Inspiration

„Die, die hart arbeiten, werden irgendwann belohnt“

Terrence Boyd ist ein positiver Typ. Auf und neben dem Platz. Der ehrgeizige US-Amerikaner, der in der Hinrunde treffsicherster Lilien-Stürmer war, versprüht selbst in einer Zeit, in der seine Karriere aufgrund anhaltender Knieprobleme einen kleinen Knick erhalten hat, stets Optimismus und gute Laune. Im Interview verrät der Angreifer unter anderem, wieso er in Darmstadt kein Kabinen-DJ sein möchte, was die Vorteile einer Schildkröte sind und warum er sein Studium trotz bestandener Prüfungen abgebrochen hat.

PK: Du bist jetzt ungefähr seit einem Jahr hier in Darmstadt. Wie lautet dein bisheriges Fazit?

TB: Sportlich etwas durchwachsen. Aber trotzdem eine schöne Zeit, in der ich viel erlebt habe. Leider einen Abstieg, aber da konnte man nicht mehr viel machen. Ich habe die Menschen hier lieben gelernt und Darmstadt mit seinem ganzen Charme so angenommen wie es ist. Bis jetzt ist es eine schöne Zeit, auch wenn wir in letzter Zeit leider für viele nicht so positive Schlagzeilen gesorgt haben, weil es nicht so gelaufen ist wie wir uns vorgestellt haben in der Hinrunde. Dennoch bin ich sehr positiv was die Zukunft angeht.

PK: Wie hast du die Urlaubstage zwischen den Jahren verbracht?

TB: An Weihnachten war ich zuhause. Ich habe ja eine kleine Tochter und da gab es das übliche Prozedere wie zum Beispiel in die Kirche gehen. Das Krippenspiel wird zwar jedes Jahr schlechter, aber es geht ja um die Tradition (lacht). Und danach waren wir noch im Urlaub in Dubai. Man macht ja auch im Urlaub seine Läufe, aber kann mal ein bisschen durchpusten. Und dann ging es ja schon bald los mit der Vorbereitung.

PK: Du hast deine Tochter gerade angesprochen. Ist es einfacher, in sportlich schwierigen Situationen zuhause abzuschalten, seitdem deine Tochter auf der Welt ist?

TB: Ja klar. Man hat einen ganz anderen Blick aufs Leben, eine ganz andere Motivation. Es ist einfach alles anders, das ganze Leben ist viel intensiver. Nach Niederlagen oder wenn man selber schlecht gespielt hat war es früher so, dass man sich schon mal ein paar Tage den Kopf zerbrochen hat. Jetzt weiß man einfach, es gibt schlimmere Sachen im Leben. Wichtig ist, dass es der Kleinen und der Familie gut geht. Das hilft auf jeden Fall und lenkt ab.

PK: Hast du Lieblingsorte in Darmstadt, an denen du besonders oft unterwegs bist?

TB: Ich bin ja ein Riesen Cafe-Typ. Dreiklang ist mein Ding. Zum Woog gehe ich auch ab und zu ins Cafe, aber die haben so komische Öffnungszeiten (lacht). Und in das K und K am Carree, das hat so ein österreichisches Wiener-Kaffeehaus-Flair, da bin ich sehr oft.

PK: Hast du bestimmte Hobbies, denen du außerhalb vom Fußballplatz nachgehst?

TB: Ich habe früher mal Bilder gemalt zum Beispiel, so wie Rosi, aber natürlich nicht so gut. Ich habe immer viele Sachen gemacht, aber jetzt mit einer Tochter ist es natürlich ein bisschen anders. Ich bin ein großer NFL und Giants-Fan und gucke die Spiele, wenn es die Uhrzeit zulässt. Ansonsten bin ich in der Freizeit jetzt eher auf Spielplätzen mit der Kleinen, da freut man sich dann, wenn sie glücklich ist und ein bisschen rumlaufen kann.

PK: Du warst vorher bei RB Leipzig. Ein Verein, der oft angefeindet wird und öffentlich nicht positiv angesehen wird. Hier in Darmstadt ist es das komplette Gegenteil, viel Tradition. Merkt man das selbst als Spieler auch?

