Inspiration

„Das normale Leben hat mir auch gefallen“

Markus Steinhöfer spielt seit Januar bei den Lilien und hat in seiner langen Karriere schon viel

Ab sofort werde ich die Lilien für Vorhang AUF begleiten. Seit ich denken kann, spielt Fußball in meinem Leben eine übergeordnete Rolle. Ob das Verfolgen der Bundesliga, das Spielen im Verein oder seit zwei Jahren auch das Coachen eines Jugendteams: Für mich gab es bis heute fast immer nur Fußball! Umso mehr freue ich mich, dass ich meine Leidenschaft jetzt auch noch mit einer neuen Erfahrung hier bei Vorhang AUF verbinden kann und zusätzlich noch spannende Einblicke in meinen Lieblingsverein, den SV Darmstadt 98, bekomme. Schon das Mitwirken in der aktuellen Ausgabe hat mir großen Spaß gemacht und ich freue mich auf alle weiteren, die folgen!
Eurer Phil

erlebt. Im Interview spricht der gebürtige Bayer unter anderem über ungewisse Monate im vergangenen Sommer, seinen Auslandsaufenthalt in Tschechien und die Gründe für seine Vertragsverlängerung in Darmstadt.

PK: Du bist ja jetzt schon fast ein Jahr hier bei den Lilien. Hast du dich schon gut eingelebt? Wie gefällt dir die Stadt, die Umgebung?

Steini: Klar hab ich mich jetzt mit der Zeit relativ gut eingelebt, das passt. Ich fühle mich wohl.

PK: Was machst du denn in deiner freien Zeit, wenn mal kein Training oder Spiel ansteht?

Steini: Ich geh ab und zu gerne Bouldern, das ist so meine Freizeitbeschäftigung. Ansonsten mache ich mit Kumpels etwas und wenn meine Freundin da ist machen wir auch mal einpaar Ausflüge.

PK: Du hast dein Vertrag vor zwei Monaten vorzeitig verlängert, obwohl du erst in der letzten Winterpause bei den Lilien unterschrieben hast. Wieso warst du dir denn nach so kurzer Zeit schon sicher, dass du gerne noch länger bleiben möchtest?

Steini: Das war natürlich auch, weil der Trainer auf mich zukam und gesagt hat, er sei zufrieden mit mir und könnte sich das vorstellen und ob ich daran Interesse hätte. Das zeigt natürlich dann auch eine gewisse Wertschätzung und dass man auf dem richtigen Weg ist und deswegen musste ich da gar nicht lange überlegen. Ich bin jetzt 31 und habe auch keine große Lust mehr, nochmal groß umzuziehen (lacht). Ich fühle mich wohl hier und das war für mich ein positives Zeichen. Deswegen habe ich nicht lange überlegt und verlängert. Und ich hoffe, alle Parteien sind zufrieden damit.

PK: Du hast schon in mehrere Interviews davon gesprochen, dass es bei den Lilien familiärer ist als bei anderen Klubs. Kannst du noch einmal genau erläutern, was du damit meinst?

Steini: Ich hab ja die Anfangszeit nicht mitbekommen damals nach der Insolvenz, und es musste sich natürlich einiges verändern infrastrukturell, aber ich glaube der Zusammenhalt im Verein, der ist geblieben und den hat man aufrechterhalten. Es sind immer noch viele Leute da, die damals mit angepackt haben und das ist schon selten im Profigeschäft. Familiär ist insgesamt einfach der Umgang miteinander im ganzen Verein, das zeichnet den Verein auch aus. Allein das Stadion, die Bedingungen hier, das ist alles so ein bisschen „back to the roots“ und das ist glaube ich schon einmalig im deutschen Profifußball.

PK: Du hast über zwei Monate nur trainiert, bis du den Vertrag dann im Januar unterschrieben hast. War es deswegen schwerer, sich ins Team zu integrieren, weil du nicht bei den Spielen dabei warst?

