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„Dann bist du halt der Depp…“

Joël Mall wechselte im Sommer von den Grasshopper Zürich zu den Lilien, verlor im Sommer den Kampf um die Nummer Eins im Tor gegen Heuer Fernandes nur knapp und hütet seit dessen Verletzung den Kasten der Lilien. Im Interview spricht der Schweizer Keeper unter anderem über seine Erfahrungen, das erste Mal länger weg von zuhause zu sein, seine Lieblingsorte in Darmstadt und die Besonderheiten der Torwartposition.

es ist erst zwei Monate her, dass ich die Lilien erstmals für Vorhang AUF begleiten durfte, und doch kommt es mir aufgrund der komplett veränderten Stimmungslage rund um den SV 98 wie eine halbe Ewigkeit vor. Aber gerade in diesen Momenten, wo Ernüchterung einkehrt, sollten wir Fans noch stärker hinter der Mannschaft stehen und die insgesamt positive Entwicklung des Vereins nicht außer Acht lassen. Langfristige Verträge von jungen Spielern und dem Trainerteam sowie der vorgelegte Plan eines neuen Stadions am Standort Böllenfalltor sind Meilensteine für die langfristige Zukunft der Lilien, die vor wenigen Jahren noch undenkbar schienen. Und es wird nicht mehr lange dauern, bis sich die Mannschaft auf dem Platz wieder das nötige Spielglück erarbeitet und sich auch die kurzfristigen Erfolge wieder einstellen. Viel Spaß beim Lesen der aktuellen Ausgabe!

Phil Klüh (PK): Du bist ja das erste Mal in deiner Karriere weg aus deiner Heimat in der Schweiz. Wie waren die ersten Monate hier für dich? Gibt es etwas, was du besonders vermisst?

Joël Mall (JM): Ich glaube das ist schon speziell, wenn du für eine längere Zeit dein Umfeld und deine Freunde nicht direkt bei dir hast. Aber darauf habe ich mich eingelassen, das wollte ich auch. Und ich bin ja auch nicht zu weit weg, ich bin schon ein paar Mal zuhause gewesen jetzt. Du machst einfach viele neue Lebenserfahrungen, bist auf dich alleine gestellt. Das Land ist mir zwar nicht fremd, aber es sind viele Sachen trotzdem anders. Du musst dir deine Basis selbst erarbeiten, musst dir Leute um dich suchen. Das habe ich gemacht und das sind gute Erfahrungen, die mich sicher auch persönlich weiterbringen.

PK: Deutschland ist ja bekannt als Torhüterland. Wieso bist du als Schweizer diesen Schritt gegangen im Wissen, dass die Konkurrenz hier besonders groß ist?

JM: Davon kann man auch profitieren, das war mein Gedanke. Wenn du siehst, wie viele gute Torhüter es in Deutschland gibt, muss auch die Schule gut sein. Ich habe ein gutes Gefühl mit Dimo Wache gehabt und ich wollte hierher kommen um zu profitieren und möglichst viel mitzunehmen.

PK: Was ist denn hier bei Darmstadt 98 anders als bei deinen bisherigen Vereinen?

JM: Bei jedem Verein sind Sachen anders. Bei Grasshopper Zürich war zum Beispiel alles  moderner, das ist hier bei Darmstadt ein bisschen traditioneller. Dafür hat man hier viel mehr Begeisterung, viel mehr Fans, viel mehr Aufmerksamkeit. Ich glaube, die ganze Stadt lebt für den Fußball. Das war in Zürich das komplette Gegenteil, da hast du zwar schön viel Platz in der Kabine gehabt und einen super Kraftraum, aber am Ende hast du nur 5000 Zuschauer im Stadion gehabt. Das ist der große Unterschied zu hier.

PK: Du warst bestimmt schon ein paar Mal in der Stadt. Wie gefällt dir die Stadt an sich und hast du schon ein paar Lieblingsecken, an denen du dich gerne aufhältst?

JM: Ich war zuerst lange im Welcome Hotel, dann zwei Monate über Airbnb in verschiedenen Wohnungen in der Stadt und bin schon ein bisschen rumgekommen. Ich mag die Innenstadt, es gibt viele coole Plätze. Im Sommer war ich oft im Herrngartencafe. Ansonsten gehe ich gerne im Dreiklang frühstücken, das macht glaube ich jeder gerne in Darmstadt. Mit Freunden gehe ich auch gerne in der L‘Osteria essen.