TB: Natürlich merkst du das. Ich kann mich noch erinnern, als ich mit RB hier gespielt habe, dachte ich, ich will hier nie wieder herkommen. Als Gegner zumindest (lächelt). Die haben uns das damals nicht einfach gemacht. Da müssen wir jetzt übrigens auch wieder hinkommen, dass sich der Gegner hier am Bölle überhaupt nicht wohlfühlt. Ich kenne ja beide Richtungen, war vorher bei Rapid Wien, auch ein traditionsreicher Verein. Ich bin als Typ Mensch aber eh offen für alles und sehr ehrlich. Und bei RB hat alles gepasst, ich war wieder in Deutschland und sie waren gerade in die zweite Liga gekommen. Ich will die Zeit nicht missen. Es war natürlich Scheisse mit dem Knie, ich war kurz vor dem Karriereende und hatte vier OPs. Das ist natürlich schade, du kommst da hin und willst was zeigen, aber es sollte einfach nicht sein. Es war trotzdem eine schöne Zeit und es waren wirklich korrekte Menschen im Verein. Und jetzt bin ich hier, wo ich mich genauso wohlfühle wie bei Leipzig. Der Platz ist eh überall grün. Die Menschen, das Umfeld vom Klub, die Mitarbeiter, der Stuff, die Mitspieler sind eh überall korrekt, das sind alles Vögel (lacht). Da findest du immer Leute, mit denen du gut klar kommst. Deswegen, an sich gibt es da keine so großen Unterschiede. Klar, finanziell und von der Infrastruktur schon, da müssen wir nicht drüber reden. Aber insgesamt fühlt man sich bei beiden Klubs pudelwohl.

PK: Ihr habt für die Stürmerposition viele gute Spieler im Kader. Sicher ein Vorteil, weil man sich gegenseitig pusht, aber kann es auch ein Nachteil sein weil man weiß, dass man sich eigentlich kein schlechtes Spiel erlauben darf und das Vertrauen etwas fehlt?

TB: Ja gut, damit haben wir uns als Stürmer so ein bisschen abgefunden seit dem Sommer, seit wir so viele waren. Klar fehlt dann schon mal die Ruhe, wenn du weißt, dass es so schnell gehen kann, dass du mal nicht im Kader bist oder spielst oder auf der Bank bist. Aber ich denke das Wichtigste ist erstmal, dass wir alle als Typen generell untereinander sehr gut klarkommen. Und dass es jetzt nicht so ist, dass man dem anderen kein Tor gönnt. Ich freue mich genauso wenn Felix, Artur oder Roman treffen. Und ich denke, sie freuen sich genauso, wenn es bei mir der Fall ist, so schätze ich sie als Typen ein. Im Endeffekt müssen wir es so annehmen, dass Konkurrenz einen stärker macht. Dafür sorgen wir auch tagtäglich im Training und in den Vorbereitungsspielen. Letztendlich soll die Mannschaft, also wir alle davon profitieren, damit wir endlich in die Erfolgsspur zurückkommen.

PK: Im Februar letzten Jahres hat der SV Darmstadt 98 weltweit für Schlagzeilen gesorgt, weil Barack Obama den Lilien auf Twitter gefolgt ist. Daraufhin hast deinen Landsmann nach Darmstadt eingeladen. Hattest du seitdem Kontakt zu ihm oder hast du nochmal etwas gehört?

TB: Nee, überhaupt nicht. Ich weiß nicht, warum er Darmstadt folgt, aber ich hab da einfach mitgemacht und gedacht ich lade ihn mal ein. Ich weiß auch gar nicht, ob ihn das jemals erreicht hat. Aber war lustig (lacht).

PK: Du hast schon unter vielen bekannten Trainern wie Jürgen Klinsmann, David Wagner, Ralf Rangnick und Ralph Hasenhüttl trainert und gespielt. Sogar unter Jürgen Klopp saßt du einmal auf der Bank. Was kann man von diesen Spitzentrainern mitnehmen und wer hat dich am meisten beeindruckt?

TB: Also ich muss sagen, am meisten beeindruckt hat mich einerseits David Wagner, der damals bei den Dortmund Amateuren mein Trainer war. Er kam, so ein bisschen eine Parallele zu hier jetzt mit Dirk Schuster, voll übers Team. Alle waren gleichgestellt, es gab keine Extra-Würste und ging einfach um diesen Teamspirit. Wir sind damals ja aufgestiegen. Gut, es war vierte Liga, aber trotzdem. Wir waren eine ganz neue Mannschaft und das war damals schon sehr prägend. Und außerdem Ralf Rangnick, der einfach erstmal ein überragender Mensch ist. Außerdem ein absoluter Perfektionist, der an Schrauben gedreht hat, wo du dachtest, die gibt es eigentlich gar nicht. Das hat er ja nicht nur bei RB, sondern auch bei Hoffenheim gemacht. Ob Keita und Forsberg, oder die Hoffenheimer früher, er findet Leute, die vorher keiner kannte. Rangnick war auf jeden Fall sehr speziell und es gibt nur noch wenige seiner Art.