Steini: Nein, da hat die Mannschaft sich echt cool verhalten mir gegenüber. Klar hatte ich am Wochenende immer frei quasi. Aber die Mannschaft hat es mir von Anfang an einfach gemacht und deswegen ist es für mich dann einfacher gewesen, die Zeit zu überbrücken. Natürlich hofft man dann irgendwann auf den entscheidenden Satz und den hat Torsten dann zu mir gesagt als er meinte, dass ich ins Trainingslager mitfahren soll. Danach hat er sich entschieden gehabt, was mich natürlich gefreut hat. Das hat mich dann natürlich noch einen Tick mehr in die Mannschaft integrieren lassen, ist ja klar.

PK: Es gibt ja fast bei jeder Mannschaft einen Einstand, bei dem man etwas Bestimmtes machen muss, wenn man neu zu einem Team dazukommt. Was musstest du denn machen, als du deinen Vertrag bei den Lilien unterschrieben hattest?

Steini: Ja, das gibt es überall. Entweder man zahlt einen gewissen Betrag X oder man macht ein Essen. Ich habe erstmal meinen Einstand bezahlt, hatte dann aber kurz danach Geburtstag und habe dann ein Weißwurstfrühstück gemacht für uns. Damit hier auch mal ein bisschen die bayrische Kultur rein kommt (lacht).

PK: Du hast viel Erfahrung und viele Stationen hinter dir. Gibst du jüngeren Spielern aus dem Team auch mal Tipps und Anregungen und erzählst von deiner Karriere? Zum Beispiel, wie es ist, gegen Neymar zu spielen?

Steini: Also so einer bin ich nicht, dass ich da erzähle gegen wen ich gespielt habe und wo (lacht). Das gehört zu mir, natürlich. Ich hatte diese Möglichkeiten und tolle Momente. Aber ich versuche natürlich schon, Tipps zu geben, wenn mich die jungen Spieler fragen oder wenn ich mal was sehe. Wenn sie es dann annehmen, freue ich mich. Wenn nicht, dann ist es so, das ist jedem seine Sache. Zum Glück hatte ich Erfolge in meiner Karriere, aber es ist jetzt nicht so, dass ich damit hausieren gehe. Ich möchte aber versuchen, den Jungen weiterzuhelfen. Das hatte ich damals auch in meiner Zeit, dass ältere Spieler mir versucht haben zu helfen, und das möchte ich natürlich auch tun.

PK: Du hast in deiner bisherigen Darmstädter Zeit zwar einige Spiele gemacht, aber einen richtigen Stammplatz hast du dir bisher noch nicht erarbeitet, weil du mit Sandro Sirigu natürlich auch große Konkurrenz hast. Trotzdem bist du immer positiv und versprühst gute Stimmung im Team. War das schon immer so, wenn du mal draußen warst oder ist das etwas, was im Laufe der Karriere reift?

Steini: Ich glaube schon, dass das reift. Ich glaube wenn man Anfang zwanzig ist, dann sieht man die Dinge ein bisschen anders. Das soll nicht heißen, dass ich jetzt nicht ambitioniert wäre, zu spielen. Ich will natürlich spielen, jeder will spielen. Aber ich glaube mit 31 sieht man es einen Ticken lockerer, ohne dass man seinen Ehrgeiz verliert. Wie gesagt, jeder aus unserem Kader will in der ersten Elf sein, das ist ja logisch. Ich glaube, dass es in unserem Fall rechts hinten schon ein Härtefall ist. Aber wenn wir am Ende erfolgreich sind, profitieren wir alle davon. Deswegen müssen wir uns alle pushen, alle versuchen, für das große Ganze zu leben. Auch wenn es manchmal nicht einfach ist, ich glaube da spreche ich nicht nur für mich, sondern für jeden, der auf der Bank sitzt. Am Ende wollen wir aber wie gesagt alle davon profitieren, das ist das große Ziel und bisher funktioniert es super. Wir haben eine gute Truppe, wir halten alle zusammen und ich hoffe, das bleibt auch so.

