Inspiration

„Den kann mer gebrauche!“

Stefan Krüger im Interview

Der gebürtige Bessunger (im Marienhospital) Stefan Krüger, Präsident vom Karnevalsverein Bessungen und Frontmann der Gruppe Kolonia-Express, ist direkt nach der Geburt nach Roßdorf umgesiedelt worden. Heute lebt er in Reinheim. Wieso ist er dann der Vorsitzende des Bessunger Karnevalsvereins? Pippo Russo – geborener Johannesverdler – sprach mit ihm. Also Reinheimer. Aber …

Stefan Krüger:  … die ganze Familie stammt aus Darmstadt, was ich aber später erst erfahren habe, denn ich bin meine ganze Jugend in Roßdorf aufgewachsen. Die Familie des Vaters ist im Krieg nach Roßdorf ausgewandert. Die der Mutter, eine geborene Pfeifer, ist komplett aus Darmstadt. Der Onkel meines Vaters war der Wendelin Huthmann – der Onkel Willy -, der früher im Heinerfestausschuß und berühmt für seine Büttenreden war. Wahrscheinlich habe ich die Fastnachtsschiene wegen ihm eingeschlagen. Die Wurzeln sind also in Darmstadt. Ich habe aber über dreißig Jahre kein Gebrauch davon gemacht. Mit Heirat und Schwangerschaft meiner Frau stand die Frage an, suchen wir uns jetzt was Eigenes. Da gab´s in Spachbrücken die Möglichkeit und da haben wir die Chance genutzt und wohnen seit 2008 dort. Also Roßdorf und Darmstadt als alter Viktoriaschul-Absolvent waren und sind schon immer Dreh- und Angelpunkt in meinem Leben.

VORHANG AUF: Und wie war der Weg zurück nach Bessungen?

S.K.: Ei, die Bessunger, die Menschen beim KVB, hatten im Echo gelesen, dass es in Roßdorf – wo ich viele Jahre aktiv in der Fatsnacht war – dass es dort Zirkus und tamtam gegeben hatte und dass ich sozusagen frei war. Und dann haben die gedacht: ´Den könne mer gebrauche!´. Nun sind die Bessunger ja ein ganz eigenes Völkchen. Es ist halt ein Dorf in der Stadt. Mit einem eigenen Humor. Mit dem Charly, als einem der größten Humoristen in Bessungen (Charly Landezettel, u.a. Ex-Kerwevadder und Godfather of the Lapping-Humor (Anm. der Red. für Nichtbessunger). Was mir besonders aufgefallen ist: ganz Hessen trinkt Äbbelwoi nur in Bessungen net. Da trinkt man Bier. Und jetzt bin Ich Vorsitzender beim KVB seit 2007.

VA: Was ist der besondere Reiz als Karnevalsvereinsvorsitzender?

S.K.: Der Reiz, es immer wieder aufs Neue hinzukriegen, Menschen zu unterhalten und zum Lachen zu bringen. Ich durfte – wie jedes Kind wahrscheinlich damals – „Mainz bleibt Mainz gucken“. Damals habe ich mit Sicherheit einiges nicht kapiert. Aber die Sitzungsatmosphäre hat mich sehr begeistert. Der erste, der mich beeindruckt hat war der Willy Görsch mit ´de Tramps von de Palz´, den ich auch später nochnmal persönlich auf der Bühne hatte. Das war schon was ganz Besonderes. Das Ganze hat mich als Kind geprägt: Die politisch-literarische Fastnacht aus Mainz und dann später die musikalische aus Köln. Ich bin so reingewachsen, war immer ein lustiges Kerlchen, habe auch Schlagzeug gespielt – Schlagzeuger sind ja immer lustig …

VA: … jaja …

S.K.: Dann hat mich mal ein Freund zu einer Sitzung mitgenommen – in der Halbzeit, sind wir rein, denn da hat´s kein Eintritt mehr gekostet. Ich fand es eigentlich ziemlich lustig. Aber es hat mich damals schon geärgert, dass die Kapelle nicht reagiert hat auf das, was auf der Bühne war. Dass sie nicht mitgespielt hat, keinen Tusch gesetzt hat. Ein Jahr später hat das Männerballett eine Trainerin gesucht, die Squaredance kann. Es wurde keine gefunden und da ich als Kind beim Odenwaldklub war und beim Volkstanz mitgemacht habe und auch so ein bischen Squaredance, habe ich mich gemeldet: „Das kann ich!“ Und daraus sind dann 13 Jahre geworden in denen ich praktisch die „Trainerin“ vom Männerballet war. Parallel dazu habe ich dann zusammen mit meinem Kumpel Stefan Dunkel den Part der Sitzungskappelle im Verein übernommen. Einige Freunde gründeten die Show-Truppe „Gasberg GmbH, Gesellschaft mit beschränktem Humor“. Die Nummer, die wir dann einstudiert haben, war ein Riesenflopp. In einer Woche war die Nummer umgeschrieben. Im gleichen Jahr habe ich auf der „Internen“ Sitzung mit meiner Freundin ein Zwiegespräch vorgetragen mit eingestreuten Fips Asmussen-Witzen, die Nummer hat voll abgeräumt. Und plötzlich sagten alle:“Oh, der kann ja doch was.“ Ich wurde dann Vize-Sitzungs-Präsident und etwas später Präsident. Meine Frage bei der Aufgabe war von Anfang an, was kann man vom klassischen Sitzungsprozedere mit neuen, moderneren Elementen verbinden.
Wir haben in den zehn Jahren, in denen ich dabei war, viel erreicht. Es war eine fantastische Zeit. Wenn Du viel Neues ausprobierst und dich nicht so bierernst nimmst, macht´s mehr Spaß und es kommt auch viel authentischer ´rüber.