PK: Du warst bei den Grasshopper Zürich zwar kein fester Stammkeeper, hast aber in zwei Jahren über 30 Spiele gemacht. In Darmstadt saßt du die ersten neun Spiele bis zur Verletzung von Heuer Fernandes auf der Bank. Hat sich der Wechsel für dich bisher trotzdem gelohnt?

JM: Bei den Grasshopper Zürich hatte ich auch ein paar Verletzungen, deswegen war immer eine gewisse Unterbrechung zwischen den Spielen. Ich war aber größtenteils schon die Nummer Eins. Klar wollte ich hierherkommen, um zu spielen. Aber du brauchst in jedem Verein drei gute Torhüter. Ferro ist einer der besten Keeper der zweiten Bundesliga, das hat er in den ersten Spielen sicher auch gezeigt. Ich will mich da trotzdem zeigen, obwohl die Entscheidung am Anfang gegen mich gefallen ist. Jetzt ist die Verletzung von ihm passiert, das ist im Fußball ab und zu so. Jetzt will ich mich einbringen und dem Team helfen. Der Start war nicht so gut, aber jetzt hoffe ich, dass ich meine Stärken, die ich habe, auch zeigen kann.

PK: Was würdest du als deine Stärken im Torwartspiel bezeichnen und an was musst du in der Zukunft vielleicht noch arbeiten?

JM: Ich glaube, ich bin ein relativ mutiger Torwart. Ich komme raus bei Flanken, Strafraumbeherrschung ist eine meiner Stärken. Sicher auch Eins gegen Eins. Das sind meine Hauptstärken. Verbessern kannst du dich am Schluss in jedem Bereich. Sowohl bei den Stärken, als auch bei den Schwächen.

PK: Wieso hast du dich denn entschieden Torwart zu werden und wann?

JM: Das war relativ früh. Schon mit acht, neun Jahren war ich Torhüter. Warum genau kann ich nicht erklären. Es war eine Position, die mich immer fasziniert hat. Du bist viel im Mittelpunkt, bist entweder der Depp oder der Held, viel dazwischen gibt’s nicht. Das macht es interessant.. Wenn du einen Fehler machst, bist du halt der Depp, aber das macht dich aber auch stärker. Es gibt halt so Spiele wie montags gegen Nürnberg, wo nicht alles gelingt und da musst du dann mental stark sein, weil jeder im Stadion das sieht. Aber wenn du eine coole Parade machst, wirst du dafür auch gefeiert. Das ist ein schmaler Grat, aber das macht es interessant.

PK: Dein Vater war Handballnationalspieler, du hast dich auch kurzzeitig im Handball versucht. Hast du mit der Torwartposition dann so eine Art Kompromiss gefunden?

JM: Kann sein, das habe ich so noch gar nicht überlegt (grinst). In der Schweiz war Handball viel populärer früher, aber als ich dann angefangen habe, in den Verein zu gehen, hat niemand mehr Handball gespielt. Ich habs probiert, aber wenn alle Freunde Fußball spielen, dann will man es selbst natürlich auch. Auf dem Pausenplatz wurde nicht Handball gespielt, da wurde Fußball gespielt. Dann spielst du dementsprechend auch Fußball und so hat das seinen Lauf genommen.

PK: Du hattest eine langwierige Verletzung als du 17 Jahre alt warst. Hast du trotzdem immer daran geglaubt, Profi zu werden?

JM: Ich habe den Profivertrag ja schon vorher unterschrieben gehabt und war als Stammkeeper eingeplant und dann kam diese lange Verletzung. Weil es immer wieder ungewiss war, wie lange es noch geht und ob es noch gut wird hab ich dann schon Momente gehabt, in denen ich mit dem Profifußball quasi abgeschlossen habe. Ich habe dann auch ein Vollzeitstudium der Wirtschaft angefangen, habe aber trotzdem weiter Therapien gemacht. Mit der Zeit habe ich im Kopf dann aber auch zu mir gesagt, wenn es nicht klappt, klappt es nicht. Ich habe alles probiert, habe aber schon zweigleisig geplant. Und in diesem Moment wurde es dann, ich kann nicht sagen warum, aber es wurde besser. Dann ging es unglaublich schnell. Der Trainer hat mich nach 16 Monaten Pause nach zwei Wochen Training wieder ins Tor gestellt.

PK: Die Torhüterposition ist speziell, meistens streiten sich wie bei euch drei Keeper um eine einzige Position. Wie ist das Verhältnis zu deinen Torwartkollegen?