PK: Du bist ein bulliger Stürmer mit einem enorm muskulösen Körper. Wie viele Schichten legst du pro Woche im Fitnessstudio ein?

TB: Also ganz ehrlich, nur so einmal die Woche im Schnitt. Wir haben ja einmal in der Woche eine Krafteinheit und zusätzlich gehe ich meistens am freien Tag in den Kraftraum. Aber das ist eigentlich nicht dieses klassische Pumpen. Es ist ganz lustig, dass ich bis ich 18 war immer zunehmen musste, da war ich richtig schmächtig. Und auf einmal hat es Boom gemacht und ich war breit und schwer (lacht). Ich arbeite im Kraftraum eher an Stabisachen für den ganzen Körper, Prophylaxe, um mögliche Schwachstellen, wie zum Beispiel Schulter oder Knie zu trainieren und zu stabilisieren. Explosive Übungen für Antrittsschnelligkeit und Power. Also nicht nur Bizepstraining und Brust, das überhaupt nicht. Ich glaube, da bin ich auch voll die Niete (lacht).

PK: Du hast eine lange Leidenszeit hinter dir, hattest sogar bereits mit einem Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften begonnen, falls es mit dem Fußball nicht mehr klappt. Studierst du immernoch?

TB: Habe ich abgebrochen. Es war ganz komisch, irgendwann ging dann doch wieder die Lust verloren. Das Lustige war, ich hatte im ersten Semester schon alle Prüfungen bestanden und musste nur noch eine Hausarbeit schreiben, aber ich hatte noch nie eine geschrieben und kam mit diesem Gedanken nicht klar, dass ich alles zitieren muss (lacht). Dann habe ich irgendwann gesagt, komm, lassen wir es sein. Aber ich informiere mich so, lese sehr viele Bücher über verschiedene Themen. Früher viele Biografien, dann mal über Finanzen, über Immobilien. Immer verschiedene Eindrücke, um meinen Kopf ein bisschen auf Trab zu halten. Letztens habe ich einen Bootsführerschein gemacht. Ich habe gar nicht vor, mir in der nächsten Zeit ein Boot zu kaufen. Aber ich dachte, jetzt hast du die Zeit dafür und hast es schon mal hinter dir. Und halt solche Sachen, damit du dich weiter ein bisschen forderst.

PK: Du bist ein sehr positiver Mensch, das merkt man ja schon allein am bisherigen Interview. Viele ehemalige Weggefährten von dir beschreiben dich auch als positiv Verrückten. Woher nimmst du diese gute Laune? Hast du ein bestimmtes Lebensmotto?

TB: Ja, auf jeden Fall. Mein Lebensmotto habe ich von meinem verstorbenen Opa, „Es geht immer weiter“. Wenn es zum Beispiel mal Stress zuhause gibt, Sachen nicht gut laufen und die Freundin sauer ist weil das und das nicht geklappt hat, bin ich halt immer positiv und sag dann, es ist halt so, damit müssen wir leben und mit dem arbeiten, was wir haben. Wenn du etwas geplant hast und es ging nicht, musst du halt etwas anderes machen. Es bringt ja nichts, zurückzublicken, sondern du musst in die Zukunft schauen und einfach weitermachen. Und ich denke, so sollte man das Leben angehen. In allen Lebenslagen. Ich sage immer, die, die hart arbeiten, werden irgendwann belohnt und haben das Quentchen Glück auf ihrer Seite. Es ist auch so ein bisschen Karma denke ich, wenn du ein bisschen positiv bist. Für mich macht es keinen Sinn, wenn du die ganze Zeit mit so einer Fresse durch die Gegend läufst und es ist alles schlecht. Dann brauchst du ja gar nicht aufstehen und den Tag angehen.

PK: In Leipzig warst du Kabinen-DJ. Wie läuft es hier mit der Musik in der Kabine?