VA: Wieviel Zeit verschlingt denn die Arbeit für die Fastnacht?

S.K.: Hahahaha, das willst Du doch nicht ernsthaft wissen. Nun, das eine ist der ganze Bereich des Administrativen. Die Geschicke des Vereins zu lenken. Behörden, Veranstaltungen und und und. In der Fastnachtszeit muß ich dann umschalten vom Organisator zum Spaßvogel. Und da ist´s oft so, dass mir der Freiraum etwas fehlt für den lustigen Bereich. Zwei Komponenten, die sich in der Karnevalszeit nicht so richtig vertragen. Aber ich versuch´s hin zu bekommen. Ich kannn´s in Stunden garnicht aufrechnen. Jeden Abend bis Du da dran. Ich mach mit meiner Frau auch noch den kompletten Kartenvorverkauf für alle Veranstaltungen. Bin auch schon ein Perfektionist. Das Gesamtkonzept bei einer Veranstaltung muß stimmen. Ich mag keine handgeschriebenen Aufsteller. Nichts schnell Hingeworfenes. Nun, ich bin ja auch Marketingmensch. Daher auch der Drang  das alles stimmig sein muß. Aber, ich mach es gerne. Beides, das Administrative und die Unterhaltung.

VA: Apropos, Unterhaltung. Seit wann machst Du denn Musik?

S.K.: Mit neun Jahren habe ich mit dem Schlagzeugunterricht angefangen. Beim Berthold Anhalt von der Akademie – dem Pauker vom Staatstheater – damals noch in seinem Probenkeller in der Bessunger Straße. Ich durfte auch – große Hochachtung vor meiner Mutter – zu Hause Schlagzeug üben. Mit Vierzehn kam dann die erste Band. Und dann haben wir in Roßdorf Stimmungsmusik gemacht. Später beim RCC dann als „Heeelau Sisters“ – in Frauenklamotten.
Als das immer besser wurde und wir auch bei anderen – also ausserhalb Roßdorfs – gespielt haben, funktionierte das mit den Frauenkleidern nicht mehr.
Ich wollte unser Programm „kölnlastiger“ machen. Da war ein entsprechender Name sinnvoll. „Colonia-Express“ ging nicht, gibt´s schon, ist geschützt, ist z.B. auch als Straßenbahn in Köln wie der Datterich-Express in Darmstadt unterwegs. Und dann wurde Kolonia-Express unser Name. Der Name ist Programm. Wir spielen alles, was aus Köln rund um den Fasching so läuft.

VA: Bei dem ganzen Trubel. Wie ist es denn am Aschermittwoch? Ist da Leere, kommt da der Blues?

S.K.: Ne, ne! Gut, die „Normalfastnachter“ sag´ ich jetzt mal, ja, die haben wohl dann das „Wir sehen uns jetzt lange nicht mehr. Jetzt ist erst einmal Sendepause-Problem“. Das ist bei mir schon so mit der Band.
Aber die Arbeit als Vereinsvorsitzender an sich geht weiter. Ich muß mich in den zwei Wochen nach Aschermittwoch drum kümmern, die guten Leute für das nächste Jahr zu engagieren. Überhaupt läßt dann die administrative Arbeit kaum nach.
Dann gibt es noch die Inte-ressengemeinschaft Darmstädter Karnevalsvereine (Foto nebenan auf Seite 17), die sich in den Sechzigern gegründet und später wieder aufgelöst hatte. Die haben wir neu aufgestellt. Als ich nach Darmstadt kam und mit vollem Elan durchziehen wollte hat man erstmal zu mir gesagt: ganz langsam. Und dann kam ich zu dem lockeren Verbund der Darmstädter Fastnachter, der sich zweimal im Jahr getroffen hat – nach der Fastnacht, um zu erzählen, wie schön es war und vor der Fatsnacht, um zu erzählen was man vorhat.  Wir haben versucht das wieder zu beleben. Mit neuen gemeinsamen Aufgaben gings los und jetzt sind alle dabei. Vor vier Jahren wurde die IG dann eintragen. Und jetzt läuft das wie geschmiert. Jetzt trifft man sich viel öfter und bespricht die Dinge, die anstehen. Also ich bin der Falsche für die Frage. Ich kenn keinen Aschermittwoch-Blues.

VA: Wie bekloppt muß man sein, um Fastnachtsvereinspräsident zu sein?

S.K.: Na klar, Fastnachter sind schon ziemlich verrückt. Der Kölner sagt sehr treffend:“naturbekloppt“.

VA: Vielen Dank für das Gespräch.