum merkt, dass er in seiner Ernährerrolle an unüberwindbare Grenzen kommt. Meier erzählt lakonisch und doch spitzzüngig von Geschlechterrollen, Macht, Gleichstellung und Liebe – und das so faszinierend desillusionierend, dass es sehr zum Nachdenken anregt.

Simone Meier | Kuss | Kein & Aber| 22 Euro