PK: Du hast in deiner Karriere in insgesamt fünf Ländern gespielt. Wo hat es dir am besten gefallen und warum?

Steini: Natürlich ist es in Deutschland am Schönsten. Das ist mein Land, da komme ich her, das ist meine Sprache. Ich bin auch wahnsinnig froh, wieder in Deutschland zu sein. Vor allem nach der Erfahrung in Prag, auf die ich im Nachhinein hätte verzichten können. Aber im Nachhinein ist man da ja immer schlauer. Also ganz klar, ich bin Deutscher und ich fühle mich in Deutschland am wohlsten.

PK: Kannst du etwas genauer erläutern, was in Prag so schlecht gelaufen ist?

Steini: Ich kam an, es war am Anfang alles okay und dann hatten wir mal eine schlechtere Phase und die Ausländer wurden irgendwie dafür verantwortlich gemacht. Das ist im Fußball vielleicht mal so, aber das Schlimmste war eigentlich, dass es bei der Integration von ausländischen Spielern, die ja eh schwierig ist in einem Land mit einer Sprache die absolut nicht sprechbar ist für uns, dass es da kaum Unterstützung gab. Und das machte es sehr schwierig. Durch meine Auslandsaufenthalte versuche ich auch, den Ausländern bei uns im Team zu helfen, weil ich weiß, wie es ist. Jamie zum Beispiel, der von so weit weg kommt, das ist schwierig in einem anderen Land. Du sprichst die Sprache nicht, das ist alles neu. Deswegen versuche ich da auch so eine Art Integrationsmitspieler zu machen, weil ich eben weiß, wie schwierig es ist und wie hilfreich es war, wenn mir damals geholfen wurde.

PK: Du warst mehrmals Meister in deiner Karriere, hast mit Basel in der Europa League Manchester United ausgeschaltet, hast Champions League gespielt und warst dann letzten Sommer vertragslos: Wie verarbeitet man das?

Steini: Das ist das Fußballgeschäft. Das ist nicht einfach gewesen, aber ich wusste schon, worauf ich mich einlasse.. Ich hätte noch ein Jahr Vertrag in Prag gehabt, habe ihn aber bewusst aufgelöst, weil ich es da nicht mehr ausgehalten habe. Dann habe ich lieber in diesen sauren Apfel gebissen und gesagt okay, dann bin ich vielleicht erst Mal eine Zeit vereinslos. Die alten Erfolge sind etwas Schönes und die kann mir auch keiner nehmen. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich mir gedacht habe, du hast Champions League gespielt und jetzt bist du da. Das war eine tolle Zeit und die kann mir wie gesagt keiner nehmen. Aber einer meiner Trainer Giovanni Trapattoni hat mir mal gesagt, die Vergangenheit interessiert nicht. Und das ist einfach so. Das ist im Fußballgeschäft glaube ich noch krasser als bei anderen Dingen. Deswegen, je weniger Gedanken man sich darübermacht, desto besser. Und am Ende ist es hier ja zum Glück auch gut gekommen.

PK: Macht man sich da dann auch Gedanken, wie das Leben ohne Fußball weitergehen würde?

Steini: Ja, klar. Ich muss auch ehrlich sein, ich hatte mich im Kopf auch schon damit auseinandergesetzt, was ist, wenn es nicht mehr klappt. Ich habe angefangen, zuhause so ein normales Leben zu führen, was ich so ja bestimmt 15 Jahre lang nicht hatte. Es hat mir auch gefallen, aber trotzdem fehlt einem der Fußball. Ich hab mich ja auch tagtäglich bei Bayern München fit gehalten. Ich habe also auch viel Aufwand betrieben, um dann für den Tag X vorbereitet zu sein. Fußball ist das, was ich liebe und was ich gerne spiele. Deswegen war es mir das auch wert. Aber es war schon ein hoher Aufwand und man hat sich natürlich auch mit dem Gedanken auseinander setzen müssen. Wenn man das nicht macht, dann ist man nicht ganz clever (lacht).

