Inspiration

Ein Se(e)liger in Darmstadt

Man könnte mit seinem Namen spielen: Wolfgang Seeliger –  ein Seliger in Darmstadt? Immerhin ist er einer der national und international gefragtesten und vielseitigsten Dirigenten im Chor- und Orchesterbereich. Und doch arbeitet er dankenswerterweise in Darmstadt nach seiner Zeit (1975-77) am Staatstheater seit vielen Jahren ehrenamtlich. Er hat den Konzertchor vor vierzig Jahren aufgebaut, die Residenzfestspiele vor beinahe zwanzig geschaffen.
Und doch, seliger ist er hier immer noch nicht geworden. Woran das liegt und vor allem, was ihm eben auf der Seele liegt, darüber sprach der Maestro mit Giuseppe Pippo Russo und Helmut Assies von VORHANG AUF.

VORHANG AUF: Herr Seeliger, wie kam es zum Konzertchor Darmstadt, der jetzt 40 Jahre geworden ist?

Wolfgang Seeliger: Nach meinem Studium am Mozarteum in Salzburg und meiner Zeit als Assistent von Herbert von Karajan in Salzburg – ich war damals als Universitätsmusikdirektor schon ein Umtriebiger, hatte ständig neue Ideen und habe die auch umgesetzt – wurde ich 1975 zweiter Kapellmeister und Chordirektor am Staatstheater Darmstadt. Zwei Jahre später, mit Beginn meiner neuen Dirigentenstelle in Enschede, Holland, wuchs bei vielen der begeisterten Amateursänger aus dem Extrachor, den ich am Staatstheater neu aufgebaut hatte, der Wunsch, auch auf Entfernung weiter mit mir zusammenzuarbeiten. Damals war der kunstbeflissene Oberbügermeister Heinz Winfried Sabais so eine Art „Hebamme“ des Chores. Auf meine Frage, ob es Sinn mache den KD in Darmstadt zu etablieren, antwortete er: „Es ist ganz wichtig, dass Sie weitermachen. Sie haben als Zugereister in der kurzen Zeit Ihres Wirkens sehr viele alte Krusten aufgerissen und neue Alternativen aufgezeigt. Das war übrigens das erste und einzige Mal, dass jemand seitens der Bürokratie gefragt hat: „Was können wir für Sie, für den Konzertchor, tun?“.  Meist heißt es ja: „Oh Gott, jetzt hat der schon wieder eine Idee und braucht Geld!

VA: Und in den weiteren Jahren?

W.S.: Das Verblüffende war, dass der neue Chor sich durch die Eigeninitiative der Sängerinnen und Sänger positiv entwickelte, obwohl ich für ein Konzert nur das Probenwochenende 2-3 Wochen vor dem Konzert und die Schlussproben, einschließlich Konzert übernehmen konnte.

VA: Und wie ging es weiter?

W.S.: Von meinem Leben außerhalb meines Engagements für den Konzertchor Darmstadt und die Residenzfestspiele ist bis dato in Darmstadt nicht viel wahrgenommen worden. So habe ich meine Karriere als Dirigent in verschiedenen Ländern stetig weiterverfolgt. Ich habe mit mehreren berühmten Dirigenten und Komponisten wie Sir Colin Davis, Christof Penderecki und Kurt Masur sowie den meisten deutschen Rundfunkchören zusammengearbeitet und war von 1984 bis zu seinem Tod 1990 musikalischer Assistent bei Leonard Bernstein. Der Konzertchor Darmstadt gedieh parallel dazu trotzdem prächtig. Wir waren etwa in Wien, Berlin, Frankfurt, Innsbruck, sowie in Japan, Nord- und Süd-Korea, Indonesien und haben nationale und internationale Tourneen gemacht. Wir sind das einzige musikalische Ensemble in Darmstadt, dass weltweit unterwegs ist.
Und gleichzeitig eines der wenigen, das bei öffentlichen Anlässen wie Jubiläen, Beerdigungen oder Geburtstagen auftritt – meist kostenlos – und damit seine Verbundenheit zur Heimatstadt bezeugt.

VA: Wann sind Sie ganz nach Darmstadt gezogen?

W.S.: Erst vor etwa zwölf Jahren. Vorher habe ich die Arbeit mehr oder weniger immer von unterwegs, sprich von den Orten, in denen ich engagiert war, gemacht und die Leitung mit Abstechern nach Darmstadt übernommen. Als ich die Dozentenstelle für Dirigieren an der Musikhochschule Mannheim übernahm, war alles durch die räumliche Nähe etwas einfacher.

VA: Sie sind ja immer mehr mit Verwaltungsarbeit beschäftigt?

W.S.: Als künstlerischer Leiter muss ich zu viele Verwaltungs- und Organisationsaufgaben übernehmen. Die finanzielle Unterstützung der Stadt reicht nicht, um die Mieten, die Organisation der Konzerte, die Verwaltung, etc. abzudecken. Die Mittel, die ich für den Konzertchor und die Residenzfestspiele einwerben kann, fließen bedauerlicherweise nicht in den künstlerischen Bereich, sondern in den organisatorischen. Wünschenswert wäre es genau andersherum, dass die organisatorische Seite finanziell gesichert wäre, und die eingeworbenen Mittel in die künstlerische Entwicklung fließen könnten.

VA: Hat sich unter OB Partsch was geändert?

W.S.: Ja, er interessiert sich deutlich mehr. Er hat uns auch damals schon 2001 bei unserem Woog-Konzert geholfen und zur Seite gestanden. Wir reden miteinander, und das funktioniert gut. Aber es ist schade, dass wir als freies Ensemble keine größere Lobby in der Lokalpolitik haben.

VA: Und wie sind die Darmstädter?