JM: Ich war nie der Typ, der neben dem Platz irgendwelche Spielchen machen muss. Ich wollte das auch nicht, weil am Ende musst du jeden Tag, jedes Training mit den Leuten trainieren und mir ist es wichtig, auch Spaß und ein gutes Verhältnis zu haben. Das liegt dann auch immer am Gegenüber. Es war nicht immer sehr gut in meiner Karriere, aber ich denke, ich wollte immer ein gutes Verhältnis und an mir hat es eigentlich nie gelegen. Wenn dann aber jemand falsch ist, dann bin ich logischerweise auch nicht der Netteste. Glücklicherweise sind wir hier mit Ferro, Flo und Dimo ein super Team. Klar will jeder spielen, aber das passiert alles auf dem Platz. Und ich glaube neben dem Platz und im Training sind wir echt ein gutes Team. Ferro war verletzt, ich hab ihm gesagt scheisse, er hat mir gesagt jetzt bist du dran, gib alles. Flo ist hintendran, trainiert sehr gut. Wir sind eine Einheit zusammen und ich habe selten so eine gute Stimmung im Torwartteam gehabt.

PK: Mit Mathenia und Esser sind zwei ehemalige Lilien-Keeper bei Bundesligisten unter Vertrag. Zudem sind einige Schweizer Torhüter in der Bundesliga unterwegs. Ist das auch dein langfristiges Ziel, dort hinzukommen?

JM: Nein, ich wollte eigentlich immer Regionalliga spielen (lacht). Spaß beiseite. Logisch ist das ein Ziel. Im Fußball hast du Ziele, aber es ist ein Tagesgeschäft. Jetzt zählt immer das nächste Spiel. Langfristig hast du schon Pläne, aber da musst du jeden Tag arbeiten, dann kommt es so, wie es kommen muss, wenn du jeden Tag alles gibst. Du kannst nicht sagen: In einem Jahr will ich da hinwechseln oder ich will noch vier Jahre hierbleiben. Das ist in diesem schnelllebigen Business unmöglich. Ich versuche die Momente zu genießen und jeden Tag besser zu werden.

PK: Wie sehen die Vorbereitungen auf ein Spiel bei dir aus? Guckst du dir gegnerische Stürmer vor dem Spiel an und schaust, was sie für Lieblingsecken haben oder handelst du eher intuitiv?

JM: Ja logisch. Auf diesem Niveau mit den heutigen Möglichkeiten. Wenn du das nicht machst im Profibetrieb ist das fahrlässig. Ich meine in der Schweiz kenne ich jeden Spieler -in und auswendig, da musste ich das in den letzten Jahren nicht mehr so intensiv machen, da spielst du vier Mal im Jahr gegeneinander. Hier mache ich das sicher mehr. Ich informiere mich über die Stürmer, Spieler  und über die Standardschützen. Du probierst dich darauf vorzubereiten, aber im Spiel ist dann trotzdem vieles intuitiv.

PK: Ihr habt in den letzten Spielen sehr viele Gegentore bekommen. Was kann man denn als Torwart machen, um den Team Sicherheit zu geben? Außer Bälle halten.

JM: Klar, Bälle halten wäre gut. Aber die Defensivarbeit fängt schon beim Stürmer an. Es war bei uns oftmals eine Fehlerkette, in der viele involviert waren. Wir müssen da zusammen rauskommen, du kannst das nicht nur an der Abwehr oder irgendwem festmachen. Das waren jetzt fünf, sechs Spiele, in denen wir zu viele Tore bekommen haben. Das haben wir angesprochen, wir wollen das ändern. Und wir werden das auch ändern.

PK: Was muss sich denn insgesamt bei den Lilien ändern, damit die nächsten Spiele wieder erfolgreicher gestaltet werden können?

JM: Ich hatte das Gefühl, in Düsseldorf sind wir schon auf einem guten Weg gewesen. Vor allem in der zweiten Halbzeit. Klar, wenn du nach zwei Minuten so ein Standardtor bekommst ist es schwierig, dann musst du wieder einem Rückstand hinterherlaufen. Wir haben aus einer kompakten Defensive versucht, Nadelstiche zu setzen. Wir haben ja auch ein paar große Chancen gehabt. Zuerst einmal müssen wir kompakt stehen und aus diesem Konzept dann auch trotzdem mutig angreifen und uns mal etwas trauen. Ich denke, wir hatten auch nicht unbedingt Wettkampfglück in den letzten Spielen und dann fällt das auch wieder auf unsere Seite.

PK: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg weiterhin.