TB: Hier bin ich es nicht. Ich muss an dieser Stelle mal ganz klar die Führung um Herrn Sirigu kritisieren.(lacht) Da hast du Leute wie Kevin Großkreutz, die am liebsten Schlager hören, und da sind mir einfach die Hände gebunden, da kannst du niemanden zufriedenstellen. Da bin ich gerne nicht Kabinen-DJ. Was wir in der Kabine hören, kannst du teilweise wirklich keinem antun (lacht).

PK: Du hattest ja mal eine Schildkröte namens „Mr. Franky“ als Haustier. Hast du ihn auch mit nach Darmstadt gebracht?

TB: Ja stimmt (lacht). Mr. Franky habe ich nicht mehr, den habe ich abgegeben. Aber es war echt cool. Ich wollte ein Haustier haben war aber zu faul Gassi zu gehen und einen Hund zu holen. Dann dachte ich, wo habe ich minimalen Aufwand und maximale Freude? Dann habe ich mir eine Schildkröte geholt. Da konntest du auch mal übers Wochenende weg sein und hast halt einen Salatkopf mehr reingeschmissen (lacht). Die haben echt alles ausgehalten, war lustig. Aber dann habe ich ihn doch irgendwann abgegeben, woanders ist er bestimmt besser aufgehoben als bei mir.

PK: Wie ist dein bisheriger Eindruck vom neuen Trainerteam um Dirk Schuster und was macht er anders als Vorgänger Torsten Frings?

TB: Ich bin nicht so ein Typ, der vergleicht. Aber ich finde es cool, weil jetzt gerade harte Arbeit und Disziplin angesagt ist. Und das verkörpert der Trainer auch. Wir mussten ein paar Mal echt den Schweinehund überwinden im Trainingslager, das war schon eins der härtesten Trainingslager, die ich hatte, weil es wirklich anstrengend war. Es war auch viel Willensschulung mit dabei, wo du zum Beispiel vier Minuten Unterarmstütz halten musst und ich mir denke, das braucht du auf dem Platz nicht wirklich. Aber er vermittelt uns Werte, damit wir als ein Team und eine Einheit in die Rückrunde gehen. Wie gesagt, ähnlich wie bei David Wagner: Alle sind gleich. Es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Wir sind in einer guten körperlichen Verfassung, mental sind wir eh immer guter Dinge. Auch wenn es richtig schlecht lief, war der Tag danach zwar schlimm, aber danach war es auch wieder positiv in der Kabine. Ich hoffe, dass sich das alles auszahlt. Ich meine, ich kenne Dirk Schuster jetzt auch erst seit ein paar Wochen. Aber was er bei Darmstadt geleistet hat: Ich war damals bei RB und wir mussten noch eine Runde zweite Liga spielen und wie er mit Darmstadt ohne Geld da durchgezogen ist. Da denke ich mal, kann man ihm schon vertrauen, dass er ganz genau weiß, was er tut. Daran glauben wir alle. Gerade die, die schon vorher bei ihm waren.

PK: Ist es wie du sagst vor allem die erste Amtszeit von Dirk Schuster, die einem mental nochmal einen Schub und einen speziellen Glauben gibt?

TB: Es hilft zumindest dabei. Du kaufst ihm das ab und sagst, es lohnt sich, jetzt auch mal ein bisschen durch die Scheisse zu gehen. Das war damals ja ein bisschen so wie die Leicester City-Story, die sogar zum Meistertitel durchmarschiert sind. Und als Trainer musst du da einige Dinge schon richtig gemacht haben, dass so was passiert. Und von daher vertrauen wir ihm da voll und ganz. Da gehe ich dann auch gerne durch die Scheisse in der Vorbereitung. Klar haben wir ihn da schon das ein oder andere Mal verflucht im Training. Also ich sage jetzt wir, ich hoffe nicht, dass ich alleine da stehe (lacht). Aber trotzdem mit dem Hintergedanke, es wird sich lohnen, weil er genau weiß, was er tut.

PK: Dein Vertrag läuft im Sommer aus. Wie ist der aktuelle Stand, sind Gespräche geplant? Und würdest du gerne bleiben?

TB: Puhh, da gibt es noch gar nichts, da kann ich auch nichts sagen. Ich denke, wir gucken einfach mal, wie die Saison weitergeht und dann schauen wir. Wie gesagt, ich fühle mich hier wohl, aber es ist alles offen.

PK: Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für die Rückrunde.