PK: Du hast in Europa fast alles gesehen, viele große Stadien. Wie war das dann für dich, als du hier am Böllenfalltor eingelaufen bist und statt der Champions League-Hymne das Lilien- Lied gespielt wurde?

Steini: Also die Lilien-Hymne ist sehr cool, finde ich. Ein richtiger Gute-Laune-Song. Natürlich habe ich viele Stadien gesehen und in großen Arenen gespielt, aber ich muss sagen, das Bölle ist schon speziell. Das ist noch so ein richtiges Stadion, so ein Original. Ich finde es sehr sympathisch hier, ich bin gerne hier. Es muss nicht immer eine neue Arena sind. Deswegen ist das Bölle schon sehr speziell und ich glaube, die Gegner kommen auch nicht gerne hier her. Aus vielen Gründen (lacht).

PK: Wie zufrieden bist du denn mit dem Saisonstart der Lilien?

Steini: Ich glaube, mit dem Saisonstart kann man auf jeden Fall zufrieden sein. Wir sind vorne dabei, die Punkteausbeute ist gut. Das Spiel gegen Bochum hätten wir uns ersparen können, aber das ist klar, dass so was auch mal kommt. Es geht nicht immer bergauf. Natürlich wäre es wünschenswert, aber wir sind nicht der FC Bayern oder Barcelona. Deswegen können wir zufrieden sein. Wir müssen weiter Gas geben, uns wird nichts geschenkt. Wir müssen immer an unsere Grenze gehen, um erfolgreich zu sein. Aber wenn wir das machen, sind wir auch schwer zu schlagen. Wir müssen an uns selber glauben, wir haben eine super Mannschaft, ein super Trainerteam, Qualität und Potential. Aber wir müssen es jedes Mal ausschöpfen.

PK: Dürfen die Fans vom Aufstieg träumen?

Steini: Ich würde mal sagen, jeder kann träumen, wovon er will, das ist klar. Wir sind alle realistisch genug in der Mannschaft. Wir wissen, dass wir eine gute Mannschaft haben, da müssen wir uns auch nicht selber irgendwas vormachen. Aber es braucht noch so viel mehr, um am Ende dann oben zu stehen. Wir sind am Anfang der Saison, es kann noch so viel passieren. Wenn wir Gas geben, wenn wir hundert Prozent spielen, sind wir schwer zu schlagen. Wenn man schwer zu schlagen ist, dann gewinnt man Spiele. Und wenn man Spiele gewinnt, ist man vorne dabei, das ist eine logische Konsequenz. Aber was am Ende dann ausschlaggebend ist, dass man das letzte Quäntchen hat, das muss man sehen. Wir wollen auf alle Fälle so weiter machen wie jetzt. Und ich glaube dann stehen die Chancen, dass man im oberen Drittel dabei ist, nicht schlecht.

PK: Was ist denn wahrscheinlicher: Der Aufstieg oder, dass du ein Saisontor machst?

Steini: Am liebsten wäre mir im entscheidenden Spiel das Tor zu schießen, dass wir aufsteigen (lacht). Spaß beiseite, ich bin ja nicht als der Mega-Torschütze bekannt, ich bin mehr der Vorbereiter.. . Aber was jetzt wahrscheinlicher ist, keine Ahnung, da brauchen wir jetzt nicht spekulieren. Ich hoffe, dass beides eintreten kann.

PK: Was würdest du dir denn zum Abschluss deiner Karriere noch einmal für eine Schlagzeile wünschen über dich?

Steini: Da habe ich mir noch keine Gedanken drüber gemacht, ich muss nicht groß in der Zeitung stehen (lacht). Da seid ihr dafür zuständig, ihr könnt euch Schlagzeilen aussuchen. Ich sag mal, wenn man die Karriere mit einem positiven Ereignis beenden kann, ist das immer toll. Aber dass ich da jetzt persönlich groß in den Schlagzeilen sein muss, das war noch nie mein Ding und das ist auch in Ordnung so.

PK: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg weiterhin.