W.S.: Ich habe viele gute Freunde und Unterstützer hier in Darmstadt gewonnen. Trotzdem kann ich manches nicht verstehen. Warum wird z.B. mitten im Herzen von Darmstadt das alte Theater zu einem Archiv umgebaut, anstatt zu einem Saal, in dem u.a. auch Konzerte stattfinden könnten?

VA: Wie steht´s um den Sängernachwuchs?

W.S.: Die Chorszene hat sich seit den vergangenen 25 Jahren in Deutschland sehr verändert. Ich kann das gut bewerten, da ich Vorstandsmitglied in verschiedenen Verbänden bin, wie Bundesvereinigung Deutscher Chorverbände, Verbund deutscher Konzertchöre, Arbeitskreis Musik in der Jugend, aber auch Aufgaben im Deutschen Musikrat übernommen habe. Die Zeit der groß besetzten Chöre ist vorbei. Der allgemeine Trend, sich nicht auf etwas festlegen zu wollen, ist auch bei den Chören zu spüren. Heute werden kleine Chorformationen gegründet, die individuelle Ziele besser umsetzen können. Doch ich bin Optimist. Es werden wieder Generationen kommen, die das Singen als selbstverständlichen Ausdruck ihrer Seele sehen.

VA: Welche Sängerinnen und Sänger sucht der Konzertchor?

W.S.: Der Konzertchor Darmstadt ist ein Leistungschor. Der Kern der Sänger kommt aus Darmstadt und Umgebung, manche Sänger reisen aber auch aus Köln oder München an. Es wird erwartet, dass sich jeder mit seiner Stimme beschäftigt und Zeit investiert. Wegen seiner vielen Auftritte arbeitet der Chor projektbezogen. Die Größe und Qualität hängt von den jeweiligen Anforderungen des Werkes ab.

VA: Wie kam es zu den Residenzfestspielen?

W.S.: Der Leiter des Hessischen Forstamtes Darmstadt Arnulf Rosenstock hat im Konzertchor mitgesungen. Er wollte, dass im Jagdschloss Kranichstein, wo er Geschäftsführer der Schlossrenovierung war, mehr als nur Ausstellungen stattfanden. Da haben wir sieben Jahre in Folge die Sommerspiele Jagdschloss Kranichstein veranstaltet. Aus diesen Erfahrungen entwickelten wir die Darmstädter Residenzfestspielen. Auch da haben viele aus dem Konzertchor mitgeholfen und sind nach wie vor ehrenamtlich engagiert. Es gibt inzwischen neben dem Verein Konzertchor Darmstadt e.V. auch den Kulturverein Darmstädter Residenzfestspiele e.V.

VA: Nun zu diesem Jahr. Was steht an?

W.S.: In diesem Jahr wird das 450-jährige Jubiläum Residenzstadt Darmstadt gefeiert. Wir haben eine Interessengemeinschaft mit dem Schlossmuseum, Jagdschloss Kranichstein, dem Landesmuseum und dem Stadtmarketing gebildet, in der jeder auf seinem Spezialgebiet das Thema bearbeitet. Das Motto der Residenzfestspiele vom 28.07. – 08.08. heißt: „KlangDialoge – 450 Jahre Residenzstadt Darmstadt“, mit dem sich jedes Ensemble auseinandersetzen wird. Natürlich ist auch wieder die Italienische Opernnacht dabei.

VA: Herr Seeliger, wir danken für das Gespräch.

Wolfgang Seeliger

  • Ausbildung am Mozarteum und der Universität Salzburg
  • Weiterbildung bei den Dirigenten Kyrill Kondrashin, Franco Ferrara und Herbert von Karajan
  • 1984 bis1990: Assistenz bei Leonard Bernstein
  • Ab 1982 Lehrauftrag an der Musikhochschule Heidelberg-Mannheim
  • 1975 – 77: Staatstheater Darmstadt.
  • 1977: Gründung Konzertchor Darmstadt.
  • Leitung der Darmstädter Hofkapelle und des Philharmonische Orchesters Darmstadt
  • Gastdirigent mit den Münchner Philharmonikern, dem Mozarteum-Orchester Salzburg, der Staatsoper S. Carlos Lissabon, dem Rundfunkorchester Hilversum sowie den Rundfunkchören in Hilversum, München, Stuttgart, Köln und Hamburg
  • Seit 2001: Intendant der Darmstädter Residenzfestspiele
    2006: Goethe-Plakette als höchste Auszeichnung des Landes Hessen für seine Verdienste als
  • „Kulturbotschafter für Darmstadt in aller Welt, für Hessen und für Deutschland“

Der Konzertchor – einer der bekanntesten Chöre Deutschlands

  • 1977    Gründung
  • 1986    Rumänien Tournee
  • 1988    Erster Preis in der Kategorie „Große Chöre“ beim Internationalen  Chorwettbewerb „Let the peoples sing“
  • 1989    Niederlande-Tounrnee
  • 1989    Israel-Tournee
  • 1989    Teilnahme am Lockenhauser Kammermusikfest das unter der Leitung des bedeutenden Geigers Gidon Kremer steht.
  • 1990    Erster Preis in der Kategorie „Kammerchöre“ und  „Silver Rose Bowl“
  • 1990    Japan Tournee
  • 1991    Niederlande Tournee
  • 1993 bis 2000    Veranstalter der Sommerspiele im Jagdschloss Kranichstein
  • 1996    Israel-Tournee
  • 1999    Ukraine-Tournee
  • ab 2001    Veranstalter der Darmstädter Residenzfestspiele
  • 2003    Spanien-Tournee
  • 2003    Korea-Tournee
  • 2004    Frankreich-Tournee
  • 2005    Polen-Tournee
  • 2006    Nordkorea-Tournee
  • 2007    Indonesien-Tournee